Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.11.07, Pfarrer Jönk Schnitzius

Zutrauen

Es war möglich. Inselhopping an Deutschlands Nordseeküste in einem Segelboot. Mit fünf Gefangenen. Alle zu lebenslänglichen Strafen verurteilt.

Keiner mit weniger als 15 Jahren Gefängnis. Alle damals noch in Haft. Und zum erstenmal draußen. Und keiner haut ab. Alle kehren sie zurück in ihr Gefängnis. Mit der Erfahrung draußen gewesen zu sein und es geschafft zu haben. Das Zusammenleben in der Enge des Schiffes, die Gemeinschaft, wo sie doch jede Menge Erfahrung mit Isolation haben. Die Landgänge im richtigen Leben, in einer Welt, die sich verändert hat, seit sie hinter Gitter mußten.

Es war möglich.Vor fast zehn Jahren. Und ist unvorstellbar heute. Und das halte ich für falsch und gefährlich. Es war möglich, weil Gefangenen etwas zugetraut und zugemutet wurde. Nämlich das, worauf der Strafvollzug schließlich zielt: auf ein Leben in Freiheit ohne Straftaten.

Zur Erinnerung: Das vorrangige Ziel des deutschen Strafvollzuges ist die Resozialisierung des Gefangenen. Das vorranige Ziel. Also, nicht ein Ziel für Gutmenschen bei solider Haushaltslage. Resozialisierung, Wiedereingliederung zuerst, so steht es im Gesetz. Dieses Ziel ist nicht nur mit der gesetzlichen Verpflichtung begründet, dass jedem Verurteilten die Chance gegeben werden muß, irgendwann in die Gesellschaft zurückzukehren. Dieses Ziel gründet sich vor allem auf eine grundlegende Erkenntnis:

Es gibt einfach keinen effektiveren Opferschutz, als die erfolgreiche Wiedereingliederung der Täter. Der Vollzug der Strafe soll die Brücke sein, die den Gefangenen zurückführt in ein straffreies Leben.

Nur -  auf dieser Brücke ist der Grenzverkehr fast zum Erliegen gekommen. Tatsache ist: Während die Zahl der Gefangenen steigt, sinkt die Zahl der Angeklagten. Es werden in Deutschland weniger Straftaten begangen, aber immer mehr Menschen  sitzen ein.

Vollzugslockerungen für Gefangene, wie Ausgang oder Hafturlaub sind deutlich zurückgefahren worden. Und das obwohl nach Zahlen des Bundesjustizministeriums die Missbrauchsquote im Promillebereich liegt. Nur äußerst selten nutzen Gefangene den Vertrauensvorschuss zur Flucht oder für neue Straftaten. Diese seltenen Fälle wiederum finden dann aber eine maximale mediale Verbreitung.

Die Alternative: Zutrauen. Traut den Gefangenen Freiheit zu, mutet ihnen zu, den Umgang mit dem sich verändernden Alltag nicht ganz zu verlieren. Gebt den sozialen Bindungen zu Ehefrauen und Kindern, Eltern und Freunden eine Chance nicht abzureißen, sondern die Zeit der Inhaftierung zu überstehen. Nicht zuletzt: Gebt den Gefangenen eine Chance, sich mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen- und oftmals mit ihrer Sucht.

Aber das bedeutet: Therapieangebot in Haft und Vollzugslockerungen. Ich weiß leider nur von einem der ehemals inhaftierten Segelbootfahrer, was aus ihm geworden ist, und es klingt fast wie ein Klischee, aber: Heute lebt er gut in integriert an der Küste und ist Bootsbauer geworden.
 
Als Christ lebe ich davon, dass Gott mit mir neu anfängt und niemanden verloren gibt. Jeden neuen Tag. Christsein heißt: Darauf vertrauen, dass es Resozialisierung gibt.  Wiedereingliederung in die Beziehung zu Gott, zu den Menschen und mir selbst. Konkretes Zutrauen Gottes zu uns Menschen. Und konkretes Handeln für die zweite Chance.

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