Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.10.07, 10.00 Uhr, Pfarrer Peter Schröder

Der Sonntag

Liebe Gemeinde, haben Sie heute frei? Ja – ich weiß schon: das ist eine merkwürdige Frage. Schließlich ist heute Sonntag!

Ein freier Tag, endlich - für die meisten jedenfalls! Da kann man in Ruhe mit der Familie frühstücken. Wenigstens ein Tag in der Woche, der nicht mit der üblichen Hektik beginnt. Ein Tag, an dem der Wecker nicht klingelt – bestenfalls der Hund nervt, weil der ja nicht weiß, dass Sonntag ist. Ein Tag, an dem man schon in den frühen Morgenstunden zum Angeln gehen kann, weil man mittags nochmal schlafen kann. Sonntag – Zeit, den Hobbys nachzugehen. Den Tag mit Freunden zu verbringen. Einen Ausflug zu machen. Eben einfach mal ein Stück Freiheit erleben. Denn er ist ein freier Tag, der Sonntag.

Und so war er ja auch gemeint, von Anfang an. Denn der Anfang des Sonntags liegt in den Geboten, die Mose auf dem Berg Sinai aus Gottes Hand empfängt. „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst“, heißt es da, „sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.“ Die Israeliten sind in die Sklaverei geraten. Sie müssen schuften Tag für Tag und rund um die Uhr - wer dabei auf der Strecke bleibt, hat eben verloren. Menschen sind Arbeitskräfte, alles andere ist uninteressant. Aber das hat mit Menschenwürde gar nichts zu tun. Denn die Würde des Menschen liegt darin, dass er mehr wert ist als das, was er leisten kann. Der wirkliche Wert eines Menschen hat mit seiner Leistung gar nichts zu tun. Der Mensch ist wertvoll, weil er ein Mensch ist.

Sklaven können das nicht spüren. Deshalb verlieren sie ihre Menschenwürde. Weil Gott das nicht zulassen will, befreit er die Israeliten aus der Sklaverei und führt sie in die Freiheit. Um ihren Wert erkennen zu können, müssen Menschen frei sein. Das ändert natürlich nichts daran, dass auch freie Menschen arbeiten müssen. Damit das aber nicht wieder zur Sklaverei wird, schenkt ihnen Gott den Sabbat: einen Tag der Freiheit von jeglicher fremdbestimmten, unnötigen Arbeit. Mit dem Sabbat erinnert Gott an die Würde und Freiheit des Menschen. Dieses alte Zeichen der Freiheit hat die junge Kirche mit auf den Weg genommen und es mit dem Sonntag bis heute behalten. Der freie Tag ist geblieben. „Du bist kein Sklave, du bist frei“, sagt er dir jede Woche von neuem, „du bist mehr wert als du leisten kannst!“ Das ist die Sonntagsbotschaft.

Die Botschaften des Alltags klingen anders. Und sie sind lauter. „Du bist frei?“ Na ja, die Freiheit hält sich in Grenzen. Wenn du nicht machst, was sie in der Firma von dir wollen, wirst du da nicht alt. Du musst flexibel sein mit deinen Arbeitszeiten. Du musst bereit sein, Überstunden zu machen, die du eh nie abfeiern kannst. Du musst bereit sein, auch mal am Wochenende einzuspringen. Du musst sogar bereit sein, für dieselbe Arbeit weniger Geld zu bekommen. Denn sonst, sagen sie, müssten sie die Produktion verlagern: dahin, wo Menschenwürde keine große Rolle spielt und Freiheit ein Fremdwort ist - nach China zum Beispiel.

Aber solange jemand noch Arbeit hat, kann er wenigstens noch hier und da seinen Wert spüren – oder wenigstens einen Teil davon. Wenn einer erst seine Arbeit verloren hat, wird es noch viel prekärer. Dann verliert das Leben leicht seinen Rhythmus, und es wird viel anstrengender, den Alltag zu organisieren. Diesen Alltag, der einem ja auch als Arbeitslosem immer wieder vor Augen hält, dass Menschen nur so viel wert sind, wie sie leisten und wie sie sich leisten können. Gemessen daran bleibt ja nicht viel übrig. Und die Botschaft des Sonntags von der geschenkten Freiheit läuft ins Leere. Es ist gut, wenn man mal nicht arbeiten muss. Aber schlimm, wenn man es erst gar nicht darf!

Und die, die schon im Ruhestand sind, können ihre Freiheit oft genug auch nicht mehr genießen, weil sie einfach zu viel davon haben. Die haben zu viel Sonntag. Alles zusammengenommen kein Wunder, dass so viele Menschen mit dem Sonntag nicht allzu viel anfangen können. Umso wichtiger, die Sonntagsbotschaft noch einmal zu hören. All die Chancen wahrzunehmen, die er bietet: Endlich mal machen können, was man will. Nicht mehr fremden Interessen dienen müssen. Endlich mal selbst bestimmen dürfen über das eigene Leben. Endlich mal raus aus der Tret-mühle! Überhaupt: nichts müssen, aber alles dürfen! Nur tun, was gut tut! Mal wieder Mensch sein eben.

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht“, sagt Jesus Christus. Seine Jünger hatten getan, was gut tat. Sie wären vermutlich nicht verhungert, wenn sie die Körner aus den reifen Getreideähren nicht gegessen hätten. Aber sie hatten Hunger - wahrscheinlich waren sie lange unterwegs gewesen. Eine Handvoll Körner, das ist nur die Befriedigung eines elementaren Bedürfnisses, hatten sie geglaubt. Die Pharisäer sahen das allerdings anders: Ernten ist am Sabbat eine unnötige Arbeit, selbst in kleinen Mengen. Und deshalb warnen die sie: Wehret den Anfängen! Die Freiheit des Sabbats ist schnell verspielt! Nicht alles, was spontan gut tut, ist auch auf Dauer gut. Und nicht alles, was auf Dauer gut ist, tut auch spontan gut. Der Sabbat ist so empfindlich wie die Freiheit selbst. Deshalb muss man ihn vor den Menschen schützen - notfalls durch Verbote. Ja, mag Jesus geantwortet haben, das stimmt: auch die Freiheit braucht Regeln. Aber zu viele Verbote zerstören die Freiheit auch.

Dieses Streitgespräch ist noch nicht zu Ende. Der Sonntag ist um des Menschen willen gemacht, sagen die einen. Aber er muss geschützt werden, sagen die anderen. Zum Beispiel durch ein Sonn- und Feiertagsgesetz, wie es das in allen Bundesländern gibt. Aber das schränkt doch die Freiheit wieder ein, sagen die ersten. Und sollte man nicht vielleicht einfach die Menschen selbst entscheiden lassen, was ihnen gut tut? Die Diskussion dauert an.

Teil II.

Ist der Sonntag ein Geschenk, mit dem kaum noch jemand etwas anfangen kann? Oder ist die alte Erinnerung noch wach, dass der Sonntag ein Zeichen der Freiheit ist? Auf jeden Fall ist er wohl wertvoll, denn viele hätten gern ein Stück von unserem freien Sonntag. Die Arbeitgeber würden ihre Maschinen gern rund um die Uhr und Tag für Tag laufen lassen - aus Rentabilitätsgründen. Natürlich muss die jemand bedienen. Aber wer, wenn sonntags die Arbeit ruhen soll? Die Geschäftsleute hätten auch gern ein Stück von unserem Sonntag. Völlig unzeitgemäß, meinen sie, dass die Geschäfte am Sonntag geschlossen bleiben müssen. Ein Geschäftsmann ganz in unserer Nähe hat sein Geschäft jetzt schon an Werktagen bis 24.00 Uhr geöffnet. Aber er setzt alles daran, auch sonntags öffnen zu dürfen. Er könne sonst seine Kunden nicht angemessen versorgen, sagt er. Nicht einmal Videotheken dürfen öffnen! Dabei haben die Leute doch nun gerade am Sonntag Zeit, sich Filme anzusehen. Und natürlich alle Vereine, die wollen auch ein Stück von unserem Sonntag haben. In der Zeit bis 11.00 Uhr dürfen keine öffentlichen Sportveranstaltungen stattfinden. Manche Vereine halten sich daran, viele aber auch nicht. Und dann gibt es da noch zig Freizeitparks, die ebenfalls davon leben, dass Menschen sonntags frei haben und die freie Zeit füllen möchten.

Und eh wir uns versehen, haben wir kaum noch etwas übrig von unserem Sonntag. Ein bisschen haben wir unserem Arbeitgeber geschenkt - einmal im Monat ist doch nicht so tragisch. Ein bisschen unserem Verein: die zwei Stunden machen doch nicht so viel aus. Noch ein, zwei Stunden haben wir eingesetzt, um ein paar Dinge einzukaufen, zu denen man sonst nicht kommt - und es ist ja gerade mal wieder verkaufsoffener Sonntag, warum auch immer. Na, Sie wissen besser als ich, wer Ihnen sonst noch die Zeit stiehlt oder wem Sie sie freiwillig schenken.

Ach - Sie meinen, ich hätte noch etwas vergessen? Und das sei ja wieder mal typisch? Denn die Kirche, die wolle ja schließlich auch noch ihren Teil vom Sonntag. Gottesdienst, Kindergottesdienst, Abendgottesdienst - und alles am Sonntag. Von Konzerten und musikalischen Andachten ganz zu schweigen. Die Konfirmanden müssen in die Kirche, und damit ist das Programm einer ganzen Familie blockiert. Die Kirche mischt auch kräftig mit bei der großen Konkurrenz um den freien Tag. Müsste man nicht mit Jesus sagen: „Der Sonntag ist doch für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sonntag!“ Also noch einmal: Sollte man es nicht besser den Menschen selbst überlassen, wie sie ihren Sonntag verbringen möchten: mit Arbeit, mit Fußball, mit Videos oder mit der Kirche? Das ist doch nun letztlich egal, oder?

Da sage ich nun ganz entschieden: Nein, es ist nicht egal, was wir am Sonntag tun! Da wären sich auch die Pharisäer und Jesus schnell einig. Ich glaube, es ist gut, grundsätzliche Dinge durch Gesetze zu regeln. Ich glaube, es ist gut, dass es ein Arbeitszeitgesetz gibt, das die unnötige Sonntagsarbeit verbietet. Ich glaube, es ist gut, dass es ein Ladenschlussgesetz gibt und dass die Ruhe des Sonntags gesetzlich geschützt ist. Aber darüber hinaus braucht der Sonntag keine Verbote, sondern vielmehr Einladungen. Denn er ist ein Geschenk Gottes. - Haben Sie eine reiche Erbtante? Nein? Schade. Aber stellen Sie sich vor, Sie hätten eine. Eine, die unsinnig viel Geld hat und mehrere Häuser. Eins davon in der Provence, da, wo sie am schönsten ist, mit Blick auf das Meer und einem wunderschönen Garten. Und dann lädt Sie diese Tante ein: Du kannst dieses Haus jederzeit nutzen. Du kannst deinen Urlaub dort verbringen, so oft du willst. Du kannst deine Familie mitbringen und gern auch deine Freunde. Bewohn das Haus, als wäre es deines! Irgendwann erbst du ja sowieso alles!

Jetzt hätten Sie also verschiedene Möglichkeiten, auf dieses Angebot zu reagieren. Sie könnten sagen: Nettes Angebot, aber ich fahre lieber nach Norderney. Sie könnten sagen: Ich will nicht in die Provence, da ist mir zu wenig los. Und einkaufen kann man da auch nicht ordentlich. Sie könnten auch sagen: Ich habe ohnehin keine Zeit, Urlaub zu machen, ich muss arbeiten. Ich glaube, in allen Fällen wäre Ihre Tante ziemlich enttäuscht. Sie hätten ihr Geschenk nicht angenommen oder es jedenfalls nicht in Ehren gehalten. Das ist natürlich Ihr gutes Recht.

Sie könnten aber auch sagen: Danke, liebe Tante, ich freue mich über deine Einladung! Ich will dein Angebot nutzen, sooft es geht. Ich werde in deinem Haus wohnen und die Zeit dort genießen. Ich werde es mir da richtig schön machen, und ich werde nur tun, was mir gut tut. Ich werde mich gut erholen. Ich werde Freunde einladen, damit sie mit mir die Zeit in diesem Haus genießen können. Dann würde sich ihre Tante freuen, weil sie wüsste, dass sie Ihnen ein Geschenk gemacht hat, das Ihr Leben reicher macht. Und dann könnte es sein, dass Sie auf die Idee kämen, Ihre Tante anzurufen und sie einzuladen, einen Teil der Zeit mit Ihnen gemeinsam in dem Haus zu verbringen. Und es könnte sein, dass sie dabei entdecken, wie schön und bereichernd solche gemeinsamen Zeiten sind.

Gott schenkt Ihnen den Frei-Raum des Sonntags. Er lädt Sie ein, ihn zu bewohnen und zu gestalten. Es soll ein Raum sein, in dem Sie sich erholen und entfalten können. Ein Raum, in dem Sie bestimmen dürfen, statt sich von anderen bestimmen zu lassen. Ein Raum, in den Sie andere einladen können, um ihn mit ihnen zu teilen. Wie wäre es, wenn Sie auch Gott einladen, Zeit mit Ihnen zu verbringen - einfach deshalb, weil Sie ihm dankbar sind? Und weil - ja eben: weil solche gemeinsamen Zeiten schön sind und bereichernd. Das würde ihn freuen! Das Wichtigste ist, dass Sie spüren können: der Sonntag ist ein Geschenk. Und dass Sie nicht nur sagen, sondern auch fühlen können: Ich habe frei, denn es ist Sonntag - Gott sei Dank!

Amen.

Am 31.10.2007 sendet WDR 5 in der Zeit von 19.05 Uhr bis 19.30 Uhr ein "Geistliches Feature" zum Reformationstag.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 02.12.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Martin-Luther-Kirche in Lünen übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Frederike Scholz-Druba.

 


 


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