Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

Geistliche Sendung zum Reformationstag am 31.10.2007

31.10.07, 19.05-19.30 Uhr, Präses Alfred Buß, Da muss doch noch Leben ins Leben

Musik: Das kann doch nicht alles gewesen sein / Das bisschen Sonntag und Kinderschrein / Das muss doch noch irgendwo hin gehen / hin gehen

Die Überstunden, das bisschen Kies / Und aabens inner Glotze das Paradies / Da in kann ich doch keinen Sinn sehn / Sinn sehn (Wolf Biermann)

Präses Buß: 30 Jahre ist es her, da fragt der Liederdichter Wolf Biermann in seinem Lied nach dem Sinn des Lebens. 490 Jahre ist es her, da beginnt mit der Reformation in Wittenberg einer der großen Wendepunkte in der Geschichte des Abendlandes. Zwei Daten, die nichts miteinander zu tun haben? „Das kann doch nicht alles gewesen sein…“ Was trägt dich eigentlich, Mensch, als Mensch? Was hält dich zusammen, was erfüllt dich? Was steht ganz oben auf deiner Prioritätenliste? Und – macht dich das frei oder hält es dich fest? Und was passiert, wenn das Leben mal wieder anders tickt, als du es erwartest?

Musik: He, Kumpel, wo bleibt da im Ernst mein Spaß? / Nur Schaffn und Raffn und Hustn und Hass / Und dann noch den Löffl abgebn / gebn (Wolf Biermann)

Sprecherin: Wenn es abends klingelt an der Tür, unerwartet, zucke ich zusammen, immer noch, so wie damals vor einem Jahr. Zwei uniformierte Polizisten stehen da, mit fragendem Blick. Frau Meyer? Ich nicke, tonlos. Dann nennen sie einen Namen, Bernd Meyer, ja, mein Mann. Eine Faust schnürt mir die Kehle zu, ich weiß schon, was kommt, höre wie durch Watte und weiß schon, Autounfall, es tut uns leid, keine Chance gehabt. Und wie in einem irren Kaleidoskop blitzt es auf, seine Augen, unsere Kinder, Liebe stirbt, das Haus, seine Augen, Geborgenheit, Zukunft, Träume, seine Augen, ich – verdichtet sich in einem Augenblick und fällt in sich zusammen. Ich stehe noch immer vor den Polizisten, stumm, blind, leer, erstorben. Nichts hat jetzt noch irgendeinen Sinn.

Musik: Das soll nun alles gewesen sein / Da muss doch noch irgend was kommen! Nein / Da muss doch noch Leebn ins Leeben / eebn (Wolf Biermann)

Präses Buß: 31. Oktober 1517, Wittenberg. Der Augustinermönch und Theologieprofessor Dr. Martin Luther schickt 95 Thesen an den Erzbischof zu Mainz, um ihn zu einem wissenschaftlichen Disput einzuladen.

Luther will keine Reformation, sondern über Missstände in seiner katholischen Kirche reden. Aber die Thesen werden ins Deutsche übersetzt und mit Hilfe des eben erfundenen Buchdruckes schnell in ganz Deutschland verbreitet. Luther erfährt begeisterte Zustimmung und erbitterte Ablehnung. Eine Lawine kommt ins Rollen. Kaiser und Papst versuchen mit allen Mitteln, aber erfolglos, den unbequemen Mahner loszuwerden. Luther sieht sich gezwungen, seine theologische Position deutlicher zu formulieren. Er sagt sich vom Papsttum ab und wird für vogelfrei erklärt. In den politischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Fürsten schlagen sich etliche Fürsten auf Luthers Seite. Die Reformation festigt sich. Immer mehr Kirchengemeinden bis hin zu ganzen Fürstentümern übernehmen den lutherischen Glauben. Selbst mit Kriegsmitteln sind die Reformation und die Entwicklung der protestantischen Kirchen nicht mehr aufzuhalten.

Musik EG 299, 1: Aus tiefer Not schrei ich zu dir, / Herr Gott, erhör mein Rufen. / Dein gnädig Ohren kehr zu mir / und meiner Bitt sie öffne; / denn so du willst das sehen an, / was Sünd und Unrecht ist getan, / wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Präses Buß: Martin Luther, Sohn eines Bauern, wird am 10. November 1483 in eine spannungsreiche Welt hinein geboren. Die Zeit des Übergangs zwischen Mittelalter und Neuzeit ist reich an Kon-flikten. Kriege und Pestepidemien, Arbeitslosigkeit und Hungersnöte sorgen für eine Atmosphäre der Unsicherheit und Angst. Weltuntergangspropheten oder Bußprediger erleben ungeheuren Zulauf. Martin Luther beginnt achtzehnjährig ein Studium an der Erfurter Universität. Vier Jahre später tritt er dem strengen Bettelorden der Augustiner bei, wird Mönch, Priester. Als 29jähriger hat er eine Professur an der Universität Wittenberg.

Äußerlich erfolgreich, ringt er innerlich seit Jahren mit der für ihn wichtigsten Frage seines Lebens: wie kriege ich einen gnädigen Gott?Alle Ordnung, alle Disziplin, alle Anstrengung scheint ihn nur umso mehr in die Angst seiner Zeit vor Hölle und Gericht zu stoßen. In der intensiven Auseinandersetzung mit der Bibel, vor allem dem Römerbrief, macht er schließlich eine Erfahrung, die ihn zu einem befreiten Menschen werden lässt: Er erlebt Gott als Gott der Liebe, voller Erbarmen, voll freundlicher Zuwendung. Luther begreift, was der Reformation schließlich inhaltlich zum Durchbruch verhelfen wird: In Gottes Augen musst du dich nicht durch deine eigene Leistung qualifizieren. Du bist schon längst qualifiziert, weil Gott dich liebt. Du musst Gott nur seine Liebe glauben.

Sprecher: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“

Präses Buß: – so drückt es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom vor fast zwei Jahrtausenden aus. Reformation – das ist mehr als nur ein theologischer Streit. Das ist eine neue, mitfühlende und liebevolle Zuwendung zu den Menschen. Hanna, die Mutter der behinderten Grete im Film „Luther“, kauft aus Sorge um das Seelenheil ihrer Tochter einen Ablassbrief und zeigt ihn Luther:

Hanna: Das ist für Grete
Luther: Ausgestellt vom Erzbischof von Mainz… Woher hast du das?
H: Aus Jütebog. Ich habs in der Kirche gekauft.
L: Das ist nur Papier, Hanna.
H: Es taugt nichts?
L: Hab nur Vertrauen in Gottes Liebe … und spar dir dein Geld … kauf Grete was zu essen.

Musik EG 299, 2: Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, / die Sünde zu vergeben, / es ist doch unser Tun umsonst / auch in dem besten Leben. / Vor dir niemand sich rühmen kann, / des muss dich fürchten jedermann / und deiner Gnade leben.

Präses Buß: „... und deiner Gnade leben“ – so beendet Martin Luther den 2. Vers seines Liedes  „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, geschrieben 1524. „Da muss doch noch Leben ins Leben“ – so beendet Wolf Biermann sein „Lied vom donnernden Leben“, geschrieben 1976. Welten liegen dazwischen – oder auch nicht? Denn eine Erfahrung verbindet beide Liedermacher miteinander: dass gute Absichten sich in etwas anderes verwandeln; dass das Leben unter der dünnen Decke des Alltags brüchig ist und bleibt; dass Wunden nicht verheilen, sondern unter der Narbe weiterschmerzen; dass Ideale und Visionen verraten und zerstört werden und nicht immer nur von den anderen. Aber wie kommt ein Mensch damit klar? Wie geht jemand damit um, dass er nicht zerbricht am Zerbrechen? Wie kommt noch Leben ins Leben?

Sprecher: „Darum müssen wir nun dessen gewiss sein, dass die Seele alles entbehren kann, nur nicht das Wort Gottes; und ohne das Wort Gottes ist ihr mit nichts geholfen. Hat sie aber das Wort, so braucht sie nichts anderes mehr, sondern hat an dem Wort Genüge, Speise, Freude, Frieden, Licht, Können, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und überreich alles Gute.“

Präses Buß: Diese Einsicht Luthers, dass das Leben wesentlich am DU Gottes hängt, das gesprochen ist vor allem ICH, nennt er Freiheit, die Freiheit eines Christen.

Musik EG 299, 3: Darum auf Gott will hoffen ich, / auf mein Verdienst nicht bauen; / auf ihn mein Herz soll lassen sich / und seiner Güte trauen, / die mir zusagt sein wertes Wort; / das ist mein Trost und treuer Hort, / des will ich allzeit harren.

Präses Buß: „...sein wertes Wort, mein Trost und Hort...“ das ist nicht zuerst das Geschriebene oder das dahin Gesagte, sondern zuerst etwas Wirkmächtiges. Es kann mir begegnen in dem, was ich lese, in der Bibel vielleicht – es kann mir begegnen in dem, was ich höre, eine Predigt, ein Lied, ein Gespräch. Gottes Wort, indem ich in ihm vernehme: „DU – Dich meine ich!“ Gottes Wort, indem es Berührung schenkt. Gottes Wort, indem es Beziehung stiftet, unmittelbare Beziehung. Gottes Wort, indem ich verstehe: In dieser Berührung, in dieser Beziehung gilt nur das Jetzt. Nicht, was ich gestern tat und war. Nicht, was ich morgen sein und tun werde. Nur, was jetzt ist: bedingungslos angenommen zu sein, bedingungslos geliebt. In diesem Jetzt gibt es nur eines zu tun und darüber hinaus nichts. Dies Geschenk der Berührung durch Gott – Gnade nennen es Luther mit Paulus – anzunehmen, dies Geschenk anzunehmen, in mich hineinzulassen, dass es sich in Leib und Seele, in Person und Geist verankern kann. So wächst Glaube, so wächst Vertrauen – für jene Zeiten, in denen das Wunder der Berührung wieder verschwimmt, in denen ich wieder bestimmt werde durch das, was ich gestern war und tat und durch das, was ich morgen sein und tun werde. In jenen Zeiten weiß mein Glaube: ja, das alles bin ich auch, aber ich bin es niemals nur. Ich bin niemals nur die Summe meiner Er-fahrungen. Ich bin immer auch mehr: bedingungslos angenommen und geliebt trotz allem anderen und hinter allem anderen. Und daraus wächst Freiheit.

Musik EG 299, 4: Und ob es währt bis in die Nacht / und wieder an den Morgen, / doch soll mein Herz an Gottes Macht / verzweifeln nicht noch sorgen. / So tu Israel rechter Art, / der aus dem Geist erzeuget ward / und seines Gotts erharre.

Präses Buß: Diese Freiheit beschreibt Martin Luther in seiner kleinen Schrift „Von der Freiheit eines Christen“. 1520 schickt er sie an Papst Leo X. als Darlegung des christlichen Lebens. Luther entfaltet in ihr zwei Thesen. Die erste:

Sprecherin: „Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“

Präses Buß: Für Luther steht jeder Mensch unmittelbar vor Gott, dem Schöpfer und seinem Sohn Jesus Christus, dem Erlöser. In dieser Unmittelbarkeit der Gottesbeziehung ist jeder Glaubende deshalb zugleich Priester, für sich selbst und für die ihm Anvertrauten. Dazu braucht er keine Kirche, keine Bischöfe, keine Priester. Diese dem ganzen Protestantismus eigene Sichtweise hat wesentlich zur Entwicklung der Aufklärung, der säkularen Vernunft, des Individualismus und des Selbstbestimmungsrechts beigetragen.
Für Luther gehört diese erste These aber unmittelbar mit seiner zweiten zusammen:

Sprecherin: „Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Präses Buß: Was sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, wird beim zweiten Blick zusammengehalten durch die Klammer der Liebe. Gottes Liebe, die sich bedingungslos und versöhnend dem Menschen zuwendet, befreit ihn von dem Zwang, sich ausschließlich aus sich selbst heraus verstehen zu müssen und öffnet ihn dazu, als Antwort sozusagen selbst zum Liebenden zu werden, der sich all den Ungeliebten in der Welt zuwendet.

In Luthers zweiter These liegen die Wurzeln für alles diakonische Handeln der Kirche und indirekt damit auch für den modernen Sozialstaat. Beide Thesen haben im Protestantismus eine Kraft entfaltet, deren trotzige Unbekümmertheit bis heute in dem bekannten Reformationslied Martin Luthers zum Ausdruck kommt:

Musik EG 362, 1.2: 1. Ein feste Burg ist unser Gott, / ein gute Wehr und Waffen. / Er hilft uns frei aus aller Not, / die uns jetzt hat betroffen. / Der alt böse Feind, / mit Ernst ers jetzt meint; / groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist, / auf Erd' ist nicht seinsgleichen. 2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, / wir sind gar bald verloren; / es streit' für uns der rechte Mann, / den Gott hat selbst erkoren. / Fragst du, wer der ist? / Er heißt Jesus Christ, / der Herr Zebaoth, / und ist kein andrer Gott, / das Feld muss er behalten.

Präses Buß: Im Film „Luther“ darf ein Zimmermannslehrling nach seinem Selbstmord nicht in geweihter Erde begraben werden, nach damaliger theologischer Einsicht völlig korrekt. Luther verweigert sich aber dieser dennoch unbarmherzigen und lieblosen Haltung und schaufelt selbst auf dem Friedhof das Grab für den Jungen:

Manche behaupten, dass dieser Junge nach Gottes Recht verdammt ist, weil er sich das Leben genommen hat. Ich sage, dass er vom Teufel überwältigt wurde. Trifft diesen Jungen an der Verzweiflung, die ihn getrieben hat, etwa mehr Schuld als den Unschuldigen, der im Wald von einem Räuber ermordet wird? Gott muss Barmherzigkeit sein … Gott ist Barmherzigkeit

Liebe ist niemals nur Gefühl, sie ist immer auch Handeln. Sie wächst von innen nach außen oder verbrennt im frommen Egoismus. Freiheit ist niemals nur Freiheit von etwas, sie ist immer auch Freiheit zu etwas. Sie trägt Verantwortung oder sie erkaltet zur Gleichgültigkeit. Wie kommt noch Leben ins Leben? Gar nicht-weil alles bereits da ist an Liebe, an Freiheit, an Glaube eben an Leben.Lothar Zenetti hat es so bedichtet:

Sprecherin: "Einmal wird uns gewiss / die Rechnung präsentiert / für den Sonnenschein / und das Rau-schen der Blätter, / die sanften Maiglöckchen / und die dunklen Tannen, / für den Schnee und den Wind, / den Vogelflug und das Gras / und die Schmetterlinge, / für die Luft, die wir geatmet haben, / und den Blick auf die Sterne / und für alle die Tage, / die Abende und die Nächte. / Einmal wird es Zeit, / dass wir aufbrechen und / bezahlen; / bitte die Rechnung. / doch wir haben sie / ohne den Wirt gemacht: / Ich habe euch eingeladen, / sagt der und lacht, / so weit die Erde reicht: / Es war mir ein Vergnügen!"

Musik EG 362, 3: 3. Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen. / Der Fürst dieser Welt, / wie saur er sich stellt, / tut er uns doch nicht; / das macht, er ist gericht': / ein Wörtlein kann ihn fällen.

Präses Buß: Lasst uns beten zu Gott für die, die nicht zu sich selber finden und darum aggressiv nach außen oder depressiv nach innen werden, für die, die verhärtet sind in Selbstgerechtigkeit und die sich auflösen in Selbstzweifel. Gott, lass sie erkennen, dass du sie gefunden hast. Lasst uns beten zu Gott für die, die sich nicht mehr kennen vor Arbeit und Mühe, vor Anstrengung und Verantwortung, für die, die nicht Nein sagen können und leer werden. Gott, lass sie erfahren, dass du die Mitte des Lebens und die Kraft bist, aus der sie Mut schöpfen können. Lasst uns beten zu Gott für die, die sich selbst entzogen sind, weil sie gefangen sind in Angst, in Verzweiflung, in Resignation, weil sie eingesperrt sind in Gefängnisse und Anstalten, weil sie sich selbst entnommen sind in Krankheit und Sterben. Gott, lass sie erfahren, dass sie um-fangen sind von deinen Händen und geborgen unter deinen Flügeln.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Es segne und behüte euch der allmächtige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

Musik: „Lead me, Lord“

Audiobeitrag 31.10.07, 19.05-19.30 Uhr, Präses Alfred Buß, Da muss doch noch Leben ins Leben


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