Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.11.07, Christa Kirschbaum (Choralandacht)

Gib dich zufrieden und sei stille (eg 371)

Musik: (Orgel-Intro und Kontra-Alt: Str. 1, 1. Zeile „Gib dich zufrieden und sei stille“

Lieber Pastor Paul Gerhardt, lieber Musikus Jakob Hintze, diesen Choral aus Ihrer Feder habe ich nie so richtig gemocht. Still sein, sich zufrieden geben ! Wie oft habe ich als Kind gehört: „Kannst du nicht endlich mal Deine Klappe halten !“ und wie oft höre ich bis heute: „Seien Sie lieber mal ein bisschen ruhiger, Sie können doch sowieso nichts verändern !“ Dazu diese Melodie ! Hoch oben beginnt sie, steigt dann die ganze Tonleiter abwärts und endet auf einem langen tiefen Ton. Das ist doch wie ein Absturz !

Choral: Kontra-Alt: Str. 1, 1. und 2. Zeile „Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens“

Vom tiefsten Ton aus steigt die Melodie aber dann wieder nach oben, wenn Sie, Herr Gerhardt, das Ziel beschreiben: „in dem Gotte deines Lebens“. „Deines Lebens“ ist die hervorgehobene Textstelle mit den höchsten Tönen. „Deines Lebens“ – wen meinen Sie damit ? Etwa mich? Jetzt haben Sie mich aber neugierig gemacht:

Choral:  Kontra-Alt, Str. 1, Zeile 3+4 „In ihm ruht aller Freuden Fülle, ohn ihn mühst du dich vergebens“.

„In ihm ruht aller Freuden Fülle“ – dieser Text gefällt mir, Herr Gerhardt! Wie virtuos Sie die dichterischen Mittel, hier den Stabreim (Freuden-Fülle), für Ihre Aussagen nutzen! Aber wieso, Herr Hintze, verwenden Sie dafür die gleiche Melodie wie zu Beginn? Sie führt doch abwärts zum Grundton ! Meinen Sie damit den sicheren Grund, auf dem ich als Gottes Kind stehen kann, oder denken Sie an das alte biblische Bild von Gott als Quelle, aus der sich mein Leben speist? „Ohn ihn mühst du dich vergebens“: jetzt geht die Melodie wieder aufwärts, und wieder bin wohl ich bei den höchsten Tönen gemeint. Stimmt ja, ich strecke mich gern nach der Decke, und ich will natürlich die Größte und Beste sein – wer will das nicht?

Choral: Kontra-Alt. Str. 1, Zeilen 5+6 „Er ist dein Quell und deine Sonne, scheint täglich hell zu deiner Wonne“

Da lag ich ja mit der Quelle gar nicht so falsch – aber ich weiß auch, Herr Gerhardt, dass Sie es mit der Sonne haben. In 25 Ihrer Lieder haben Sie die Sonne als Bild für Gottes Liebe verwendet. Und Ihre Melodie, Herr Hintze, bewegt sich nun in der oberen Lage, wie ein Sonnenschein, der alles überstrahlt.

Choral: Kontra-Alt: Str. 1, Zeile 7 „Gib dich zufrieden“ 

Meine Herren, Sie haben sich ja wirklich eine Menge gedacht beim Dichten und Komponieren! Und ich komme auch ins Nachdenken.
Vielleicht sollte ich mir in meinem aufreibenden Alltag wieder einmal klar machen, worauf mein Engagement sich eigentlich gründet. Bei „zufrieden und stille“ denke ich an meine hektische Freundin, die wegen ihres hohen Blutdrucks nachts schlecht schläft, und an den superfleißigen Kollegen, der neuerdings durch einen Tinnitus keine ruhige Minute mehr hat. - Wie geht es denn nun weiter, Herr Gerhardt?

Sprecher: Strophe 2
Er ist voll Lichtes, Trost und Gnaden, / ungefärbten, treuen Herzens;/’
Wo er steht, tut dir keinen Schaden/ auch die Pein des größten Schmerzens./
Kreuz, Angst und Not kann er bald wenden,/ ja, auch den Tod hat er in Händen./
Gib dich zufrieden!

Dass Sie das so sagen können, Herr Gerhardt ! Zwischen Ihrem 11. und 41. Lebensjahr erlebten Sie den 30jährigen Krieg. Später kamen die beruflichen Auseinandersetzungen, die schließlich zu Ihrer Amtsenthebung führten. Von Ihren vier Kindern sind drei gestorben. Und dann wurde Ihre Frau todkrank. Trotzdem haben Sie darauf vertraut, dass Gott Sie sieht, auch wenn Sie sich mutterseelenallein fühlten. Und das wollen Sie weitersagen:

Choral: Kontra-Alt: Str. 3: Wie dir’s und andern oft ergehe, / ist ihm wahrlich nicht verborgen;/ Er sieht und kennet aus der Höhe/ der betrübten Herzen Sorgen./ Er zählt den Lauf der heißen Tränen/ und fasst zuhauf all unser Sehnen./ Gib dich zufrieden !

Herr Gerhardt, Sie haben gut reden! Wenn es mir so richtig schlecht geht, will ich lieber niemanden sehen ! Dann verkrieche ich mich in eine Ecke und lasse keinen an mich heran. Was sagen Sie ? Das sei erst mal ganz normal? Wichtig sei nur, dass ich nicht alles in mich hineinfresse?

Choral: Movimento, Str. 5: Er hört die Seufzer deiner Seelen/ und des Herzens stilles Klagen,/ Und was du keinem darfst erzählen,/ magst du Gott gar kühnlich sagen./ Er ist nicht fern, steht in der Mitten,/ hört bald und gern der Armen Bitten./ Gib dich zufrieden!

Sie sind ein guter Seelsorger, Herr Pastor Gerhardt! Und Sie geben gleich einen ganz konkreten Tipp:

Sprecher: Strophe 6 und 8
Lass dich dein Elend nicht bezwingen,/ halt an Gott, so wirst du siegen;/
Ob alle Fluten einhergingen,/ dennoch musst du oben liegen./
Denn wenn du wirst zu hoch beschweret,/ hat Gott, dein Fürst, dich schon erhöret./
Gib dich zufrieden!

Ach, Herr Gerhardt, ich bewundere Ihr Gottvertrauen! Als Mensch des 21. Jahrhunderts fällt mir das nicht so leicht. Aber Sie haben ja wohl diese Erfahrungen gemacht:

Sprecher: Strophe 8
Der wird vielmehr dich einz’gen füllen/ und dein Begehr und Notdurft stillen./

Lieber Herr Gerhardt, lieber Herr Hintze, ursprünglich war Ihr Lied ja als Solo gedacht. Erst später wurde es dann in die Gemeinde-Gesangbücher aufgenommen. Aber in den Kernbestand des Kirchenlied-Repertoires hat dieses Lied es nicht geschafft. Vielleicht erschließt es sich heute auch nur noch über einen intensiven persönlicher Zugang. Umso schöner, dass die Jazz-Sängerin Sarah Kaiser es nach 350 Jahren als Solo neu arrangiert hat:

Choral: Sarah Kaiser, V. 1 „Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens, In ihm ruht aller Freuden Fülle, ohn ihn mühst du dich vergebens“. „Er ist dein Quell und deine Sonne,  scheint täglich hell zu deiner Wonne“ „Gib dich zufrieden“      

Das war Kirche in WDR 3 mit Frau Christa Kirschbaum aus Lippstadt über den Choral “Gib dich zufrieden und sei stille“ (eg 371). Sie hörten die Altistin Renate Lüsse und an der Orgel Christian von Strauch

Audiobeitrag Gib dich zufrieden und sei stille (eg 371)


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