Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.10.07, Pfarrer Ulrich Haag

Bibel in gerechter Sprache

Tach Frau Hinz, sag ich, wie geht et? Gut, sagt se, aber wat ich Sie mal fragen wollte: Beten sie im Gottesdienst jetz auch dat Mutterunser? Dat wat? frag ich.

Dat Mutterunser, sagt se, da is doch jetz die neue Bibel rausgekommen, wo alles gerecht drinsteht.
Ach so, sag ich, sie meinen die Bibel in gerechter Sprache.
Wenn ich dat schon hör, sagt se, als wär die Bibel, in der ich les, seit ich im Konfirmandenunterricht war, plötzlich ungerecht.
Naja, sag ich, genau gesehen is se dat. Wenn se zum Beispiel gucken, in der alten Übersetzung is immer nur von Jüngern die Rede. Wenn se die gerechte Übersetzung lesen, wissense, dat et auch Jüngerinnen gab.
Ach so, sagt se, deshalb Mutterunser.
Mutterunser steht da nich, sag ich, dat weiß ich zufällig. Da steht: Gott, du bist uns Vater und Mutter im Himmel, geheiligt werde dein Name...
Wer betet sowat Umständliches?, fragt se.
Dat is ne Sache der Gewöhnung, sag ich. Bei Martin Luther war dat nich anders. Bevor der die Bibel int Deutsche übersetzt hat, hieß dat für alle „Paternoster“. Da waren auch viele, die sich an „Vater unser“ gewöhnen mußten.
Bloß, sagt se, der Martin Luther hat die Bibel übersetzt und dabei geguckt, wie die einfachen Leute reden, damit die endlich auch wat mitkriegen vom Wort Gottes. In der Übersetzung jetz, da steht alles so drin, wie et die Wissenschaftler richtig finden. Hundertprozent korrekt. Schlaue-Leute-Sprache is dat. Als wär dat die Bibel erster Klasse, für die, die alles ganz genau studiert haben.
Dat is aber jetz hart, sag ich, wenn jemand die Bibel übersetzt, muß der dat gelernt haben. Und dann kommt natürlich durch, wat ihm für den Glauben besonders wichtig is. Dat war bei Martin Luther auch so.
Wie?, sagt se, hat der Martin Luther seine Meinung in die Bibel reinübersetzt?
Klar, sag ich, der hat zum Beispiel den Römerbrief ganz anders übersetzt als alle vorher. Damit die Leute verstehen, wat er verstanden hat: Dat man nämlich in Gottes Augen gerecht da steht, wenn man an Jesus glaubt. Und nich dann, wenn man auf der Erde möglichst viele Gute Werke vollbringt.
Dann ging et bei Martin Luther auch schon um Gerechtigkeit, sagt se.
Im Grunde ja, sag ich, um Gerechtigkeit zwischen Gott und Mensch. Und bei der neuen Bibel geht et um Gerechtigkeit zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, Juden und Christen. Die is so geschrieben, dat se zum Nachdenken über Unterschiede und Ungleichheit anregt.
Vielleicht isset dat, sagt se, obwohl dat gerechte Bibel heißt, hab ich dabei ständig dat Gefühl, dat ich mich an alle möglichen Ungerechtigkeiten erinnern soll. Aber dat mein Chef n Mann is und mehr verdient als ich obwohl der nich mehr arbeitet, dat weiß ich auch so, da brauch ich die Bibel nich für aufschlagen.
Is doch gut, sag ich, wenn die Ungerechtigkeiten beim Namen genannt werden und nich verschwiegen.
Nee, sagt se, wenn ich die Bibel les, dann will ich da wat drin finden, wat mir sagt, dat mein Chef und ich gleich sind vor Gott, und gleich viel wert. Und dat wir am Sonntag in einer Kirchenbank zusammen beten können.
Also Versöhnung, sag ich.
Dat isn schönes Wort, sagt se. Versöhnung is mir mindestens so wichtig wie Gerechtigkeit.
Vielleicht kommt nächstes Jahr ne Bibel in versöhnter Sprache raus, sag ich.
Die würd ich mir auf jeden Fall ma angucken, sagt se, aber jetz mussich.
Tschüss, sag ich.
Tschüss und n schönen Tag noch.

 

Audiobeitrag Bibel in gerechter Sprache


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