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"Heimatgefühle"
Auch wenn die Bilderflut auf unseren Teleschirmen es uns einreden möchte: Wir können nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein. Kann man doch.
Sagt der Fernsehmoderator. Oben auf dem Bildschirm ein Gesprächspartner aus Beirut. Darunter eine Kommentatorin aus Genf. Das geht. Und darüber hinaus eine weltweite Verbindung überall hin im unbegrenzten elektronischen Netz. Aber, liebe Hörerinnen und Hörer, der Eindruck täuscht. Wohl kann man versuchen, sich per Satellit ein Bild über ferne Orte und fremde Menschen zu machen. Richtig leben aber tun wir nur dort, wo Vertrautes, Gewohntes und Geliebtes uns umgibt. Und das nennen wir Heimat. Über sie will ich einmal mit Ihnen an diesem Morgen nachdenken.
Zugegeben, ich habe als junger Pfarrer die Menschen in meiner Gemeinde nicht so recht verstanden, die damals noch ihrer verloren gegangenen Heimat in Schlesien oder Ostpreußen nachtrauerten. War doch eine Folge des von uns entfesselten Krieges, dachte ich im Stillen. Außerdem fand ich es als junger Mensch spannend und schick, viele neue Orte auf dem Globus auszukundschaften. Meine Bonner Heimat jedenfalls war mir zu eng geworden. Also mussten andere Sprachen, Betätigungen und Beziehungen ausprobiert werden, um mein neugieriges Fernweh zu stillen.
Erst später wurde mir in der Begegnung mit Flüchtlingen aus Bosnien oder Bürgerkriegsopfern aus dem Sudan deutlich, was es bedeutet, gewohnte Lebensstrukturen - oft ja völlig unfreiwillig - verlassen zu müssen: Sprache, Lebensabläufe, Familienbeziehungen abgebrochen - ohne irgendeine Aussicht auf Rückkehr.
Menschen sind keine Automaten. Sie werden hineingeboren in eine überschaubare Welt, die bestimmt wird vom Dialekt der Muttersprache, dem Sonntagsbraten, dem Geruch des Gartens und dem Fahrradweg durch den Wald. Und ich glaube darüber hinaus, dass die ersten Orte religiöser Erfahrungen, das Gebet am Kinderbett und die Abendandacht in der alten Dorfkirche schon ganz früh auch so etwas wie kirchliche Heimatgefühle wecken.
Nun weiß ich wohl, dass in unserer so genannten globalisierten Welt Flexibilität gefragt ist. Ich kenne inzwischen genügend junge Paare, die nicht mehr zusammen leben können, weil ihre Arbeitsstellen hunderte von Kilometern entfernt liegen. Und dennoch - oder gerade trotzdem - brauchen Menschen Orte, an denen sie sich verwurzelt fühlen. Ich jedenfalls bin im Alter dann doch wieder in die Bonner Gegend gezogen. Warum? Weil sich hier wichtige Episoden meiner Lebensgeschichte abgespielt haben. An denen ich völlig zwanglos wieder anknüpfen konnte. Tanzschule und Studium und Filmnächte. Ich den Dialekt mag. Und vor allem die Menschen, die noch von Früher in der Nähe wohnen.
Gerade weil die Welt so verwirrend geworden ist, braucht es Orte, die ganz besonders vertraut sind. Nicht ohne Grund gewinnen Bürgervereine zusehends an Bedeutung, weil man am Lebensort tiefere Wurzeln schlagen will. Was wäre das darüber hinaus für ein Heimatgefühl, wenn man sich - wohin es einen im Leben nun verschlägt - auch immer in seiner Kirche zu Hause fühlt? Da gibt es nämlich noch den Geruch von früher. Und die Lieder, die man schon als Kind gesungen hat. Kerzen und Bilder und Erinnerungen an Feste, die wichtige Etappen im Leben geprägt haben. In der Bibel kehren Menschen oft an die Orte zurück, an denen sie ihre ersten wichtigen Gottesbegegnungen hatten. So lange braucht man aber nicht zu warten. Schon Morgen früh können Siein einer Kirche um die Ecke diese vertrauten Heimatgefühle empfinden. Einen Ort, der an die lebenslange Fürsorge Gottes erinnern will. Und den deshalb ein Psalm in der Bibel als das Haus des Herrn beschreibt, in dem man immer und überall, für die Dauer also eines ganzen Lebens, bleiben darf.
"Heimatgefühle"
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