Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.10.07, Pfarrer Max Koranyi

"Erben"

In diesem Sommer verstarb meine Mutter. Es war nicht plötzlich und auch nicht unerwartet. Aber schlimm war es trotzdem. Ich war an ihren Rat und ihre Fähigkeiten gewohnt.

Jetzt war von einer Nacht auf den anderen Tag kein Reden und Zuhören mehr möglich.

In der Bibel gibt es ein Buch, das Sprichwörter gesammelt hat. Das ist das Buch der Sprüche Salomos. Wenn man es durchblättert, fällt auf, wie oft auf Lebenshinweise und Ratschläge der Eltern hingewiesen wird. Da steht schon ganz am Anfang, dass man „das Gebot der Eltern nicht verlassen soll.“ Und später dann auch, dass man die „Lebenshinweise der Mutter festhalten möge“. Ich habe in den letzten Wochen natürlich überlegt, was das für Tipps im Falle meiner Mutter gewesen sind.

Denn das Buch der Sprüche schreibt eben auch, dass man zwar Haus und Habe von den Eltern ererben kann, aber die wesentlichen Dinge des Lebens - wie Zufriedenheit und Glück - vom Himmel her ausgestreut werden. Und gerade für deren Weitergabe sind nun besonders die Eltern beauftragt. Unsere Mutter hat uns äußerlich gesehen nicht viel vererbt. Sie wohnte zur Miete und ihre Möbel waren längst aus dem Zeitgeschmack gefallen. Aber sie war nun doch für uns Kinder tatsächlich zu so etwas wie eine Botin himmlischer Weisheiten geworden.

Schon als wir klein waren, las sie uns Aufzählungen aus dem Neuen Testament vor, in denen christliche Tugenden aufgelistet waren. Und es muss wohl an ihrer eigenen Art gelegen haben, dass mir dabei bis zum heutigen Tag eine Gabe besonders im Gedächtnis geblieben ist. Und das war die Kunst der Freundlichkeit. „Die Frucht des Geistes ist - Freundlichkeit“ wird sie wohl aus der Bibel vorgelesen haben. Oder die Aufforderung: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes -  Freundlichkeit“. Und ich kann mich auch noch erinnern, dass sie mit einem Magneten an ihrem Küchenherd einen Sinnspruch aus einem Abreißkalender befestigte - ich glaube er stammte vom jüdischen Dichter Isaac Singer - der ebenfalls als die höchste menschliche Gabe eben die Freundlichkeit pries.

Sie also, so habe ich neulich beschlossen, soll das besondere himmlische Erbe meiner Mutter für mich sein: Freundlichkeit. Es ist ja nicht leicht, so ein Erbe im Alltag anzutreten. Weil man ja normalerweise von ziemlich viel Unfreundlichkeit umgeben ist. Unfreundlichkeit aber stammt nicht aus Gottes Geist, sondern hat einen bösen Geist als Ziehmutter. Sie speist sich aus eigener Überheblichkeit; und qualifiziert dabei wie selbstverständlich andere Menschen mit ihren Begabungen und in ihren Bedürfnissen ab. Gott selber aber, so heißt es von ihm, sieht alle seine Kinder freundlich an. Diesen Blick dürfen wir weitergeben. Ich glaube, meine Mutter hat das getan. 

Freundlichkeit ist ein kostbares Erbe. Sie ermöglicht eine Atmosphäre, die von Wohlwollen und Interesse genährt wird. Und - wenn alles gut geht - nun auch beim Gegenüber Freundlichsein hervorruft. Kein geringerer als der große Dichter Berthold Brecht hat in einem Gedicht unter der Überschrift „Vergnügungen“ - nicht unähnlich im übrigen unserem biblischen Sprüchebuch - aufgelistet: „Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen, das wieder gefundene Buch, begeisterte Gesichter, Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten, die Zeitung, der Hund,..Duschen, Schwimmen, alte Musik, bequeme Schuhe,..Reisen, Singen und - Freundlich sein.“

 

Audiobeitrag "Erben"


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