Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.11.07, Pfarrer Roland Hosselmann

Die dunkle Seite des Glaubens

Viele sagen, dass der Glaube das Leben eines Menschen leichter und heller macht. Oder doch leichter und heller machen sollte. Oder könnte. Aber das stimmt keineswegs immer.

Guten Morgen, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer. Mein Name ist Roland Hosselmann, ich bin evangelischer Pfarrer aus Lippstadt.

Sprecherin: „Diese Dunkelheit, die mich von allen Seiten umgibt # ich kann meine Seele nicht zu Gott erheben # kein Licht, keine Eingebung dringt zu meiner Seele vor.“

Autor: Schreibt Mutter Teresa. Sie gilt als die  Ikone der Nächstenliebe. Eine Frau mit weltweiter Ausstrahlung.Die Briefe und Aufzeichnungen, die jetzt in einem Buch veröffentlicht wurden, zeigen uns Mutter Teresa nicht strahlend und aufrecht. Im Gegenteil. Sie erzählen von einer Gottferne und spirituellen Dürre dieser Frau, von einer religiösen Krise, die Jahrzehnte lang anhielt und bis an die Grenze des Unglaubens und Nihilismus reichte.

Sprecherin: „In mir ist eine solche Dunkelheit, als ob alles tot wäre.“

Autor: September 1946. Mutter Teresa ist 36 Jahre alt. Auf einer Zugfahrt in Indien hatte sie eine mystische Begegnung: Es war Jesus selber, von dem sie sich aufgefordert sah, alles aufzugeben und ihm in die Slums von Kalkutta zu folgen. Dort sollte sie ihm „in den Ärmsten der Armen ... dienen“ . Zwei Jahre liegt sie zunächst ihrem Beichtvater, dann ihrem Bischof und schließlich Rom selbst in den Ohren, bis es endlich soweit ist: Sie tritt aus ihrem alten Orden der Loreto-Schwestern aus und gründet einen neuen: den Orden der Missionary Sisters of Charity.

Wenn man sich die mit erhabener Langsamkeit mahlenden Mühlen der römischen Kirche vor Augen führt, ermißt man die dahinterstehende Energie und Geschwindigkeit. Doch als Mutter Teresa ihr Ziel erreicht hat, fällt sie in eine tiefe Nacht.

Sprecherin: „Herr, mein Gott, wer bin ich, dass du mich im Stich lassen solltest? ... Ich rufe, ich klammere [mich an dich], ich will # und da ist Niemand, der mir antwortet. # Niemand, an den ich mich klammern kann # nein, Niemand. # Allein. Die Dunkelheit ist so dunkel # und ich bin allein. # Unerwünscht, im Stich gelassen.. # Wo ist mein Glaube? #... Wenn ich versuche, meine Gedanken zum Himmel zu erheben # erlebe ich eine solch überzeugende Leere, dass diese Gedanken wie scharfe Messer zurückkehren und  meine innerste Seele verletzten.“

Autor: Das Licht von oben, das ihr einst leuchtete, ist wie ausgeschaltet, die Glut erloschen. Mutter Teresa spricht von einem Himmel, der ihr leer erscheint, einem Auftrag, der sie kalt läßt, einem Herzen, das ihr wie eine Einöde vorkommt. Sie spricht  von einer „Agonie der Trostlosigkeit“  und von einem „Sein im Tunnel“ .

Musik

Autor: Die dunkle Seite im Glaubensleben. Der Evangelist Matthäus zeichnet sie in der Geschichte von der kanaanäischen Frau:

Sprecher: Jesus zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Jesus aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Laß sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau,  dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Autor: Ein großer Glaube. Eine geheilte Tochter. Das steht am Ende dieser Geschichte. Aber der Weg, der von der Bitte zur Erhörung führt, ist hart. Er führt durch Schweigen: – Jesus sagt kein Wort, Ausgrenzung: – Nur Israel!, und schließlich den menschenverachtenden Vergleich mit den Hunden mitten hindurch. Kann gekürzt werden. Ja, dieser Weg ist so hart und anstößig, dass er sich auch über das strahlende Ende wie ein alles verdunkelnder Schleier legt.

Warum erzählt Matthäus diese Geschichte so und nicht anders? Lassen wir zum Vergleich den harten Mittelteil einfach mal weg!

Sprecher: Und Jesus zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kananäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Autor: Alles Störende ist beseitigt. Es ist nun ein ganz einfacher Aufbau, der sich vor unseren Augen entfaltet: Problem – Bitte um Lösung – Lösung des Problems. Ich frage mich nur, ob das bei mir je so war, ob ich das in dieser Form erlebt habe: mit meinem Glauben, mit meiner Hinwendung zu Gott, damit, dass ich bete, vielleicht eine Kerze anzünde, für mich, für andere? Ich denke jetzt nicht an die Glaubenserfahrung, die ich vielleicht machen sollte. Auch nicht an die Glaubenserfahrung, die ich vielleicht machen möchte. Ich denke daran, was ich hier wirklich erlebe, sozusagen ungeschminkt. Kommt meine Glaubenserfahrung in diesem Schema vor? # Ich habe ein Problem. Ich bringe es vor Gott. Und das Problem ist gelöst.

Da muß ich sagen: „Nein!“ Aber woran liegt das? Liegt das daran, dass mein Glaube irgendwie schräg ist? Mangelhaft? Falsch? Verkehrt? An genau dieser Stelle, in der Not dieser Frage, wird für mich diese kanaanäische Frau wichtig. Und wird der Mittelteil wichtig. Überlebenswichtig!

Musik

Autor: Es gibt eine Situation, die von den sog. Mystikern aufs eindringlichste reflektiert wurde. Nämlich die Situation, wo die Erfahrung der Nähe Gottes ausbleibt, wo vielmehr das Gefühl die Oberhand gewinnt, dass Gott schweigt; die Situation, wo es passiert, dass mir die Welt zu eng wird und ich mir selber zur Frage werde, wo sich die Konturen meines Lebens in einem Niemandsland verwischen.

Für mich liest sich die Geschichte der kanaanäischen Frau wie der Prozeß innerhalb einer Nachterfahrung, die ins Grundsätzliche vorstößt. Diesem Prozeß entspricht eine ganz bestimmte Abfolge von Stufen, die der Glaube bestimmt nicht einfach durchlaufen muß, sehr wohl aber durchlaufen kann. Stufen des „Seins im Tunnel“.

Die erste Stufe der Anfechtung ist die subjektive Erfahrung der Gleichgültigkeit Gottes. Die kanaanäische Frau kommt zu Jesus. Sie kommt, weil die Kunde ihr Herz berührt hat, dass Jesus der Christus ist, der Heiland der Welt. Und jetzt bittet sie ihn um Heilung. Aber Jesus, in dem Gott selbst gegenwärtig ist und sich ausspricht, schweigt. Von seiner Seite fällt kein Wort. Dem Gebet bleibt das Vernommenwerden, die Erhörung versagt. Die Zuwendung zu Gott findet kein Echo.

Auf der zweiten Stufe der Glaubensnot treten die Jünger in Erscheinung. Mit ihnen taucht ein Silberstreif am Horizont auf. Die Jünger stehen ja für Menschen, die im Heil stehen. Aber dem Versuch der Jünger, das Problem der wohl lästig werdenden Frau zu lösen, stellt Jesus ein schroffes Wort gegenüber:

Sprecher: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 

Autor: Hier ist die Anfechtung die, ein Ausgegrenzter zu sein. Und zwar vom dem demütigenden Hintergrund, dass es zwar für andere die Möglichkeit gibt, drin zu sein, aber eben nicht für mich. Etwas fehlt. Irgend etwas, das ich bräuchte, um in den Genuß von Nähe und Zuwendung zu kommen. Jenes Etwas, das mich auszeichnen müßte, um in tiefen Sinne erhört zu werden. Auf der dritten Stufe bringt die kanaanäische Frau nur noch drei Wörter hervor

Sprecherin: „Herr, hilf mir“.

Je größer die Not, desto kürzer das Gebet. Aber was sie hört, ist das Wort von den Hunden. Hunde sind im Kulturkreis der damaligen Zeit unreine Tiere. Hier geschieht etwas Anderes und noch Schlimmeres als nur ein Vergessen, Übergehen und Linksliegenlassen. Hier scheint frontal Ablehnung am Werk zu sein. Und aus dem Abrund dieser Not erhebt sich die Frage, ob Gott nicht nur nicht für mich, sondern sogar gegen mich ist? Die dritte Stufe der Anfechtung ist die Erfahrung der Verwerfung. Luther sagt, das sei die tiefste Tiefe der Anfechtung. Hier gibt es keine Steigerung mehr.

Musik

Autor: Die kanaanäische Frau wird keine hohe Meinung von sich gehabt haben. Da bin ich sicher. Aber es ist Jesus Christus, der das zu ihr sagt:

Sprecher: Frau, dein Glaube ist groß! 

Autor: Warum ist dieser Glaube groß? Weil er die Erfahrung eines leeren Himmels, einer metaphysischen Obdachlosigkeit nicht kennt. Doch: Er kennt sie. Weil er das Gefühl von Ausgeschlossenheit nicht kennt? Doch er weiß, wie sich das anfühlt. Weil er das Gefühl von Verworfenheit nicht kennt? Ihm ist vielleicht sogar dieses Extrem nicht einfach unbekannt. Groß ist der Glaube dieser Frau vielleicht einfach nur, weil er an dem Menschenrecht festgehalten hat, nicht zu verzweifeln. Groß, weil es drei Worte gab, die hat er sich nicht nehmen lassen: Herr, hilf mir. Groß, weil er durch alle Nächte  an der Hoffnung festgehalten hat: Christus kann helfen und Christus wird helfen. Groß, weil er damit nicht bloß an diese oder jene Seite in Gott appelliert hat, sondern an sein Innerstes und Eigentliches. Und was die kanaanäische Frau nicht aufgehört hat zu glauben, was sie nicht losgelassen hat, selbst in der Nacht der Verzweiflung, das liegt auf einmal als Geschenk in ihrem Schoß.

Sprecher: „Dir geschehe, wie du willst.“

Autor: Eine „Heilige der Dunkelheit“ . So hat sich Mutter Teresa selber einmal genannt. Ihr innerstes Geheimnis liegt in etwas, was die Mystiker eine erfahrungslose Erfahrung genannt haben. In einem Beichtbrief, der wie ein Gebet konzipiert ist, hält sie fest:

Sprecherin: „Ich zweifele nicht daran, dass du es gewesen bist, der mich gerufen hat, mit soviel Liebe und Kraft. # Du warst es  # ich weiß. Deshalb ist das Werk dein und es ist dein für immer.“

Autor: Mutter Teresa fühlt sich von Jesus verlassen. Aber trotzdem zweifelt sie nicht, dass der Jesus, von dem sie sich verlassen sieht, hinter ihr steht, dass er ihr Auftraggeber ist und ihren Dienst an den „Ärmsten der Armen“ trägt. Sie sagt, dass sie Gott nicht mehr spürt, trotzdem „hört der Gott, dessen Nähe sie nicht mehr spürt, hört nie auf, für sie Realität zu sein, letztlich die einzige Realität. “ Es verabschiedet sich von Ihnen Roland Hosselmann, evangelischer Pfarrer in Lippstadt.

Musik

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