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Perspektivenwechsel
Die ersten Anzeichen der neuen Lage waren gleich ziemlich eindeutig: Aus dem Zimmer des einzigen Sohnes drangen Geräusche, die auch vom Bett herrühren mussten.
Der 17jährige hatte Besuch, aber offenbar nicht von seinen so genannten Kumpels. Seine Eltern sahen von diesem Besuch allerdings nur die Turnschuhe vor der Wohnungstür: kleine Schuhgröße, vermutlich Damenschuhe. Über die zu den Schuhen gehörige Dame sprachen sie allerdings stets von dem Mädchen. Schließlich hatten sie sie ja noch nicht kennen gelernt. Also: Ihr Sohn hatte sie ihnen noch nicht offiziell vorgestellt. Ihren Namen kannten sie bereits, denn ihr Sohn hatte einen Mädchennamen in letzter Zeit auffällig häufig erwähnt.
Klar es gab auch positive Seiten der neuen Entwicklung. Ihr Sohn musste nicht mehr zum Aufräumen seines Zimmers angehalten werden. Und in Körperpflege investierte er auch mehr Zeit und Sorgfalt als bisher. Aber insgesamt beargwöhnten sie den neuen Abschnitt im Leben ihres Sohnes, der da gerade begonnen hatte. Ohne langes Nachdenken fanden sie Gründe zur Sorge und zur Kritik - etwa:
- Wenn ihr Sohn jetzt so oft Besuch hat was wird wohl aus seinen schulischen Leistungen? - Und warum eigentlich hat das Mädchen gar kein Interesse an uns Eltern?
Ist es ihren Eltern denn Recht, wenn du jetzt so oft bei deiner Freundin bist? fragten sie ihren Sohn. Als der auf die Frage selbstsicher nickte, war ihnen allerdings auch nicht wohler. Mutter machte sich zudem Sorgen über die Verhütung und Vater erhielt den Auftrag, das noch mal zum Thema zu machen.
Spätestens jetzt war auch für sie offensichtlich, dass hier das Kind zum Manne wurde. Der Heranwachsende zum Erwachsenen. Der Sohn nicht mehr nur Sohn sein konnte. Vaters Sohn wollte spätestens jetzt ein Mann sein, wie Vater auch. Und Mutters Sohn hatte sich eine andere Frau ins Zentrum seines Lebens gewählt. Wachablösung , sozusagen.
Die alte Erkenntnis aus der Bibel, dass ein Mensch Vater und Mutter verlassen und sich an einen fremden Menschen binden will war mitten in der Familie zu spüren. Und das erzeugte Ängste bei den Eltern: Verlustängste. Die Eltern merkten, dass sich nicht nur im Leben des Sohnes einiges veränderte. Vielleicht waren die Veränderungen für die Eltern sogar noch gravierender als für ihr Kind. Was den Eltern in dieser Umbruchssituation geholfen hat? Erinnerungen und Eingeständnisse.
Erinnerungen zum Beispiel an die eigene Jugendzeit. Hatte Vater Mutter damals gleich begeistert seinen Eltern vorgestellt? Nein. Hatte Mutter Vater nicht anfangs nur für sich haben wollen, selbst wenn die Welt drumherum untergegangen wäre?
Na also. Und dann die Eingeständnisse: Ja, es fällt uns als Eltern nicht leicht, Verantwortung für das eigene Kind abzugeben. Schließlich haben wir uns 17 Jahre lang daran gewöhnt.Aber die Eltern gestanden sich ein: Das war ihre Sache, und die Freundin konnte für die elterlichen Gefühle und Probleme nichts. Und als sie der neuen Frau im Leben ihres Sohnes dann erstmalig begegneten, war die sogar ausgesprochen freundlich. Ein nettes Mädchen sagte Mutter erleichtert. Und die Eltern freuten sich, dass es ihnen gelungen war, die Situation mit den Augen des Sohnes zu sehen. Einen Perspektivenwechsel geschafft zu haben. Und der ermöglichte ein gelasseneres Miteinander. Und sogar ein wenig Mitfreude am Glück des eigenen Kindes.
Perspektivenwechsel
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