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"Gott sei Dank, es ist Sonntag"
Montagmorgen. Frühe Geräusche im Haus, der Autolärm auf den Straßen beginnt lange vor sechs. Wer zur Arbeit muss, bei dem klingelt der Wecker.
Morgentoilette, Kaffee, Aufbruch. Die gewohnten Abläufe, die vertrauten Gesichter. Die Woche beginnt, wie die vorige geendet hat. Eine Woche greift in die andere, ein Tag wie der andere, ein Monat, ein Jahr.
Was haben Sie eigentlich gestern gemacht, liebe Hörerinnen und Hörer. Nein, nicht dass ich ihr Privatleben einer Prüfung unterziehen will. Ich frage mich das selber. Was habe ich gestern gemacht? Ausgeschlafen habe ich, denn ich hatte predigtfrei. Lange mit meiner Frau gefrühstückt, nach und nach stellten sich auch die Kinder am Frühstückstisch ein. Gesprochen, erzählt, gelacht. Dann den Kamin angemacht, die Zeitung zur Hand genommen. Gemütlich und entspannt, so begeht man den Sonntag richtig. Dachte ich.
Bis ich mich mitten in den Kleinanzeigen wiederfand und meine Augen dabei ertappte, Anzeige für Anzeige abzutasten: Ist da etwas bei, was ich brauchen kann? Winkt da ein Geschäft, bei dem ich Geld sparen kann? Ein Schnäppchen gar? Heute wäre der Tag, an dem ich für so etwas Zeit hätte. Sonntag, Schnäppchentag.
Die evangelische und katholische Kirche beklagen seit langem, dass der Sonntag sich zunehmend zu einem Tag der Sonderverkaufsveranstaltungen entwickelt. Immer öfter erteilen die zuständigen Ordnungsbehörden Ausnahmegenehmigungen, immer zahlreicher sind die Geschäfte, die an immer mehr Sonntagen ihre Türen geöffnet halten. Der Mensch werde auf diese Weise praktisch ununterbrochen als Konsument angesprochen, der sein Geld nicht nur an sechs, sondern an allen sieben Tagen der Woche gewinnbringend investieren solle. Gott sei Dank, es ist Sonntag, lautet der Titel der Kampagne, die die Kirchen gestartet haben, um den Sonntag wieder als Tag der Ruhe aufzuwerten. Wie nötig das ist, habe ich am eigenen Leib erfahren, gestern, Kleinanzeigen lesend, auf Schnäppchenjagd.
Ich die Sonntagszeitung schließlich zusammengefaltet und weggelegt. Habe einen Scheit Holz nachgelegt, mich zurück in den Sessel gesetzt, ins Feuer geschaut. Und gemerkt, wie schwer es mir fällt, einfach ruhig zu sitzen. Die Zeit nicht anzufüllen mit sinnvoller Beschäftigung. Die Glühbirne im Schlafzimmer, der defekte Schlauch an der Waschmaschine, das Chaos im Handwerkskeller, der Garten! Was gäbe es nicht alles zu tun! Dringend zu tun! Trotzdem: Nicht aufspringen, nicht loslegen mit der Arbeit. Verharren, wo ich bin. Die Unruhe aushalten. Nichts tun, was auf einen Zweck gerichtet ist. Meinem Dasein nicht durch alle möglichen Verrichtungen selber einen Sinn setzen. Sondern still halten. Mir an diesem Tag einen Sinn von wo anders her zuwachsen lassen. Das erfordert alle meine Disziplin. Doch der Morgen danach, der Montag, fühlt sich tatsächlich anders an. Die Kette aus Mir-etwas-Vornehmen und Es-dann-in-die Tat-Umsetzen ist unterbrochen. Ich habe einen anderen Zustand des Daseins kennen gelernt und ausgehalten: Ich darf leben und mich wohlfühlen auch ohne etwas zu tun.
An sechs Tagen schuf Gott Himmel und Erde, am siebten ruhte er aus von allen seinen Werken. Ich würde es ihm in Zukunft gerne wieder gleich tun.
"Gott sei Dank, es ist Sonntag"
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