Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.11.07, Pfarrer Matthias Köhler

Versöhnung

Irgendwas stimmt nicht an diesen Frauen. Zwar laufen sie Hand in Hand durch die Straße, beinahe ein Schlendern, aber merkwürdig:

Ist die Unterhaltung nicht ein bisschen zu locker, der Griff ihrer Hände nicht ein bisschen zu fest? Fast sieht es aus, als gäben sie sich gegenseitig Stütze, als brauchte die Eine den Griff der Anderen, auf diesem Weg, den sie gemeinsam gehen, den Weg zum Friedhof, wo ein ermordeter Sohn seine letzte Ruhe gefunden hat. Als sie vor dem Grab stehen, weint Aicha. Sie ist die Mutter des Täters. Und Phyllis, die Mutter des Opfers, tröstet sie. Es klingt wie verkehrte Welt, und es ist auch nicht leicht zu verstehen. Aber so sind Geschichten über Vergebung, über Verlust und über Trauer nun einmal. Nicht leicht.

Die Amerikanerin Phyllis Rodriguez, 64, und die gebürtige Marokkanerin Aicha el-Wafi, 60, die schon lange in Frankreich lebt, haben beide ihre Söhne am 11. September 2001 in New York verloren. Jede auf ihre Weise. Phyllis' Sohn Greg starb am 11. September 2001 im 103. Stock des World Trade Center, Aichas Sohn Zacarias wurde als Terrorist im Zusammenhang mit den Anschlägen verurteilt und sitzt nun lebenslang im Hochsicherheitsgefängnis von Florence-USA- ein. „Wenn Euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Baum sagen: Heb dich auf und verpflanze dich ins Meer.“ Sagt Jesus Christus. Ja, Glaube kann entwurzeln. Leider auch, wenn er Irrglaube ist.

Der Anschlag auf das World Trade Center in New York hat sich dieser Tage zum sechsten Mal gejährt. Menschen haben geglaubt, ihrem Gott zu dienen, wenn sie viele andere mit in den Tod reißen. Sie wollten die amerikanische Gesellschaft, die sie für den Urgrund allen Übels in der Welt hielten, an den Wurzeln packen und ihre vermeintlichen Feinde in einem Tränenmeer versenken. Zum Teil ist ihnen das gelungen. Glaube ist ein zweischneidiges Schwert. Er kann die Welt verändern. Er kann die Welt zum Reich Gottes machen. Oder zur Hölle. Niemand hielt es vor dem 11. September für möglich, dass Passagierflugzeuge zu fliegenden Bomben umfunktioniert und ganze Hochhäuser zum Einstürzen bringen würden.

Niemand hält es nach dem 11. September für möglich, dass sich Täter und Opfer und ihre Angehörigen versöhnen könnten. Und doch, dieses Wunder gibt es. Vor dem 11. September 2001 lebten Phyllis Rodriguez und Aicha el-Wafi in zwei verschiedenen Welten. Ein Jahr nach den Anschlägen haben sie sich kennengelernt - bei einer Gedenkveranstaltung - und wurden Freundinnen. Aicha trauert mit Phyllis um deren Sohn Greg, Phyllis kämpft mit Aicha um deren Sohn Zacarias. Beide verstehen nicht, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Aber sie sind davon überzeugt, dass sie zusammen das Erlebte verarbeiten und auf einen friedvollen Weg führen können. Phyllis will vergeben.

Vergebung, sagt sie, heißt nicht, die Schuld wegzuwischen. Vergebung bedeutet für sie, auf den, der Schuld auf sich geladen hat, zuzugehen, um ihn kennen zu lernen und zu verstehen. Aicha will die Lüge, wie sie es nennt, in ihrem Sohn aufspüren und aufbrechen. Nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe. Aicha und Phyllis leben es vor, so wie es Jesus vorlebte: Sie haben im gemeinsamen Tränenmeer neue Wurzeln gefunden, die ihr Leben nähren. Weil sie aufeinander zugegangen sind, den anderen kennen und verstehen gelernt haben und ihn so zu einem Menschen machten, der ihre Liebe braucht und vor dem Gottes Liebe nicht Halt macht. Das hat unsere Welt nötig. Und das stärkt unseren Glauben. Den Glauben an einen Gott, der Liebe ist.

Audiobeitrag Versöhnung


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