Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.10.07, Pfarrer Max Koranyi

"Beurteilungen"

Am Anfang war es meine Mutter. Und sie hat es sicher gut gemeint. Auf alle Fälle sagte sie mir immer ganz offen, was sie von mir hielt. Schon als kleines Kind.

Sie hat mich gelobt, wenn ich nach dem Spielen draußen meine Kleidung nicht verdreckt habe. Aber sie konnte auch ins Wohnzimmer stürmen, wenn ich gerade Klavier übte, und mir deutlich sagen, welche Stelle ich ständig falsch spielen würde. Ich glaube, das alles verstand sie als ihren Erziehungsauftrag. Und ich habe das auch so akzeptiert.

Schwieriger wurde es da schon, wenn sie mich als Person beurteilte. „Du bist sehr freigebig“, sagte sie einmal zu mir. Das gefiel mir. Wenige gefiel mir allerdings, als sie mir eines Tages nach einer frechen Antwort meinerseits sagte: „Wenn du das noch einmal sagst, habe ich Dich nicht mehr lieb.“ Was für eine Bedrohung! Welcher Mensch möchte nicht lieb gehabt werden? Also habe ich seitdem versucht, mir die Zuneigung meiner Mutter durch gutes Verhalten zu verdienen. Um am Ende gut beurteilt und - lieb gehabt zu werden.

Später kam dann die Schule dazu. Ich hatte viele gute, verständnisvolle, gebildete Lehrer. Aber da ich in Naturwissenschaften eine ziemliche Niete war, eben auch einen, der mich auf dem Kieker hatte. Ihm konnte ich so gut wie nichts recht machen. Aber statt mich irgendwie zurückzuziehen und den Kampf um seine Gunst aufzugeben, versuchte ich mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, einen aufmerksamen Schüler, „Liebkind“ sozusagen zu spielen. Denn nicht gemocht zu werden, das auszuhalten.war nun doch zu schwer für mich.

Irgendwie habe ich mir so im Laufe meines Lebens angewöhnt, anderen Menschen das Recht einzuräumen, mich beurteilen zu können. Und zwar nicht nur einzelne Fehler und Fähigkeiten, sondern mich, so wie ich war, als ganzen Menschen, als einmalige Person. Immer schienen mir andere übergeordnet und überlegen zu sein. Die Ausbilder im Studium. Die Menschen, mit denen ich später beruflich zu tun hatte. Und zwar nicht, weil sie tatsächlich mehr konnten und wussten als ich. Sondern weil ich mich selber innerlich auf einer untergeordneten Stufe eingerichtet hatte, auf die andere heruntersehen und mit Noten begutachten durften.

Dass das alles nicht richtig und gesund war, ist mir schon als junger Mensch deutlich gewesen. Nur: Wie herauskommen aus der eigenen Haut, die ich mir seit Kindestagen angezogen hatte? Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis ich einen neuen Blick auf mich werfen konnte. Um mich schließlich dann auch in meinem Verhalten zu verändern. Es waren im Übrigen einzelne Sätze und Verse aus der biblischen Weisheit, die mir zwar immer schon bekannt waren; aber die ich eigentlich nie auf mich oder meine Unterlegenheitsgefühle bezogen hatte.
Da war also zunächst dieses Bild, dass Gott mich bei meinem Namen kannte und ich zu ihm gehören durfte; er mich also so lieb hatte, wie ich war, bevor ich mir meine Noten und Meriten bei ihm oder anderswo verdient hätte. Eine Drohung, dass er mich nicht mehr mochte, wenn ich nicht vor ihm „Liebkindspielen“ würde, gab es da bei ihm nicht. Und dann fand ich in der wunderbaren Galerie biblischer Sprüche noch diesen Satz, dass Menschen zwar an der äußeren Erscheinung anderer hängen blieben, Gott aber seinen Blick bis ins Herz seiner Kinder richten würde. Er sah auch mich also so, wie ich mit meinen Fähigkeiten, aber auch Schwächen wirklich war, ohne dass ich mich vor ihm hätte verstellen müssen. Und am Ende fiel seine Beurteilung immer mit einem freundlichen „Bestanden“ aus.

Und schließlich stieß ich auf die Bemerkung, dass Menschen, die von Gottes Geist erfüllt sind, im Grunde von niemand anderem beurteilt werden dürften. Und da ich gelernt hatte, dass jedem Menschen in seiner Taufe dieser gute Gottesgeist eingehaucht und zugesprochen wurde, empfand ich das - das wird man doch verstehen! - als den größten Freispruch in meinem Leben.

Audiobeitrag "Beurteilungen"


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