Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.02.04, Prediger Präses Alfred Buß, Zions-Kirche in Bielefeld-Bethel

Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich

Einführung von Präses Alfred Buß und Verabschiedung von Präses Manfred Sorg

Predigt zur Einführung – Zionskirche Bethel 29.02.2004

Text: Psalm 126

Gnade sei mit Euch du Friede von dem, der das ist, der da war und der da kommt. Amen

Lachen – Jubel – Freude, liebe Gemeinde, das ist die tragende Melodie der Bibel. So singen Psalmen, so klingt’s aus den Evangelien, so versteht  Paulus  sich als Apostel: Wir sind Gehilfen eurer Freude (2.Kor.1,24). Gehilfen der Freude: das ist auch die Aufgabe - zum Beispiel von Presbytern, Pfarrerinnen oder Präses -, einer Freude in unbekümmerter Ausgelassenheit. Mit dem Wort Kirche verbinden viele Menschen nicht wirklich Freude;  eher eine sich bewußt kindlich gebende Fröhlichkeit; oder eine Freude, die vornehm beherrscht daher kommt, mit Grauschleier, ohne Ekstase und ohne Gefahr, körperlos und weltflüchtig.

Biblische Freude aber läßt den Himmel aufgehen und mit ihm das Herz. Diese Freude  klingt in den Ohren, oder wie es der Psalm sagt: die Zunge ist voll Rühmens und der Mund voll Lachens.  Der Mund voll Lachens, wie bei einem Kind, das vor lauter Lachen sein Bonbon verschluckt. Oder wie der kleine Tim, der einschlafen soll, aber es plappert nur so aus ihm heraus; den Hinweis, es sei Schlafenszeit, kontert er mit dem Argument: ich kann noch nicht schlafen, mein Mund ist noch ganz voller Sprache. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über: Lachen – Jubel – Freude.

Ansteckende Freude – das ist das Markenzeichen der Kirche; die Freude an Gott und seine Wunder anderen Menschen zuzutragen – das ist ihr missionarischer Auftrag. Die Freude an Gott kauert sich nicht zusammen, Freude wächst über sich hinaus, will hin zum anderen: komm, freu dich mit mir!

Wer einen oberflächlichen Blick auf unsere Kirche wirft, der könnte jetzt sagen: diese Freude ist allenfalls Zukuntfmusik. Steht in dieser Kirche nicht in großem Bogen: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden... ? Dann wird unsere Zunge voll Rühmens und unser Mund voll Lachens sein – dann! Ist das Lied der Freude hier und jetzt nicht Pfeifen im dunklen Wald? Karneval ist vorbei, die Passionszeit hat begonnen.

Was, bitte, was gibt in gegenwärtiger Zeit denn Anlass zur Freude? Was wird sein, wenn Leid und Geschrei in der Welt niemals aufhören; wenn der Zug unserer Zeit nur fährt und fährt? Wenn kein Halt ist? Wenn die Liebe schweigt und der Schmerz zunimmt? Wenn das Kind die Eltern nicht mehr fragt? Wenn das Alter keine Antwort mehr gibt? Was wird sein?

Nichts wird sein. Es wird weitergehen, immer weiter. Weiter so!

Weiter so? Immer nur weiter? Herr, bringe zurück unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. Hinter diesem Bild steckt die Erfahrung: In der Wüste  verwandeln sich ausgetrocknete Flussläufe unter heftigen Regengüssen in reißende Sturzbäche. Wenn das Leben buchstäblich ausgetrocknet ist und keine heilsame Lebensmacht mehr spürbar - so die Bitte – dann mögen die erschöpften Lebensquellen wieder fließen wie diese Sturzbäche im Südland.
Die Bäche erheben Einspruch: Nicht immer weiter so – sie erinnern an das, was war, was sein kann. Es war doch schon mal anders; darum kann es anders werden.

Was Luther mit seiner Übersetzung in die Zukunft legt: wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, ist im hebräischen Text Vergangenheit – als der Herr die Gefangenen heimkehren ließ nach Zion, da waren wir wie die Träumenden, da war unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens. Es war nicht immer so, wie es jetzt ist. Wie die Bäche in der Wüste hervorschießen, so hat sich unser Geschick geändert, so kann es sich also wieder ändern.

Die Gegenwart wird dann dunkel und verzweifelt, wenn das Gefühl aufkommt: es wird nie mehr anders. Dieses Gefühl: es wird nie mehr anders, ist die schlimmste Anfechtung, ist ein Gefängnis ohne Licht, eine Grube ohne Ausblick.

Ein Gefängnis ohne Licht, eine Grube ohne Ausblick,  das war für Israel die Sklaverei in Ägypten und für Juda die Gefangenschaft in Babylon. An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten (Psalm 137,1).

Wer auf dem Zion, dem Berg in Jerusalem, anbetet, der ist dem Schöpfer der Welt und dem Herrn der Geschichte – und darin allen Völkern - ganz nah. Und betet in der Gewißheit: Gott wird die Welt erneuern!

Tatsächlich: Das Gottesvolk machte die Erfahrung der plötzlichen Wende. Die Heimkehr von in Babylon Gefangenen wurde nach Jahrzehnten der Gefangenschaft plötzlich Realität.

Doch - das ist das Geschick des Gottesvolkes und nicht unser Geschick. Israel war in Ägypten und Juda in Babylon und noch an viel, viel schlimmeren Orten. Wir nicht. Wir können uns nicht einfach an die Stelle des jüdischen Volkes setzen und den Psalm vereinnahmen. Aber wir können uns als Christen durch den Juden Jesus von Nazareth in den Psalm einweisen lassen und uns die Worte des Psalms leihen für unseren Glauben. So hat sich auch Friedrich von Bodelschwingh einen Namen geliehen, als er diese Kirche vor 120 Jahren Zionskirche nannte. Und wie der Zionsberg in Jerusalem für die Juden, so sollte diese Kirche -wie er sagte– eine Herberge auf dem Weg zur Heimat für so viele Kranke werden.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden. Träume sind aufscheinende, für einen Augenblick fassbare Bilder, die bald wieder entfliehen. Aber im Traum können wir zugleich hier und da sein, mühelos größte Entfernungen überwinden; und - als gäbe es keine Zeiten - jetzt in der Vergangenheit und gleich schon in der Zukunft sein. Manches Traumbild ist dabei von einer Klarheit und einer Wirkkraft, die viel tiefer geht als alles, was wir an der Oberfläche des Alltags zu sehen vermögen.

Der Glaube hat solche klaren, wirkkräftigen Bilder wie mancher Traum. Mitten im Schrecken der Anfechtung – der Anfechtung: es wird nie mehr anders – erreichen uns plötzlich Bilder des Glaubens. Das sind Augenblicke der Ewigkeit; Augenblicke des Heils, die den Schrecken unterbrechen und uns tiefe Gewißheit geben: es wird nicht bleiben, wie es ist, es wird wieder anders werden.

Es können Bilder aus ferner Vergangenheit sein tell old pharao, let my people go, aber sie unterbrechen eine unerträgliche Gegenwart  - und überwinden sie schließlich. Oder es sind Visionen der Zukunft: I have a dream – Martin-Luther Kings Traum hatte eine die Verhältnisse umkrempelnde Wirkmächtigkeit, weil er mit einem Fuß ganz fest im Alltag der Schwarzen Amerikas stand, und mit dem anderen Fuß genauso fest in der österlichen Freude, mit Spott für den sich blamierenden Tod  - in der Gestalt von Dummheit, Verblendung und Rassismus: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.

Das ist eine Freude, die das Leid in sich aufzunehmen vermag. Diese Freude muss den Schmerz und das Leiden und die dunklen Schatten nicht ausblenden, abspalten oder verdrängen. Sie kommt aus der tiefen Gewißheit, dass diese Mächte nicht das letzte Wort behalten. Ein mir bisher nicht in Person bekannter Gratulant schrieb mir dieser Tage: Ihre Einladung hat mich viel mehr angerührt als Sie ahnen können, denn der Psalm 126 war das letzte Gebet meines Vaters bevor er starb. Ich durfte miterleben, wie diese Psalmworte ihn trösteten – seitdem weiß ich, sie sind wahr. Und weiter: Ich wünsche Ihnen von Herzen,...dass Sie bei dem Vielen, wo sich einfach nur durch müssen, auch immer wieder mit „Freuden ernten“ können.

Mit Freuden ernten. Solche Freude ist etwas so völlig anderes als das seichte, zerstreuende, gierige Vergnügen, das sich in unserer Gesellschaft so breit gemacht hat. Dieser oberflächliche Kitzel, mit dem wir der eigenen Leere und dem Schmerz zu entfliehen trachten, ist Spaß ohne Hingabe, Lachen ohne Leidenschaft und Jux ohne Risiko. Diese Leerstelle der Freude ist vielleicht einer der größten Webfehler und Gefahren unserer hiesigen Zivilisation.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Das Säen ist ein Hingeben, ein Wegwerfen, ja Verschleudern des wertvollen Saatguts, voller Risiko. Wer sät, weiß nicht, ob er je etwas wiedersieht oder zurück bekommt. Leben mit Hingabe, das heißt: investieren, reinbuttern, in ein Kind, in eine Liebe, eine Freundschaft,  in eine Unternehmung, in unsere Kirche: sich selber einbringen und draufzahlen, damit rechnen, dass alles umsonst gewesen sein kann. Was ausgesät wird, fällt in die Erde, muss sterben; wir haben das Leben nicht in der eigenen Hand. Wer sät, soll dabei weinen, hat es deshalb im alten Orient geheißen. Aber Leben ohne Risiko und Hingabe, ohne Leidenschaft, ohne Schmerz und ohne Liebe bleibt seicht und leer.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Mit Freuden ernten. Das ist uns versprochen. Das Leben droht immer wieder – wie unter einem Fluch –  nur verschleudert zu werden. Wie ein weggeworfenes Samenkorn kann alles Leben verfaulen. Aber die Quellbäche Gottes lassen es neu ersprießen.

Gott läßt Quellen fließen. Gott läßt Gefangene zurückkehren. Gott ist es, der beides - Schöpfung und Geschichte – zusammenhält.

So nah kommt uns das Leben. So nah kommt uns die Freude. So nah kommt uns Gott.

Endgültig werden wir das erst am Ende aller Tage sehen. Dann wird Gott abwischen alle Tränen von unseren Augen. So warten beide - Juden und Christen - auf Frieden, Gerechtigkeit und Freude. Dann wird kein Leid mehr sein noch Geschrei noch Schmerz. Nur noch Lachen – Jubel - Freude. Dahin sind wir unterwegs. Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


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