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Komm, Herr, segne uns (eg 170)
Auf einer Fortbildung fragte uns der Kursleiter: Was meint ihr eigentlich, warum bleiben immer noch so viele Menschen der Kirche treu?
Glaubt nicht, weil sie unbedingt euere Predigt hören wollen. Nein, sie bleiben, weil sie auf eines nicht verzichten wollen: auf den Segen.
Choral: Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder weinen wird gesegnet sein.
Knapp dreißig Jahre ist es jetzt her, da machen Archäologen einen außergewöhnlichen Fund. Unter der Mauer der Jerusalemer Altstadt stoßen sie auf eine Höhle, die tief in den Felsen getrieben ist. 2.700 Jahre zuvor hatte eine Familie an dieser Stelle ihre Toten zur letzten Ruhe gebettet. Unter diesem Raum scheint es einen weiteren zu geben. Vorsichtig tasten die Forscher sich vor. Eine Knochenkammer, wie sich zeigt. Zwischen Scherben und den Gebeinen entdecken die Wissenschaftler im Staub zwei metallene Winzigkeiten, kaum so groß wie die Kuppe eines Daumens. Sie wissen noch nicht, dass sie eine Sensation in den Händen halten: zwei Röllchen aus hauchdünnem Silber. Etwa Schriftrollen? Welchen Text könnten sie in sich verbergen? Welche Worte könnten es sein, die damals so wichtig waren, dass sie für immer bei den Toten sein sollten? Es wird drei Jahre dauern, bis die zerbrechlichen Kostbarkeiten entrollt sind. Dann offenbaren sie in ihrem Innern den ältesten erhaltenen Bibeltext.
Sprecher: Der HERR segne dich und behüte sich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Was macht den Zauber dieser Worte aus? Die einen bewegte er vor Jahrtausenden, sie mühsam in Silber zu kratzen und ihren Lieben ins Grab mitzugeben. Die anderen bringt er heute noch dazu, der Kirche treu zu bleiben. Wo sonst wird einem so eindringlich, so bedingungslos, doch ohne viele Worte gesagt: Du sollst um Gottes Willen leben und dein Leben soll gut ausgehen. Vor allem in Augenblicken, in denen nicht mehr viel geredet werden kann. Ich empfinde es immer als den innigsten Augenblick bei der Taufe eines neu geborenen, am Bett eines kranken oder am Lager eines sterbenden Menschen: wenn ich ihm behutsam die Hände auflege: Der Herr segne dich
Damit ist alles gesagt, was wir zum Leben nötig haben. Damit ist alles gesagt, was wir brauchen, um dieses Leben einmal getrost lassen zu können: Du bist behütet. Du wirst gesehen. Du lebst aus Gnade. Gut, dass du da bist. Kein Unheil ist über dich verhängt. Gott will dein Leben zum Leuchten bringen. Du sollst in Frieden leben und in Frieden dein Leben beschließen. Wo hören wir noch solche großzügigen Worte? Ist doch überall angesagt, den Gürtel enger zu schnallen. Keine Rede davon, dass alle das Leben in Fülle haben sollen. Chancengleichheit der Name für die magere Hoffnung. Du musst sehen, dass du allein durchkommst. Nicht im Segen, sondern im Siegen soll die Rettung liegen. Viele aber spüren, dass sie so nicht leben wollen. Sie möchten glauben, dass das Leben sich anders entfalten könnte als im Wie du mir, so ich dir Wer soll das bezahlen Alle müssen sparen. So heißt das alte Lied. Unseres aber geht so:
Choral: Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.
Wenn Gott gibt, dann geizt er nicht. Er teilt Segen aus mit vollen Händen. Es steckt allerdings ein Geheimnis im Segen, den Gott schenkt: Er kann nur wachsen, wo Menschen teilen. Wer das, womit er gesegnet ist, allein für sich horten will, wird erfahren, dass es sich in seiner Hand in Fluch verwandelt. Segen braucht eine solidarische Gemeinschaft, um gedeihen zu können. Denn ihm wohnt wohl ein Zauber inne, aber er ist kein Hokuspokus und kein magisches Wort. Als Nährboden braucht der Segen Menschen, die teilen, heilen, lieben und verzeihen. Ist es denn nicht so: Gerade die Augenblicke, in denen ich mich selbst vergessen konnte, Momente, in denen ich geben, vergeben und mich hingeben konnte, sind die, die ich im Leben nicht missen möchte. Welch ein Segen, das zu erleben. Die ersten Christen haben das verstanden. Im Gottesdienst feierten sie das Abendmahl und teilten Brot und Wein. Doch nicht nur das. Sie verteilten auch ihre Güter so, dass jeder bekam, was er brauchte. Wie der Segen unter ihnen gedieh, erzählt die Apostelgeschichte. Mag sein, dass sie die Wirklichkeit von damals schöner färbt als sie tatsächlich war. Aber sie ist zugleich ein Maßstab und Ausblick, wie ein gesegnetes Leben aussehen könnte.
Sprecher: (Apg2,44-46) Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig im Tempel und brachen das Brot hier und da in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und mit lauterem Herzen.
Unlängst erlebte ich in Paris in der berühmten Kirche Notre-Dame folgendes: Touristen wälzen sich lärmend durch die Seitengänge, ich mitten drin. Da spricht mich eine junge Frau im T-Shirt mit der Aufschrift notre-dame mission an: Ein Priester ist hier. Er kann Sie segnen. Und dann sehe ich auch schon rechts einen Geistlichen, wie er dem Vordersten einer Reihe von Segensanwärtern die Hände auflegt und Worte über seinem Haupt murmelt. Nein Danke! Dem will ich nicht unter die Finger geraten.
Segen light, der im Vorübergehen mal so mitgenommen wird. Ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ein gefühliger Augenblick, eine rasche Gänsehaut. Und weiter gehts. Gottes Segen aber ist nicht im Sonderangebot zu haben. Wo nicht mehr spürbar wird, dass die Kirche hungert nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, da verkommt der Segen zum gottlosen Absegnen der Verhältnisse. Manchmal kann es darum sogar zur Pflicht für die Kirche werden, den Segen zu verweigern. Wer nach Gottes Segen verlangt, wird die friedlose Welt nicht einfach hinnehmen, wie sie ist. Er gebe dir Frieden, heißt das letzte Wort des Segens, und das letzte Wort in jedem Gottesdienst. Das gibt mir Kraft. Das gibt mir innere Ruhe. Zugleich jedoch versetzt mich das in Unruhe. Denn noch ist kein Friede. Es steht noch so viel aus, das noch werden muss.
Choral: Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden. Wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden. Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.
Ja, es gibt friedlose Verhältnisse, die sind zum Heulen. Christen aber vergießen keine Krokodilstränen darüber. Unsere Tränen mögen Saat werden, dass unsere Hoffnung überleben und blühen kann. Ein Kind wird getauft: Wie werden die Wünsche für dieses kleine Leben gerettet unter dem Diktat, es für die Zukunft fit machen zu sollen? Ein 14-järiger wird konfirmiert: Wie wird seine Lebensgewissheit gerettet unter der Angst, nicht zu genügen? Ein Paar lässt sich trauen: Wie wird die Liebe gerettet unter der Last, dem Beruf zu genügen, für die Kinder da zu sein und das nötige Einkommen zu beschaffen? Ein Mensch stirbt: Wie wird der Glaube gerettet, dass er nicht verloren geht? Damals einmal, indem einer in Silber diese Worte geritzt und sie seinem Verstorbenen mit ins Grab gelegt hat. Indem einem die Hände aufgelegt werden, weil man nicht alles allein in der eigenen Hand hat. Indem wir einander zusprechen, was sich kein Mensch selbst sagen kann, aber um Gottes Willen jeder wissen soll:
Sprecher: Der HERR segne dich und behüte sich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Choral: Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder weinen wird gesegnet sein.
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen über den Choral Komm Herr, segne uns. Es sang die Kantorei der Wilhem-Gedächnis-Kirche, Berlin unter der Leitung von Helmut Hoeft; Solisten: Christiane Heinke (Sopran), Maria Philipps (Alt), Jörg Gottschick (Bass).
Komm, Herr, segne uns (eg 170)
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