Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.10.07, Oberkirchenrat Klaus Eberl

Krimizeit

Blei für den Oberkirchenrat. Diesen Krimi schenkte mir vor einigen Monaten ein Freund mit einem gewissen Augenzwinkern.

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Ich bin Klaus Eberl, evangelischer Pfarrer und Oberkirchenrat in Düsseldorf.

Ich liebe Krimis. Nicht im Fernsehen. Da fließt zu viel Blut. Aber als Geschichte, als Roman. Mir geht es darum, das Leben in aller Schuldverstricktheit zu verstehen. Im Krimi wie in der Kirche geht es um Schuld und Vergebung. Menschen suchen nach Gerechtigkeit und laufen verlorenen Illusionen nach, sie haben Angst, wollen beschützt und befreit werden. Der Krimi bietet Lebensbewältigung im Reagenzglas.

Da ist zunächst der Reiz des Ratens. Mit dem Lesen beginnt ein Wettlauf zwischen Autor und mir, dem Leser. Fährten werden ausgelegt. Sie sollen mich in die Irre führen, sollen mich verzweifeln lassen bei der Suche nach dem versteckten "Wer". Wie finde ich die Wahrheit? Wer ist es gewesen? Selten bin ich auf der richtigen Spur. Oft wird jemand als Täter entlarvt, der von allem Verdacht frei schien. Denn Menschen tarnen sich im Spiel des Lebens. Krimis sind eine Schule für die Augen. Was nehme ich wahr? Wie muss ich die Erkenntnisse kombinieren?

Ich lerne, genau hinzusehen. Die kleinen Zeichen und Indizien sind wichtig. Sie offenbaren den wahren Sachverhalt. Schließlich geht es darum, den dunklen Punkt in der Geschichte zu finden, von dem aus alles Unheil seinen Anfang nimmt. Jede Detektivgeschichte hat ihren Sündenfall. Krimis sind ein Spiegel unserer Welt. Wer ist der Schurke, wer das Opfer? Wie können die dunklen Mächte der Angst vertrieben werden? Wem kann man trauen? Worauf darf ich hoffen, wenn alles zerbricht? Der Sinn des Lebens als das große Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt.

Es wäre ja denkbar, dass auch die Suche nach Gott Momente einer Detektivgeschichte aufweist. Fährten werden aufgenommen und verworfen, Experten befragt. Letzte Beweise fehlen. Man ist auf Indizien angewiesen. Wie verlässlich sind die Zeugen? Ihre Texte als "Ur-Kunden" des Glaubens haben entscheidendes Gewicht in der Beweisführung. Christenmenschen sind eben Spurensucher. Vielleicht lesen sie deshalb so gern Krimis.

Zwischenmusik:
So what - Anthony Jackson, Michel Petrucciani  and Steve Gadd, Album: Trio in Tokyo

Im vierten Kapitel des Buches Genesis wird Kains Brudermord erzählt. Ein Krimi. Kain und Abel sind ungleiche Brüder. Schon die Namen sind erste Indizien. Kains Name erinnert an Kraft, Stärke und Geschicklichkeit. Abel - das bedeutet so viel wie Hauch - oder: Nichts. Kein Wunder, dass Abel im Schatten seines großen Bruders lebt. Ich stelle ihn mir etwas blass vor. Er versucht, den Menschen aus dem Wege zu gehen. Nur bei seinen Tieren fühlt er sich sicher. Denen ist er gewachsen. Kain dagegen ist jemand auf der Überholspur des Lebens. Immer der Erste. Immer der Stärkste. Immer der Beste. Zupackende Hände hat er. Auf ihm ruht der Stolz der ganzen Familie.

Sprecher: Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

Für Kain ist die Welt auf den Kopf gestellt. Abel, dieser - Nichts, kommt bei Gott gut an. Und Kain, der Starke, der geborene Gewinner, geht leer aus. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Die beiden ungleichen Brüder streiten um die Gunst des Himmels. Was macht man nicht alles, um anerkannt zu werden und Erfolg zu haben! Wie strengt man sich an, um geliebt zu werden! Kain will die Liebe herbeizwingen. Er meint, er hätte sie verdient. Er meint, er hätte doch alles vorzuweisen, was zählt: Kraft, Intelligenz, Geld, Männlichkeit. Er ist der aufbegehrende Mensch, der einfallsreiche. Er weiß, was er wert ist. Wie kann Gott das übergehen? Wie kann er Abel auch nur ansehen. Gott durchkreuzt Kains Maßstäbe. Die Regeln der Weltkinder sind ihm egal. Er erwählt das Schwache, Verletzliche, Unvollkommene. Er zerbricht nicht das geknickte Rohr, sondern richtet es auf. Erstgeburtsrechte und die Pose der Macht sind ihm egal. Seine Liebe ist unberechenbar dem Schwachen zugewandt. Kain kann das nicht akzeptieren. Er will es auch nicht. Wut steigt in ihm hoch. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Sprecher: Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Und Blut tränkt die Erde. Der erste Mord  - eine Affekthandlung. Der erste Krimi der Weltgeschichte nimmt seinen Anfang. Die Entfremdung des Menschen von Gott und die Vertreibung aus dem Paradies ihre Entsprechung findet in Mord und Totschlag, in einer Blutspur, die sich durch die Jahrhunderte zieht.

Genau betrachtet ist der starke Kain zu schwach, eine friedliche Lösung des Geschwisterkonfliktes zu finden. Es ist ja durchaus eine hoffnungsvolle Variante der Geschichte denkbar: Kain erschlägt den Bruder nicht. Er traut sich die Lektion des Lebens zu, dass nicht alles machbar, kaufbar, erreichbar ist. Er lernt, stockend, mühsam vielleicht, dass Liebe nicht verrechenbar ist, dass Gottes Gnade frei ist. Das Wort Verantwortung erscheint hier am Horizont des Denkens. Gerechtigkeit und Friede scheinen auf. Wir wissen, dass diese Variante der Geschichte selten ist. Die Tageszeitung präsentiert andere Schlagzeilen: Der Friede wird nicht gewagt. Die Falken jagen die Tauben. Die Reichen teilen ihren Überfluss nicht mit denen, die nichts haben und nichts sind. Die Starken leihen ihre Kraft nicht den Schwachen. Es herrscht auf der Erde eben Krimizeit und nicht Heimatfilm.

Zwischenmusik:
Till Brönner; Bumpin´, Album  Oceana (New Edition, + 2 neue Tracks)

Die Suche nach dem Mörder gerät kurz und prägnant. Wir sind schon im Bilde. Die Überführung des Täters wird zur Nagelprobe. Es ist die Nagelprobe auf unser Menschsein. Denn da, wo die Stimme des Blutes schreit, kann niemand recht leben. Kann niemand Vertrauen entwickeln. Kann niemand Zukunft planen. In einer Welt des Tötens und Hassens findet  keiner Heimat. Gott kommt dem Übeltäter mit einer Fangfrage auf die Spur.

Sprecher: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Schuld ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

Der Mörder ist gestellt. Vielleicht kann man vor seinen Richtern weglaufen, manchmal auch vor sich selbst. Aber vor Gott? Vor Gott kann man nicht weglaufen. Er stellt uns mit der Frage nach dem anderen, nach dem Bruder und der Schwester. Er fragt so beharrlich, weil es eine Illusion ist, allein das Leben bestehen zu wollen. Ohne Ergänzung. Ohne ein Gegenüber. Ohne ein Du. Ohne die Nachbarin, den Kollegen am Arbeitsplatz, den Mitbürger, den Gegner, die Freundin, den Nächsten, die Fernste.

So kann niemand leben. Weil Gott den Menschen kennt und ihn liebt, schweigt er nicht zu Mord und Unrecht. Er bindet sogar die Glaubensfrage unlösbar an das Gelingen der menschlichen Beziehungen. Wo ist dein Bruder Abel? Kain steht mit leeren Händen da. Nun ist es vorbei mit Stärke und Souveränität. Die Siegerpose - abgelegt. Er ist eine Karikatur seiner selbst. Von der Überholspur des Lebens ist er auf den Standstreifen geraten. Das Wort Schuld wiegt tonnenschwer. Kaum zu ertragen. Kain begreift: Wer so scheitert, hat keine Zukunft verdient. Wer so viel Schuld auf sich geladen hat, muss daran zerbrechen. Es ist die gleiche Logik, mit der er um Gottes Liebe gebuhlt hat: Nur der Sieger ist Gott nahe. Nur der Starke hat einen Platz in der Welt. Wer ein Nichts ist, hat verspielt. Diese Logik sagt ihm: Es ist alles aus, alles vorbei.

Zwischenmusik:
Till Brönner; Love Theme from Chinatown, Album  Oceana

Es ist ein Mord geschehen. Die Motive konnten entlarvt werden. Der Mörder ist überführt. Er bekommt seine gerechte Strafe. Alles wird gut. Im Krimi wäre dies ein Happy End. Aber im biblischen Krimi geht es nicht nur um Gerechtigkeit, es geht auch um Zukunft. Deshalb findet die Geschichte von Kain und Abel einen gnädigen Schluss.

Sprecher: Der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Gott durchbricht die Kette der Schuld, indem er selbst den Mörder schützt. Er schützt ihn vor denen, die alles richtig machen, die sich auf ihre Anständigkeit etwas einbilden. Kain sieht nur noch die Scherben seines Lebens. Gerade da, wo für ihn alles verspielt scheint, schenkt Gott ihm seine freie, unverfügbare Liebe. Ein Zeichen wird ihm angeheftet. Ein Schutzzeichen.

Später, viel später, haben Christen dieses Zeichen als das Kreuz gedeutet. In der Tat: in Jesu Kreuz wird unsere Schuldverstricktheit durchbrochen. Kain einen neuen Anfang wagen. Gott gibt ihn nicht auf. Nicht den schwachen Abel, nicht den starken Kain, der zum Mörder wird. Gott hält an seinem Versprechen fest, dass das Leben gelingen kann. Unser klägliches Versagen ist nur ein schwacher Einwand gegen seine Hoffnung. Jenseits von Eden gibt es erstaunliche Neuanfänge, von denen Krimis nichts wissen, - aber der Glaube vertraut darauf, dass Gott sie in seiner Liebe zu den Menschen wagt.

Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, und wünsche ihnen noch einen schönen Sonntag, vielleicht mit einem Krimi in der Hand - oder der Bibel. Mein Name ist Klaus Eberl, ich bin Pfarrer und Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Schlussmusik

 

Audiobeitrag Krimizeit


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen