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"Tag des Herrn"
Liebe Hörerinnen und Hörer! Während der Sommermonate tauschte ich meine Kanzel in Königswinter für ein Sprechpult in einer Kirche in den USA ein.
Nach dem sonntäglichen Gottesdienst fuhr ich die Interstate 95, die Autobahn rings um Boston, zurück zu meiner Unterkunft. Entlang des Highways riesige Einkaufzentren, sogenannte Malls, vergleichbar mit unserem Einkaufs-Center-O in Oberhausen. Inzwischen war es Mittag. Und die unüberschaubaren Parkplätze mit nummerierten Sektionen zum Bersten voll.
Dieses Sonntags-Einkaufsgefühl wollte ich auch einmal kennen lernen. Und so steuerte ich die Burlington Mall an. Aus dem Gotteshaus sozusagen direkt in den Konsum-Tempel. Aber anders als Hunderte von Menschen, die sich mit ihren Plastiktüten an mir vorbei schoben, kam bei mir keine richtige Einkaufsstimmung auf. Obwohl über dem Haupteingang unübersehbar die Aufforderung hing: Shop til you drop, Kauf ein, bis Du umfällst.
Ich habe mich dann auf eine Bank unter eine künstliche Palme gesetzt. Und über den Sinn des Sonntags nachgedacht. Auch bei uns gibt es ja immer mehr verkaufsoffene Sonntage, die sich dann von Werktagen nicht mehr unterscheiden lassen. Bei uns in Königswinter kann ich aber Sonntage noch spüren. Sie sind anders als die anderen Tage. Sie sind sogar in unserer Verfassung gesetzlich geschützt. Das Grundgesetz beschreibt sie als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung.
Aber ruhig erschienen mir die vielen Einkäufer in den USA gerade nicht und schon gar nicht seelisch erhoben. Eher strömten sie so etwas Rastlosigkeit, Ungeduld und die Sehnsucht nach - ja nach was eigentlich? aus. Menschen sind keine Maschinen. Und selbst diesen wird das Recht guter Wartung eingeräumt. Warum gehen diese Lebewesen, habe ich gedacht, am Sonntag so lieblos mit sich selber um? Ist der Reiz so unabweisbar, gerade am Sonntag einen Pulli kaufen zu müssen, nur weil die Geschäfte geöffnet sind?
Wenn ein Sonntag bei mir zu Hause mit seiner Andersartigkeit, seiner Stille, seiner Fremdheit dem gewohnten Alltag gegenüber ausfällt, dann fehlt mir etwas. Abstand zu meiner Arbeit. Nähe zu meiner Familie. Zeit für Dinge, die unter der Woche zu kurz kommen. Gedanken über mich und mein Leben und die Rolle, die Gott dabei spielt. Und dann habe ich gedacht: Was für ein Segen, dass jeder, der will, bei uns immer noch in allernächster Nähe am Sonntag ein Gotteshaus besuchen kann. Zum Innehalten und Entspannen. Zum Meditieren und Kraftschöpfen.
Zugegeben, man hat es nicht immer selber in der Hand, ob man nach dem Wochenende an diesem Montagmorgen wohl gelaunt das Bett verlassen hat und der neuen Woche neugierig entgegen sieht. Aber ein bisschen kann man schon dafür tun. Man muss am Sonntag eben nicht einkaufen gehen. Dazu gibt es andere Zeiten. Selbstverständlich: Auch Geldausgeben hat seinen gutgelaunten Ort, aber nicht immer und überall. Am Sonntag spielt es eben nicht die erste Rolle. Da ist der Genuss über die Schönheit eines Waldweges angesagt und die entspannte Spieleunternehmung mit meinen Kinder und das anregende Gespräch mit Gott. Und wenn der gestrige Sonntag bei Ihnen zu Hause - aus welchen Gründen auch immer - nicht ganz so gelungen war, sehen Sie, dann haben Sie doch noch viele Sonntage vor sich. Wahre Gottesgeschenke, die am Ende entspannt, gelungen und glücklich ausgehen werden.
"Tag des Herrn"
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