Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.11.07, Pfarrer Jönk Schnitzius

Mutweg

Ein kleiner, glatter Stein. Stolz zeigt er mir seinen neuesten Schatz. Er sei im Kindergarten jetzt den Mutweg gegangen und habe diesen Stein bekommen.

Erzählt mir mein Sohn. Um kurz darauf eine dieser radikal konfrontativen Charmoffensiven zu starten: Du, Papa, bekomme ich was Süßes? Ernährungstechnisch im Grunde nicht wirklich das Problem, nur – es ist kurz vor dem Abendbrot und diese Frage kennt nur eine einfache Antwort: Nein. Oder sollte ich sagen: müsste kennen. Weil: nein – denke ich. Und: ja – möchte ich sagen. Und so – ergeht es mir öfters. Nicht, dass ich jetzt besonders - sagen wir – „eigen“ wäre. Oder sonst irgendwie auffällig. Ich ticke, glaube ich, relativ durchschnittlich. Nur - die Sache mit der Eindeutigkeit, - sollte ich sagen Klarheit - finde ich manchmal einfach schwer.

Jesus sagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; und nein, nein. Was darüber ist, ist von übel.“ Na ja, ob immer alles, was darüber ist von Übel ist – ich habe da meine Zweifel. Aber die Aufforderung zur Eindeutigkeit, zur Klarheit, die spricht mich an.

Das Problem ist ja meistens größer, als die Frage nach etwas Süßem. Das Gegenteil von ja, ja und nein, nein heißt: vielleicht, man könnte, weiß ich noch nicht, andererseits, wahrscheinlich, eventuell.Der Vorteil: Man vermeidet Ärger, wird weniger angreifbar. Der Nachteil: Niemand weiß, woran man ist. Man selbst in der Regel auch nicht.

Ich meine nicht, dass die Parole jetzt heißt: Eindeutigkeit und Klarheit um jeden Preis. Vieles ist oft unklar und uneindeutig. Zweifel ist angemessen. Und Zeit, um zu einer reifen Entscheidung zu kommen, oft nötig. Okay. Aber es gibt Situationen da ist: ja, ja oder nein, nein angesagt. Und alles, was relativiert, ist in der Tat von Übel.

Zum Beispiel bei  der Frage, ob es Situationen geben kann, in denen Folter als Verhörmethode erlaubt ist: Nein. Zum Beispiel bei  der Frage, ob Teilen wichtiger ist als Nehmen. Ja. Oder in der Antwort auf die Frage: Stehst du zu mir? Stehe ich zu mir?

Klarheit braucht Mut. Mut auch die unbequeme Wahrheit auszusprechen. Den Streit zu riskieren oder, was ja auch geschehen kann, die Nähe auszuhalten. Wenn ich z.b. meine Sympathie oder Liebe nicht hinter dem Berg halte. Klarheit braucht- wie auch der Mut - die Demut. Dieses beladene Wort, das leider immer so nach Kränkung klingt, aber doch das Gegenteil meint. Demütigsein heißt für mich dem Traum zu entsagen, ich sei mehr als ein Mensch. Demütigsein bedeutet für mich: Zuzugeben, dass ich nicht vollkommen und perfekt bin.Und zugleich mein Licht „auf den Scheffel“ zu stellen, also meine Gaben zu leben.

Meinem Sohn habe ich übrigens etwas Süßes erlaubt. Ein bißchen. Mutig war er ja schon. Im Kindergarten hatte er schließlich am St Michaelistag den Drachen besiegt und die Prinzessin befreit. Für meinen Weg zur Klarheit ist mein Glaube entscheidend:

Dass Gott zu mir als Person sagt: Ja, ja. Eindeutig und klar.

Mir macht das Mut neue Wege zu gehen, „meine Mutwege“. Es müssen ja nicht immer gleich ganze Drachen sein, mit denen gekämpft wird. Belohnungen, die sollten allerdings schon sein. Für Mut zur Klarheit. Z.B. Etwas Süßes und vor dem Abendbrot.

Audiobeitrag Mutweg


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