Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.11.07, Pfarrer Jochen Müller

Wider den anonymen Bestattungstrend

Aus dem fünften Jahrhundert vor Christus soll der Satz stammen: „Ein Volk wird daran gemessen, wie es seine Toten bestattet.“ Na dann: armes Deutschland!

Seit vielen Jahren steigt in Deutschland nämlich die Zahl der anonymen Bestattungen. Noch Anfang der 90er Jahre waren nur ungefähr 5% aller Bestattungen anonym. Doch heute sind es - insbesondere im Osten - bereits über 50% - kaum zu glauben: Jede zweite Bestattung läuft dort anonym.

Ich frage: Was tun wir da eigentlich, wenn wir anonym bestatten? Da werden die sterblichen Überreste von Menschen irgendwo bestattet, ohne dass es einen konkreten Ort gibt, an den Hinterbliebene mit ihrer Trauer kommen können. Wohl gibt es eine Wiese oder einen Wald – aber einen konkreten Ort gibt es nicht. Gerade im November, wenn Christen auf die Friedhöfe gehen und ihrer Toten besonders gedenken, spüren manche die Lücke, die eine anonyme Bestattung hinterlässt. Besonders problematisch finde ich es, wenn der Name des Verstorbenen, der Verstorbenen nicht mehr aufgeschrieben wird. Nirgendwo ein Stein, ein Schild, auf dem Vorname und Name, Geburtstag und Sterbedatum verzeichnet sind. Wie schnell verwischt und verschwindet die Erinnerung. Für mich wird das Bestatten da zum spurlosen Verscharren. „Ein Volk wird daran gemessen, wie es seine Toten bestattet.“ In der Bibel galt das Vergessen des Namens als der eigentliche Tod und als Strafe Gottes. Im fünften Buch Mose wird dem Gottlosen gedroht:

Sprecher: Einem solchen Mann wird der HERR nicht gnädig sein, sondern sein Zorn und Eifer wird entbrennen gegen ihn, und seinen Namen wird der HERR austilgen unter dem Himmel (5.Mose 29,19)

Autor: Wenn der Name eines Menschen ausgelöscht wird, dann galt dies als Strafe Gottes. Wer sich heute eine anonyme Bestattung wünscht, der sieht das sicherlich nicht so. Eher denkt man an die Angehörigen. Will ihnen nach dem Tod nicht noch unnötig zur Last fallen mit hohen Bestattungskosten und einer mühsamen Grabpflege. Dennoch: Wenn der Name nirgends mehr aufgeschrieben ist, wie schnell verblasst dann die Erinnerung. Wollen wir am liebsten gar keine Spuren mehr hinterlassen und sang- und klanglos von dieser Welt verschwinden?

Ich glaube, mit der zunehmenden Zahl von anonymen Bestattungen geht uns ein Teil unserer eigenen Geschichte, unseres eigenen Lebens verloren. Es muss ja kein Stammbaum sein, den man bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Aber die Namen unserer direkten Vorfahren könnten schon in unserem Gedächtnis und auf unseren Friedhöfen bewahrt werden. Und wenn es keine Angehörigen mehr gibt? Selbst dann – so finde ich – sollten wir auf den Namen nicht verzichten, denn schließlich verbirgt sich dahinter eine ganze Lebensgeschichte mit Hoffnungen, Fragen und Zweifeln, mit Leidenschaft, Mut und Verzweiflung. Ein kleiner Stein in der Wiese genügt ja.

Die Erinnerung an den Namen braucht keine aufwändige Grabpflege. Wir brauchen keine antike Bestattungskultur, in der uns Grabbeigaben mit auf den Weg gegeben werden. Wir brauchen keine Hügelgräber oder Pyramiden, aber wir brauchen die Erinnerung unserer Namen, gegen den Trend der Zeit: Gegen die Anonymisierung unserer Gesellschaft. Wir brauchen wieder Menschen, die sich an Namen erinnern – im Leben und nach dem Sterben. Denn „Ein Volk wird daran gemessen, wie es seine Toten bestattet.“

Audiobeitrag Wider den anonymen Bestattungstrend


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