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Keinen lieben Vater?
Tim war gerade mal 13 Jahre alt und schon ein Schlägertyp. Eines Abends betritt er die Jugendräume des Gemeindehauses.
Er nimmt sich eine Bibel, liest ein paar Sätze und sagt dann verächtlich: Lieber Vater? Ich habe keinen lieben Vater! Tim hatte wirklich keinen lieben Vater.
Bis heute denke ich bei den Worten Vater unser im Himmel an diese Szene. Was muss Tim nicht alles erlebt haben, um so zu reden! Und was für ein Glück habe ich doch, dass ich mit dem Wort Vater nicht solche schrecklichen Erinnerungen verbinde. Für Tim ist viel verloren gegangen: Vertrauen wurde zu Misstrauen, statt Geborgenheit erlebte er Wut und Überforderung, statt Liebe schlug ihm Hass entgegen. An diesem schrecklichen Erlebnis ist mir klar geworden, dass es etwas Besonderes ist, einen guten Vater zu haben.
Und so erinnert mich jedes Vaterunser daran, dass ich als Vater eine ganz besondere Verantwortung habe. Wenn ich will, dass meine Kinder mit den Worten Vater unser im Himmel etwas positives verbinden, dann fordert das auch mich heraus: Weil Gott zu mir wie ein guter Vater ist, lerne ich im Glauben auch etwas darüber, was das heißt: ein guter Vater sein.
Jesus hat uns in der Geschichte vom verlorenen Sohn das Bild eines guten Vaters vorgemalt. Der Vater nimmt seinen Sohn wieder auf, nachdem dieser sein Erbe vom Vater gefordert hat, nachdem er ihn und die Familie im Stich gelassen hat, um das eigene Leben zu genießen - und zwar in vollen Zügen.
Doch der Vater lässt sich - allen inneren Verletzungen zum Trotz - in der Liebe zu seinem Sohn nicht beirren: Als der Sohn gescheitert zurückkommt, nimmt er ihn wieder auf. Nicht widerwillig, nicht mit Vorwürfen oder einem Ich habe es doch gewusst!. Nein, der Vater freut sich ganz einfach und er nimmt seinen Sohn in den Arm.
Diese Geschichte sagt zunächst natürlich etwas darüber, wie Gott ist - eben so wie dieser Vater. Er liebt uns, er vergibt uns Fehler, selbst dann, wenn wir ihn schwer verletzt haben. Aber diese Geschichte erzählt uns auch etwas über uns als Väter - und als Mütter. Denn wer kann, wenn er so einen Vater im Himmel hat, sein eigenes Kind nicht lieben, ihm nicht vergeben, es nicht in den Arm nehmen allen Verletzungen, allen Streit zum Trotz? Schon allein deswegen ist es gut, wenn Menschen zu Gott als ihrem Vater beten dabei lernt man nämlich auch etwas über sich selbst.
Was hätte es für das Leben von Tim bedeutet, wenn sein Vater einmal mit Ernst diese Worte gebetet hätte: Vater unser im Himmel? - Vielleicht wäre Tims Leben anders verlaufen, vielleicht hätte sein Vater ihn ganz anders wahrgenommen. Vielleicht ...
Niemand, selbst Gott nicht, kann einem das Ersetzen, was die Beziehung zum eigenen Vater, zur eigenen Mutter bedeutet. Und doch hoffe ich, dass Tim vielleicht eines Tages entdeckt hat oder vielleicht noch entdeckt, dass es für alle Menschen einen wirklich liebenden Vater gibt - auch für ihn, der noch nie erlebt hat, was das heißt.
Keinen lieben Vater?
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