Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.11.07, Pastorin Beate Raguse

Ein Sender für die Lebenden

Nein, leicht haben sie es nicht, die Macher von Etos TV. Kaum hatten sie bekannt gegeben, dass ihr neuer Fernsehsender sich 24 Stunden täglich Themen wie Tod und Sterben,

Pflege und Erben widmen will, wurden sie mit Hohn und kritischen Fragen überschüttet. „Endlich ein Programm für die ganze Familie“ wurde im Internet gespottet. Die Berliner Tageszeitung fragte: “Wie grenzt sich der Kanal vom Homeshopping ab?“ und „Wird es ein Programm für Nekrologen?“.

Doch was sind die Fakten? EtosTV, ein Spartenkanal, wurde im Juni gegründet und soll in diesem Monat starten. Es beruht auf einer Idee des Medienunternehmers Wolf-Tilman Schneider, der den Fachverlag des deutschen Bestattungswesens für sein Projekt gewinnen konnte. Gemeinsam wollen sie das Programm bestreiten, circa zwei Stunden aktuell, den Rest zunächst als eine Endlosschleife. Dokumentationen über Friedhöfe, filmische Nachrufe und als  Drittes Informatives für Menschen ab fünfzig. Glaubt man Schneider, interessieren die sich zunehmend für Bestattungsversicherung, Treppenlifte, Diamanten aus Asche oder Seebestattung.

Was den Sender charakterisiert, darüber sind sich die Kooperationspartner noch uneinig. Während der Bundesverband erklärt, Etos sei ein „Trauerkanal“, betont der Medienmann Schneider: „Wir sind kein Totensender und kein Trauersender.“ Vielmehr sei Etos  ein „Programm für die Lebenden.“ Da möchte man fragen; für wen sonst?

Überhaupt gehen Schneider, der früher im Marketing bei RTL und SAT1 arbeitete, Begriffe wie „Tod“ oder „Sterben“ nicht leicht über die Lippen. Er spricht lieber vom „Ende des Tages“. Geradezu abenteuerlich wird Schneiders Sprachregelung aber, wenn es ums Geld geht, Z.B.  bei der Frage nach Werbung. Die wird es -laut Schneider- nicht geben. Andrerseits muss sich auch EtosTV finanzieren. Deshalb werden Sponsoren gesucht: Betreiber von Seniorenresidenzen oder Hersteller von Hilfsmitteln. Im rein informativen Programm könnte gezeigt werden, wie ein Treppenlift eingebaut wird, erklärt Schneider und ergänzt: „Davor und danach sind die Sponsoren.“ Wenn das man keine Werbung ist !

Die Macher von EtosTV wollen ernst genommen werden. Leicht machen sie es einem nicht. Doch bei aller Skepsis. Die Zahlen, die Wolf-Tilman Schneider vorlegt, sprechen für sich. 830.000 Todesfälle pro Jahr und mehr als zwei Millionen Pflegefälle gibt es in Deutschland. Und mindestens so viele Betroffene und Angehörige, die sich fragen: Was heißt das für mich? Wo finde ich Hilfe? Und längst nicht jeder denkt dabei zuerst an Diamanten oder eine Residenz. Oft genug geht es um ganz existentielle Fragen: Welche Kosten kommen auf mich zu? Muss ich mein Haus verkaufen, um die Pflege zu bezahlen? Wird all mein Erspartes für die Beerdigung gebraucht? Wer hier informiert, kann Unsicherheit ausschalten, Ängsten entgegenwirken mit Berichten über alternative Wohnprojekte, Besuchsdienste und Nachbarschaftshilfe. In einer Servicezeit könnte man Preise regionaler Bestatter vergleichen und über Leistungen der Pflegeversicherung informieren. Aufklärung tut not.

Ob EtosTV sie bieten wird? Wir werden es sehen. Noch ist die Programmgestaltung nicht abgeschlossen und auch ich möchte einen Vorschlag machen. Für den, der genug hat von Nachrufen, Friedhöfen und Pflegebetten, emphielt sich zur Unterhaltung Brechts Erzählung „Die unwürdige Greisin“ an. Die kommt nach einem entbehrungsreichen Leben zum Entsetzen ihres Sohnes auf die Idee, ihr weniges Geld für kleine Freuden auf den Kopf zu hauen. Sprich: am Ende des Tages in Lebensqualität zu investieren. Eine Geschichte mit Vorbildcharakter, die wunderbar ins Programm von EtosTV passt, dem Sender für die Lebenden.

Audiobeitrag Ein Sender für die Lebenden


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