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Vater und Mutter verlassen
Manchmal ist es fast nicht mehr zu ertragen. Sie ist jetzt 35 Jahre alt. Erfolgreich im Beruf. Ich nenne sie Marlene. Gesegnet mit Mann und Kind, einer eigenen Familie.
Und dennoch ist es fast nicht zu ertragen.Wie ihre Mutter ihr wieder und immer wieder dazwischen funkt mitten in ihr Leben, in ihre Seele. Die Mutter wird krank, punktgenau, wenn Marlene sich wieder ihrem eigenen Leben zuwenden will. Sie braucht ihre Tochter dann nur auf diese eine bestimmte Weise anzusehen und schon ist alles wie früher.
Ihre Mutter, die es schon so schwer hatte. Mit dem Mann, ihrem Vater, der immer weg war, wenn er da war, weil er trank. Marlene kann dann kaum noch gerade stehen, so drücken ihre Schuldgefühle sie nieder. Sie weiß, sie kann nichts dafür. Nichts für die verbitterte Ehe ihrer Eltern, nichts für die Einsamkeit ihrer Mutter, nichts für ihre Altersgebrechen. Sie, Marlene, ist nicht für das Unglück ihrer Mutter verantwortlich. Das weiß sie. Und fühlt doch immer wieder einen leisen Zweifel. Ein Zweifel, der sie quält, den sie in ihrem Körper aufsteigen fühlt und der ihr fast jede Widerstandskraft nimmt.
Jetzt reicht ein Blick und Marlene funktioniert. Sagt ja, wenn alles in ihr nein schreit. Ist geduldig, wenn sie keine Zeit hat. Immer da, wenn sie sagen müsste: Ich kann nicht mehr. Und: Ich will nicht mehr. Vor allen Dingen das: Ich will nicht mehr. Diese Überfälle von schlechtem Gewissen ziehen ihr bis ins Mark und kosten sie mittlerweile einiges. Ihr Alltag wird immer schwieriger.
Sie spricht kaum noch mit ihrem Mann, außer über die Dinge, die geregelt werden müssen, damit der Alltag läuft und ihre Tochter versorgt ist wird. Ihre Tochter ist still geworden. Sie will ihrer Mutter nicht belasten. Dabei will Marlene auf keinen Fall, dass sie mit ihr das erlebt, was sie mit ihrer Mutter erlebt.
Marlene fühlt sich schwer und gejagt. Gelähmt in aller Eile. Will raus und läuft tiefer hinein.Wie schön wäre es frei zu sein. Sein eigenes Leben zu leben. Nur mit sich und Mann und Tochter. Still schreiende Sehnsucht. Und ein schlechtes Gewissen. Denn sie weiß: Sie müsste sich trennen. Von ihrer eigenen Mutter trennen. Wenn sie leben will.
Einem Mann, der auch ins Leben will, sagt Jesus im Matthäus Evangelium.: Folge du mir nach. Und lass die Toten, ihre Toten begraben. Dieser Mann wollte sich trennen, von allem, was sein bisheriges Leben ausmachte. Nur Eines gab es noch zu tun: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Und Jesus antwortet: Folge du mir, und lass die Toten, ihre Toten begraben!
Es wird nicht berichtet, wie er sich entscheiden hat. Es ist allerdings berichtet, dass Söhne und Töchter sich entscheiden müssen. Und dürfen. Zu gehen. Den eigenen Weg, ins Leben zu gehen. Machmal muss man sich trennen, um sich zu finden. Um erwachsen zu werden, weil man es schon ist. Keiner hat gesagt, dass der Weg in die Freiheit leicht ist und unbeschwert. Jesus hat ihm, der nachfolgen wollte, nicht versprochen, kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Aber die große Freiheit der erwachsenen Kinder Gottes.
Vater und Mutter verlassen
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