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Etappen der Freiheit
Atmo: Motorrad / Mit diesem Geräusch verbinde ich Freiheit. Ich liebe es, die Kraft eines Motorrades zu spüren. Ich mag den Fahrtwind im Gesicht.
Die Straße surrt unter mir. Ich fühle mich leicht und unbeschwert. Frei aufzubrechen, wohin es mich lockt. Am kommenden Mittwoch ist Reformationstag. Vor 490 Jahren begann in Wittenberg eine Bewegung, die für Freiheit eintrat. Für Martin Luther war Freiheit mehr als ein interessantes Hobby. Er wollte sie nicht nur zeitweise als Unterbrechung des Alltags. Er wollte mehr die Freiheit eines Christenmenschen.
Mein Name ist Uwe Rieske, ich bin Pfarrer in Bonn und unterrichte evangelische Religion an einem Mädchengymnasium. Beim Unterrichten fühle ich mich oft in meine eigene Jugend zurück versetzt. Mit 17 fühlte ich mich frei, wenn ich unbeschwert Dinge tat, die ich aufregend fand, die anders, neu und spannend waren, natürlich viel spannender als Schule.
Musik: Manfred Mann´s Earthband: Davy`s on the road again
Aber meine Definition von Freiheit hat sich verändert. Noch immer genieße ich es, unbelastet von Pflicht und Verantwortung Zeit zu verbringen. Aber Freiheit bedeutet für mich auch, den Beruf ausüben zu können, der zu mir passt und für die Menschen Zeit zu haben, die ich mag. Eine unspektakuläre Form der Freiheit, aber ich brauche sie, damit mein Lebensgefühl im Einklang ist und Pflichten mich nicht auffressen.
Gemessen an Luthers Freiheitsdrang erscheint mir diese Sehnsucht fast zu klein. Die Thesen, die er am 31. Oktober 1517 in Wittenberg anschlug, wollten Christen befreien aus religiöser Abhängigkeit und von autoritärem Druck in Glaubensfragen. Luther trat dagegen an, sich eine fadenscheinige Gewissensfreiheit zu erkaufen. Bis heute definiert sich der Protestantismus als Religion der Freiheit, die keinen Ablass und kein Lehramt braucht, um Glauben zu leben. Aber wo zeigt sie sich und wo bewährt sich diese im 16. Jahrhundert so hart erkämpfte Freiheit? Hat mein Freiheitsdrang mit diesem Aufbruch noch etwas gemein? Ist mir die Freiheit, die ich nutze, nicht längst selbstverständlich geworden?
Luthers Freiheitsdrang suchte mehr als den Aufbruch aus dem Alltag. Er suchte nach einer Freiheit, die kein Gefängnis fangen, kein Eisen zerhauen und kein Wasser ertränken kann. Er meinte damit eine innere Freiheit des Herzens und vor allem des Gewissens. Auch für Luther gab es eine Entwicklung mit mehreren Stationen auf dem Wege zur Freiheit. Die erste Etappe war ein Aufbruch, der ihn nicht ins Weite, sondern in klösterliche Enge führte. In einem sommerlichen Gewittersturm legte er 1505 in Todesangst ein Gelübde ab. Er wollte ins Kloster gehen, sofern er das nächtliche Unwetter auf freiem Felde überlebte.
Zum Entsetzen seiner Eltern trat er in Erfurt tatsächlich in einen besonders strengen Orden ein. Freiheit bedeutete ihm auf dieser Stufe, die Entscheidung treffen zu können, die gegen elterliche Pläne seinem Innern entsprach auch wenn sie in klösterliche Enge führte.
Der Augustiner-Eremiten-Orden gehört zu den strengsten seiner Zeit; Leben in einer rauen Kutte, die Einhaltung der Gebetszeiten, die bereits im Morgengrauen begannen, Fasten, Schweigen, Arbeiten und Studieren im Kloster bestimmten den Tagesablauf. Die Entscheidung, sich den Absichten der Eltern für ihren begabten Sohn zu entziehen, war für Luther die erste Etappe auf seinem Weg zur Freiheit.
Musik: Steppenwolf: Born to be wild
Der nächste Schritt zur Freiheit entsprang keineswegs dem Wunsch, das strenge Klosterleben wieder zu verlassen. Luthers Problem war nicht, dass er die äußeren Einbußen an Freiheit nicht mehr ertragen hätte. Sein Problem war, dass er im Kloster keine Ruhe fand. Auch bei strengster Befolgung der klösterlichen Regel erlangte er keinen Herzensfrieden. Luther erlebte Gott als einen unablässig Fordernden, der keine Freiheit duldet. Er fühlte, dass weder durch sein Bemühen, noch durch sorgfältigste Beachtung der Kloster-Regeln innere Freiheit zu erlangen war. Gegen die elterliche Autorität konnte er seine Gewissensentscheidung durchsetzen. Vor Gott aber half ihm erst ein Bibelwort, das er bei Studien im Römerbrief entdeckte.
Sprecher: Im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: `Der Gerechte wird aus Glauben leben.`
Luther begreift: Gott ist kein Despot, der unablässig Unerfüllbares fordert. Gott ist Gnade. Er ist Liebe. Er lädt ein, ihm zu vertrauen. Er fordert uns, aber er bietet an, dass wir gegen alles, was uns davon abbringen will, im Vertrauen leben. Das ist der Kern evangelischer Freiheit. Manchmal braucht es ein Wort von außen, das wir uns nicht selbst sagen können, damit ein Freiheitsgewinn entsteht. 30 Jahre später schrieb Luther über diese Entdeckung:
Sprecher: Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes als diejenige zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt ..., nämlich aus dem Glauben, und erkannte, dass dies die Meinung sei, dass durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: ´Der Gerechte lebt aus dem Glauben.´ Hier meinte ich geradezu, ich sei wiedergeboren, die Türen hätten sich geöffnet und ich sei in das Paradies selbst eingetreten.
Freiheit ist für Luther eine, die von innen kommt und sich nach außen wendet, vor keiner Autorität Halt macht und beharrlich und unbeugsam ihren Weg geht. Er liest nun nicht nur die Bibel anders, er entwickelt auch den Mut, sich offen gegen Missstände in der Kirche auszusprechen. Solche Freiheit will verteidigt sein zuletzt auch gegen Papst und Kaiser.
Innere Freiheit wächst erst in mühsam gegangenen Schritten. Sie wird der Angst abgerungen, die tausend Gegenargumente kennt. Die Angst hat viele Stimmen: Freiheit ist nicht alles, Pflicht geht ihr voran! Die Klugheit mahnt zur Zurückhaltung. Die Höflichkeit fordert Bescheidenheit. Die Tugend empfiehlt Demut. Die Furcht ruft zur Vorsicht. Sie alle wollen den Drang zur Freiheit bremsen. Wie viel sie bedeutet, spürt man oft erst nach erlittener, vielleicht mühsam überwundener Unfreiheit, wenn die mahnenden Stimmen überwunden sind, die ihre Kraft aus der Angst gewinnen.
Oft erlebe ich, dass ich mich zu wenig traue, Freiheit, die ich habe, zu nutzen und zu leben. Dann achte ich bemüht auf das, was sich gehört, orientiere mich an fremden Erwartungen, lasse mich vorauseilend ohne Not einschränken. Luthers Geschichte ist eine, die ermutigt, der eigenen befreienden Erkenntnis zu folgen. Wer dies tut, geht Gottes Weg.
Sprecher: Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.
Mit diesen beiden Sätzen hat Luther später die Freiheit eines Christenmenschen bezeichnet. Für mich sind sie der Inbegriff evangelischer Freiheit. Den ersten von beiden habe ich mir vor Prüfungen und in anderen schwierigen Lagen oft gesagt. Der zweite stellt sich seufzend von selber ein.
Diese Sätze widersprechen sich nur scheinbar; sie gehören zusammen. Innerlich zeigt sich Glaubensfreiheit daran, dass keine Macht der Welt sie einschränken kann. Innere Freiheit ist im Letzten unabhängig von äußeren Dingen. Sie ist nicht gebunden an Reichtum, Armut, Aussehen. Wer innerlich frei ist, kann entscheiden, was er für angemessen hält. Alle Tyrannen und Diktaturen der Welt haben Angst vor der inneren Freiheit. Weil sie von keiner Macht zu beherrschen ist.
Aber Freiheit bedeutet auch, Verantwortung wahrzunehmen, damit sie behauptet und ausgebaut werden kann. Sie muss verteidigt werden gegen alle Argumente und Mächte, die sie einschränken wollen. Sie gehört zum Menschsein dazu. Aber sie ist ständig bedroht von innen und außen. Wo ihr Wert begriffen ist, wächst aus ihr eine Kraft, die sich dem zuwendet, was die Welt braucht. Wer innerlich frei ist, sieht, was not tut. Denn Freiheit will nicht allein bleiben. Sie will Gerechtigkeit auch für Menschen in Ländern mit despotischen Diktaturen. Freiheit will Lebensverhältnisse, in denen Menschen ihr Recht auf Meinungsfreiheit, auf Bildung und Ausbildung gewährt wird. Freiheit verlangt Einsatz. Sie will immer neu errungen sein. Das ist ihr Preis. Damit sie ihr Recht bekommt, verlangt sie das, was die Freiheit scheinbar einschränkt, nämlich Selbstdisziplin und Verantwortung.
Musik: Bruce Springsteen: Chimes of Freedom (live),
Luthers Idee von Freiheit wirkte über sein persönliches Erleben hinaus. Die Reformation begann am 31. Oktober 1517 mit dem Kampf gegen käufliche Ablässe, aber entwickelte bald ihre eigene Dynamik. Sie hat das Lebensgefühl der Menschen, die Gesellschaft, Politik und das Denken verändert. Der Protestantismus versteht sich bis heute als Religion der Freiheit, die im Innern des Menschen beginnt und von Gott geschenkt ist. Der eigene Glaube ist durch keine Instanz, durch keine Institution vorzugeben oder einzuschränken. Dies reicht bis zu meiner kleinen Freiheit, den Sonntag so zu verleben, wie es mir gefällt und sei es auf einem Motorrad.
Es gibt nicht nur Schritte und Stationen auf dem Weg zur Freiheit. Da ist nicht nur die Einsicht, dass sie verteidigt und behauptet werden muss. Es gibt nicht allein den Impuls, sie zu verbinden mit der Gerechtigkeit. Das Schöne an der Freiheit ist, dass sie eben auch genossen werden darf, so, wie es uns gefällt. Ich wünsche Ihnen einen schönen, freien Sonntag; mit Zeit für Muße oder für die Menschen, die Ihnen etwas bedeuten oder einfach zum Innehalten und Kraft Schöpfen. Dafür haben wir alle Freiheit der Welt, auch am Sonntag vor dem Reformationstag.
Aus der evangelischen Kirche in Bonn grüßt sie herzlich Pfarrer Uwe Rieske.
Musik Otis Redding, Sitting on the dock of the bay
Etappen der Freiheit
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