Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.10.07, 10.00 Uhr, Pfarrer Albrecht Philipps

Die 10 Gebote

Liebe Gemeinde, Die 10 Gebote – wir haben sie eben gehört – sie gehören zu den bekanntesten Texten der Bibel überhaupt.

Sie sind bis heute die Grundlage unseres Zusammenlebens. Unser Grundgesetz etwa, die Menschenrechte oder die Charta der Vereinten Nationen, sie alle gehen auf diese 10 Gebote zurück. Es sind 10 Gebote, so wie wir Menschen 10 Finger haben. An den Fingern kann man sie abzählen, sie sich merken, sie verinnerlichen und dann auch nach ihnen leben.

Aber: mit Geboten ist das so eine Sache. Wir lassen uns nicht gerne etwas verbieten. Etwas sträubt sich in uns, wenn wir von Geboten und Gesetzen hören. Oft ist es so: wenn etwas verboten ist, dann wird es ja erst richtig interessant. Das macht uns erst neugierig. Das können wir ja schon bei kleinen Kindern sehen. Grenzen, die ihnen gesetzt werden, überschreiten sie. Sie warten ab, wie die Erwachsenen dann reagieren. Ob die ihre Gebote und ihre Verbote auch selbst ernst nehmen und danach handeln und so zu einem guten Vorbild werden. Kinder brauchen Regeln und auch Grenzen, um sich zu orientieren. Bei Erwachsenen ist das eigentlich nicht anders. Ich habe einmal von einem Experiment gehört: Da war eine große Wiese, weit, fast unendlich. Man hat eine Gruppe von jüngeren Kinder dorthin gebracht und ihnen gesagt: Spielt mal was! Die Kinder sind etwas auf der Wiese herumgerannt und haben fangen gespielt. Aber schon nach kurzer Zeit wussten sie nichts mehr mit sich und der großen Wiese anzufangen. „Was können wir jetzt machen?“ fragten sie bald.

Im zweiten Teil des Versuches hat man mitten auf der gleichen großen, fast unendlichen Wiese einen kleinen Bereich umzäunt und in diesen Zaun ein kleines Gartentor angebracht. Die Kinder wurden wieder auf diese Wiese gelassen. Und die Kinder spielten, öffneten das Türchen, ließen sich gegenseitig heraus und herein an dem abgezäunten Stück Wiese. Es entwickelte sich ein schönes Spiel diesseits und jenseits des Zauns. Die Kinder waren zufrieden und in ihrem Spiel versunken.

Was für die Kinder gilt, das gilt sicher auch für Erwachsene. Auch wir brauchen etwas, das die große Weite, die große Freiheit, die vor uns liegt, gestaltet und formt. Mit dem „Mach mal einfach“ können wir wenig anfangen. Die 10 Gebote sind so etwas wie der Zaun und das Tor. Wir können uns daran orientieren. Sie helfen uns, mit der großen Freiheit besser umzugehen.

Die 10 Gebote sind den Menschen in einer Zeit gegeben worden, als das Volk Israel in der Wüste wanderte, vor langer Zeit, wir können sagen: am Beginn der Kulturgeschichte der Menschheit, als man anfing, aufzuschreiben und schriftlich festzuhalten, was wichtig ist. Und die 10 Gebote sind Teil einer großen Freiheitsgeschichte. Die Israeliten waren auf dem Weg in das gelobte Land, auf dem Weg aus der Knechtschaft in Ägypten in die Freiheit. Aus Sklaven, die in Ägypten unterdrückt wurden, wird im Auszug aus der Sklaverei und im Durchzug durch die Wüste ein Volk geformt. Mose führt dieses Volk an. Als sie unterwegs sind fragen sie: Wer sind wir eigentlich, was verbindet uns denn? Wie sollen wir denn leben? Was für Regeln brauchen wir – als Gemeinschaft und für den Einzelnen? Und so erhält Mose am Berg Sinai von Gott auf zwei Tafeln die 10 Gebote, damit er sie an sein Volk weitergibt.

„Ich habe dich aus Ägyptenland geführt“, so spricht Gott ganz am Anfang seiner Gebote. Sie beginnen mit dem Hinweis auf die Befreiung. Sie beginnen nicht damit, was die Menschen tun sollen oder lassen sollen. Am Beginn der ersten Tafel der Gebote, noch bevor ein „du sollst“ oder „du sollst nicht“ steht, stellt Gott sich selbst vor. „Ich bin es, der euch aus der Gefangenschaft geführt hat, der euch herausgeholt hat aus euren Verstrickungen und aus euren Abhängigkeiten.“ Gott beginnt nicht mit einer Forderung, er beginnt mit einem Geschenk.

Das erste Gebot ist wie die Überschrift für alle folgenden Gebote. Gott stellt sich vor als der, der das Volk Israel befreit hat. Die Israeliten sollen nun keine anderen Götter neben ihm haben, sie nicht anbeten oder verehren. Gott erträgt keine Konkurrenz und er nennt sich selbst einen eifernden, einen eifersüchtigen Gott. Damals waren damit sicher die vielen Religionen gemeint, die das Volk Israel umgaben, die sie vereinnahmen wollten. Immer bestand die Gefahr, vom rechten Weg abzukommen und den anderen Götter zu dienen, und damit auch seine Identität zu verspielen.

In der Bibel wird davon an vielen Stellen erzählt, wie das Volk vom wahren Gott abfällt und anderen Göttern hinterherläuft.

Und heute? Wir erleben, dass wir ja ganz und gar nicht einem religionslosen Zeitalter entgegen gehen, wie man noch vor wenigen Jahrzehnten gemeint hat. Nein, Religion ist eines der großen Themen dieses noch jungen Jahrhunderts. Wir erleben, dass die Religionen wieder in Konkurrenz miteinander treten, bisweilen aggressiv auf ihren Überlegenheitsanspruch hinweisen. Und wir sehen, wie Menschen sich ihre eigene Religion wie aus einem Baukasten zusammenstellen, dies und das glauben, mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen wollen, in die Sterne schauen, wenn es darum geht, nach der Zukunft zu fragen, sich aus der Hand lesen lassen, vielleicht mit einem Augenzwinkern, aber doch auch hören, was dann gesagt wird. Hauptsache sei doch, der Mensch glaube überhaupt an etwas, an was er glaube, der Gegenstand seines Glaubens also, sei zweitrangig.

Martin Luther hat die Bedeutung des ersten Gebotes im Großen Katechismus sehr treffend so zusammengefasst. „Ist der Glaube und das Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht. Wo aber das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Woran du dein Herz hängst und dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Es geht bei den Geboten letztlich um unsere innere Einstellung, um unsere Herzensbeziehung. Woran wir uns innerlich binden, das wird uns zum Gott - oder zum Abgott.

 - ORGEL -

Die zehn großen Freiheiten, liebe Gemeinde, so hat der Theologe Ernst Lange einmal die 10 Gebote genannt. Sie sind also in Wahrheit eine Schule der Freiheit. Was bei uns auf Widerwillen, ja auf Ablehnung stößt, dieses „du sollst dies und du sollst das“, das hörte Israel ganz anders. Nicht als störendes Gesetz, nicht als drohenden Zeigefinger, sondern als 10 große Freiheiten.

Die, die aus der Sklaverei gekommen waren, gehen nun hinüber in ein neues Land, in dem es nicht wieder Knechtschaft und Unterdrückung geben soll. Was jetzt kommt, das ist Freiheit, Mündigkeit, ein neues Leben ohne Unterdrückung und Unterjochung. Dieses Leben braucht genau dafür seine Ordnungen und seine Regeln, weil sonst Chaos und neue Knechtschaft folgen werden. Darum gibt es die 10 Gebote, weil sie der Garant der Freiheit sind. Sie sind wie ein Grundgesetz eines neuen Lebens. Sie sind wie Leitplanken, die vor dem Abrutschen in den Abgrund bewahren können. Deshalb teilt Gott sich mit, deshalb gibt er seine Gebote.

Die ersten drei Gebote regeln das Verhältnis des Menschen zu Gott. „ich bin der Herr, dein Gott. Du wirst keine anderen Götter neben mir haben. Du wirst dir kein Bild von Gott machen oder seinen Namen missbrauchen. Du wirst den Feiertag, den Tag der Ruhe, einhalten.“
Alle folgenden Gebote betreffen das Leben der Menschen untereinander. Doch wer die drei ersten Gebote beachtet, für den werden die nachfolgenden Gebote selbstverständlich sein. Denn der Mensch, der Gott ehrt, der kann nicht die Eltern verachten, der kann nicht morden, ehebrechen, stehlen, falsche Aussagen machen und Gerüchte streuen, den Nächsten um seinen Besitz betrügen oder ihn von seinen Angehörigen entfremden. All das können Menschen tun, wer wollte das bestreiten. Wir erkennen ja, dass diese Gebote dazu da sind, weil all das möglich und bis heute auch wirklich ist. Menschen morden. Menschen brechen die Ehe. Menschen machen falsche Aussagen und lügen, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht. Menschen bringen sich gegenseitig um den Besitz. Dort aber, wo der Mensch Gott liebt, wo er Gott die Ehre gibt, da wird er wie aus freien Stücken nichts tun, was der Ehre Gotte widersprich und sie verletzt. Er wird nichts tun, was das Leben und die Würde des Nächsten herabsetzt und verletzt. So sollte es zumindest sein.

Aber: Was bedeutet uns heute Gott noch? Was bedeutet uns seine Ehre, die Heiligkeit Gottes und seine Unverfügbarkeit? Wir machen Gott oft zu einem niedlichen Götzen, über den wir mit unseren Wünschen verfügen können. Aber es gibt einen Unterschied zwischen uns und Gott. Gott entzieht sich uns auch, er lässt nicht über sich verfügen und er lässt sich nicht festlegen, er ist uns in vielem auch verborgen und fremd.

Wir verstoßen vor allem gegen die Gebote, weil wir Gottes Gott-Sein missachten. Weil wir anderen Göttern und Götzen folgen: Dem Geld, dem Besitz, der Macht, dem Ideal der Jugendlichkeit. Wir hängen unsere Herzen an andere Dinge und an andere Ideale. Das ist das eigentliche Verstoßen gegen die Gebote, gegen die guten Weisungen Gottes.

Ich möchte noch einmal an Martin Luther erinnern. Er hat den 10 Geboten auch eine tiefe theologische Aufgabe zugewiesen. Denn er hat treffend beschrieben, dass die Gebote nicht nur unser Leben mit Gott und den Mitmenschen regeln sollen, so wie heute das bürgerliche Gesetzbuch oder die Straßenverkehrsordnung. Martin Luther hat gesehen, dass die Gebote vor allem die Aufgabe haben, das Verhältnis von Gott und den Menschen ins rechte Licht zu rücken. Denn die Gebote zeigen uns eigentlich nicht nur an, was wir tun und lassen sollen. Sie zeigen uns vor allem, dass wir in vielen Bereichen eben nicht nach Gottes Willen leben. Sie überführen uns unserer Gottesferne, sie zeigen uns, dass wir Menschen sind und dass Gott Gott ist. Sie zeigen uns deutlich, dass wir auf die Gnade Gottes angewiesen sind, weil wir seine Gebote missachten und nicht danach handeln. Die Gebote treiben den Menschen zur Gnade Gottes, so hat Luther es sinngemäß formuliert.

Jesus Christus hat einmal die Gebote in seinem Doppelgebot der Liebe zusammengefasst: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Und wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Das bedeutet doch dieses: Gott ernst nehmen, ihm vertrauen, und mit ihm rechnen. Es bedeutet, ihn zu lieben und darauf zu vertrauen, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 21.10.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom WDR 5, aus der Ev.-ref. Stadtkirche in Bad Salzuflen übertragen. Die Predigt halten Pfarrerin Wiltrud Holzmüller und Pfarrer Peter Schröder.


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