Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.07, Pfarrer Max Koranyi

"Grenzenlos"

Manchmal wird sie mir zu viel: Die grenzenlose Kommunikation, die unbegrenzte Erreichbarkeit. Unser altes, schwarzes Bakelit-Telephon im guten Wohnzimmer wurde vor 50 Jahren

nur in wichtigen Ausnahmefällen benutzt - und dann musste es Dank meiner sparsamen Mutter auch immer sehr rasch gehen. Im vergangenen Sommer bin ich über die Hauptstraßen Bostons in den USA geschlendert. Und, glauben Sie’s mir, diejenigen Passanten fielen auf, die kein Handy am oder gar im Ohr hatten. Auch am Strand in Cape Cod, den ich später besuchte oder auf traumhaften Wanderwegen durch die White Mountains. Und im Auto sowieso: Überall Menschen, die überall erreichbar waren und zu jedermann reden konnten.

Einen Brief zu schreiben an meinen besten Freund, das hat früher schon mal einen Teil meines Sonntagnachmittags eingenommen. Ich habe nachgedacht und versucht, schöne, ehrliche Formulierungen zu finden. Dann habe ich ein Couvert ausgewählt, eine ansprechende Briefmarke draufgeklebt und bin zu Fuß zum nächsten Briefkasten gegangen. Dabei habe ich noch einmal an das gedacht, was ich geschrieben hatte, welchen Weg der Brief jetzt zurücklegen und wann er schließlich bei meinem Freund ankommen wird. Und in welcher Situation er ihn lesen und sicherlich auch beantworten würde. Ein Brief - wie ein guter Schinken, der auch seine Zeit zum Reifen braucht. Heute wüsste ich Ihnen gar nicht zu sagen, wann ich das letzte Mal einen richtigen Brief geschrieben habe. Es geht so praktisch und so rasch mit der elektronischen Post. Gerade ein paar Mitteilungen versandt und Minuten später ist die Antwort schon da. Nüchtern, sauber und korrekt.

Nun werden einige unter Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, ein wenig über meinen altmodischen Stil stöhnen und denken, dass unsere Urgroßeltern auch noch keine Flugzeuge kannten - und heute jedes Kind sie benutzt. Ich weiß: in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen ist die schnelle Nachricht durchaus hilfreich. Ich möchte nur heute an diesem Morgen zusammen mit Ihnen über die Versuchung der Grenzenlosigkeit unsers Lebens nachdenken.

Denn, ob wir es wollen oder nicht, wir menschlichen Lebewesen sind eben nicht unbegrenzt. Unsere Zeit nicht. Unsere Aufnahmefähigkeit nicht. Und die Einteilung für das, was uns wirklich wichtig ist, auch nicht. Tag und Nacht bilden festgesetzte, lebensfördernde Grenzen. Biblische Psalmen und Gebete verweisen geradezu mit großer Beruhigung darauf hin, dass Gott dem scheinbar Unbegrenzten - bildlich gesprochen - dem chaotischen Wasser eine Grenze gezogen hat. Die die Fluten, um das Überleben der Welt zu sichern, nicht übertreten dürfen.

Ich habe demgegenüber öfter in letzter Zeit das Gefühl, dass wir manche Schleuse fast bedenkenlos geöffnet haben. Jederzeit, selbst im Urlaub, für Lappalien erreichbar zu sein, scheint mir so eine Grenzübertretung zu sein. Möglichst im Minutentakt über alle Vorkommnisse auf Erden informiert zu sein, ebenfalls. Nicht mehr schweigen zu können, sondern ständig reden, telefonieren zu müssen, nicht minder. Es ist ja nicht nur so, dass unsere gesprochenen oder geschriebenen Sätze in ihrer Qualität unter solch ständigem Produktionsdruck zu leiden haben. Die innere Ruhe, die bewusste Stille zum Entwickeln neuer Ideen und Worte fällt ebenso völlig aus. Und dann greift das Chaos um sich, vor dem die Bibel nur allzu deutlich gewarnt hat. Ein Überlaufen vorher wohl eingedämmter Fluten. Ein Über-Fluss an Informationen. Und Aktivitäten. Ein Brechen von Dämmen, die zu unserem Schutz gedacht waren.

Inzwischen wird selbst in den USA umgedacht. Menschen genießen bewusst handy- und internetfreie Zeiten. Zum Nachdenken und Ausruhen. Und vielleicht auch zum Dank für die Rettung vor Überflutungen, die Gott in seiner Güte von uns fernhalten will.

Audiobeitrag "Grenzenlos"


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