Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.11.07, Pfarrer Jönk Schnitzius

"Ich lache viel"

Autor: In einer großen Werkhalle treffe ich sie: Daniela Mielke, 30 Jahre alt. Sie lacht mich an.Hin und wieder bewegen sich Kopf und Oberkörper unkontrolliert und ruckartig.

Als Baby hatte Daniela Mielke  eine Hirnhautentzündung – seitdem ist sie behindert und sitzt im Rollstuhl. Es ist ein merkwürdiges Gefühl einen Rollstuhlfahrer zu begrüssen, während man selbst steht. Eben nicht auf Augenhöhe. So bin ich froh, als wir uns in einem Nebenraum schließlich gegenüber sitzen. Mich interessiert, wie Daniela Mielke mit sich selbst zurecht kommt – trotz oder besser - mit ihren deutlichen Einschränkungen. Und mich interessiert, was sie an sich mag. Daniela Mielke muss nicht lange überlegen:

O-Ton: „Ich mag also, dass ich doch viel lache und ich guck mir auch immer im Spiegel zu und denk, ach du bist trotzdem ganz hübsch.“

Autor: Obwohl sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht – das so zu sagen: finde ich ziemlich mutig. Dass muß man sich auch erstmal trauen, denk ich. Aber Daniela Mielke erzählt auch von ihren schmerzhaften Erfahrungen

O-Ton: „Aber, dann manchmal, dann denkste, ja – dann guckst du  dich an und denkst, warum hast du noch keinen Freund oder so, aber dann guckt man runter.“

Autor: Sie schaut auf ihren Rollstuhl.

O-Ton: „Ich hab schon einiges versucht, aber es ist nicht so einfach, wenn man im Rollstuhl sitzt. Und wenn einer schon sieht: Ah, die ist behindert, schwerbehindert, dann hauen auch manche ab oder manche wollen das auch gar nicht. Ich hab schon einiges, was das betrifft, versucht, aber im Moment ist halt nicht soviel zu machen.“

Autor: Zu sich selbst „ja“ zu sagen, sich hübsch zu finden, zu sich zu stehen – das geht für Daniela Mielke durchaus zusammen mit der Benennung dessen, was für sie schwer ist. Wie dem bislang offen gebliebenen Wunsch nach einem Freund. Mich beeindruckt, mit was für einer selbstbewussten Klarheit sie dies tut. Altmodisch gesprochen: wie ehrlich sie ist: Sich selbst und mir gegenüber. Auch als ich sie nach ihrem Glauben frage. Ob sie Gott mit ihrem Leben und ihrer Behinderung in Verbindung bringt

O-Ton: „Ich weiß nicht, ob das Schicksal war oder nicht. Ich bin eigentlich vom Wesen her ziemlich nett. Und finde auch schnell Kontakte und dann ich frage mich auch wieder, warum hat dich der Gott darein gesetzt.“

Autor: In den Rollstuhl. Ihr Satz wird durch eine spastische Bewegung ihres Oberkörpers unterbrochen Es entsteht eine kleine Pause. Dann sagt sie:

O-Ton: „Früher da haben sie zu meinem Vater gesagt: Ja, die wird wahrscheinlich nicht überleben, und ich habe doch überlebt.“

Autor: Dann lächelt sie mich an. Und ich fühle mich beschenkt. Weil Daniela Mielke mir eines deutlich gezeigt hat: Das, dass zusammen gehört: zu klagen, zu danken und zu lachen. Zu akzeptieren, was ist, die offenen Wünsche und den Schmerz zu benennen, und – und das beschämt mich fast – mich daran zu erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich lebe.Für wen ist es das schon? Danke.

 

Audiobeitrag "Ich lache viel"


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