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Tokio Hotel in Israel
Shimon Elkabetz lebt in Israel. Und hört gerne Musik. Er hört gerne den großen Rock: Pink Floyd, Deep Purple, die Stones.
Seit dem sechsten Oktober hat er seinen Musikhorizont erweitert. Auf geradezu revolutionäre Weise und nicht ganz freiwillig. Seinen beiden zehn und 16 Jahre alten Töchtern zuliebe war der 46-jährige Israeli auf einem Konzert von Tokio Hotel, der deutschen Teenie-Boy-Group.
Einer deutschen Band, die in Israel frenetisch gefeiert wird. Viele der Fans hatten die Band schon entdeckt, bevor sie überhaupt in den Charts auftauchte. "Wir haben bereits vor 18 Monaten E-Mails über diese Gruppe bekommen", sagt Michal Regulant vom Teenie-Magazin "Rosh-ächad". "Sie schrieben uns, es gebe da eine deutsche Band, über die wir berichten sollten. Soweit ich weiß, waren wir damit die erste israelische Zeitung, die je eine deutsche Band auf ihrem Titelblatt hatte".
Mehr als 5000 israelische Fans baten die Gruppe in Briefen und Petitionen eine Konzertreise nach Israel zu unternehmen. Begleitet von einem Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Deutschland reiste die Band schließlich nach Israel. Zur Kulisse von tosendem Gekreische eröffnete Sänger Bill Kaulitz das Konzert auf Hebräisch: "Schalom Tel Aviv. Wie geht es Euch?"
Die durch den millionenfachen Mord an den europäischen Juden begründeten Belastungen im deutsch-israelischen Verhältnis wurden im Konzert für eineinhalb Stunden ausgeblendet. Nur das Verbindende, die Musik, zählte. "Heute ist es scheißegal, was Euch passiert ist" und "scheißegal, was uns passiert ist", rief der 18jährige Bill auf Deutsch seiner israelischen Fangemeinde zu. Im Interview vorab hatte die Band bekannt:Wir sind echt komplett unbelastet, was so die politische Seite angeht". Nicht so einfach in einem Land, in dem sich die überlebenden Opfer des großen Mordens gesammelt haben.
Yael Levy hat neun Familienmitglieder durch den Holocaust verloren. Deutsche Produkte hat sie nie gekauft, Deutschland nie gesehen, die Sprache kann sie nicht ertragen. Aber ihre 12jährige Tochter May hat nun begonnen deutsch zu lernen, um die Texte von Tokio Hotel verstehen zu können. Die Gefühle von Yael Levy sind gemischt: "Es ist nicht einfach. Wegen der Geschichte", sagt sie. "Aber man darf nicht vergessen, es ist eine neue Generation."
Während israelische Jugendliche Deutsch lernen, schreiben in deutschen webblogs Besucher Sätze wie: Bin gerade in Tel-Aviv, die Resonanz auf TH ist wirklich beeindruckend. Selbst Taxi-Fahrer reden von TH und gut über Deutschland. Musik bringt die Jugendlichen einander näher und nun wollte auch der Jüngste unserer Familie wissen, was so besonders daran ist, dass TH in Israel auftritt. TH sind schon lange nicht mehr nur eine Teenieband. Durch ihre Musik überschreiten sie Grenzen, die so manche Politiker nicht überwinden können. Tokio Hotel und ihre Fans stehen für eine Generation, die den Folgen und den Zeitzeugen des Krieges nur noch vereinzelt begegnet sind. Mit diesen jungen Menschen beginnt in der Tat eine neue Ära. Natürlich muss die Katastrophe der Shoa memoriert werden.
Das sog. Dritte Reich taugt nicht für verharmlosende Vergleiche á la Eva Herrmann. Es ist unsere Aufgabe, als Erwachsene, als Gesellschaft, als Deutsche die Erinnerung zu bewahren und an die neue Generation weiterzugeben. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer dem grausamen Geschehen angemessenen Pietät. Ich freue mich aber über den Erfolg der jungen Magdeburger. Ich freue mich über die Tatsache, dass 62 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche und israelische Jugendliche zusammen ein Konzert feiern. Sich von gemeinsamer Musikbegeisterung verbinden zu lassen, könnte ein Zukunftsmodell sein.
Tokio Hotel in Israel
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