Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.10.07, Pfarrer Ulrich Haag

Werbung für Jesus

Nein. Er darf sein Unterhemd nicht mehr vor einem Millionenpublikum präsentieren. Sein Arbeitgeber hat es ihm untersagt.

Werbung für Jesus verboten, titelten vor einigen Wochen die Tageszeitungen. Darunter das Bild eines bekannten brasilianischen Fußballstars, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, nach einem erzielten Tor oder einem gewonnen Spiel sein Trikot zu liften. Auf dem Feinripp darunter prangt in großen, für alle Fernsehzuschauer gut sichtbaren Lettern: Gott ist meine Kraft. Oder: Jesus ist der Weg. Eine einfallsreiche und ausgesprochen lebendige Form des religiösen Bekenntnisses, insbesondere dann, wenn sie mit dem obligatorischen Tanz um die Eckfahne einher geht.

Doch nun hat der Weltfußballverband das Zurschaustellen von Glaubensaussagen streng verboten. Kleidungsstücke mit religiösen Botschaften sind Tabu, ihr Zeigen wird geahndet, selbst bei Interviews nach dem Spiel noch. Warum? Längst sind die Spieler doch zu wandelnden Litfasssäulen geworden. Wen stört da der Schriftzug Jesus liebt dich auf einem Sportlerleibchen?

Als Begründung für sein Verbot lässt der Weltfußballverband offiziell verlauten, diese Art der Meinungsäußerung sei in der Lage, die Gefühle andersgläubiger oder gar nichtglaubender Menschen zu verletzen. Eine Begründung, die die Kirche alarmieren muss. Nicht so sehr, weil damit mehr als einem überzeugten Christen verboten wird, seinen Glauben auf seine Weise zu bekennen. Jesus hat viele, die er geheilt hat, mit der klaren Anweisung nach Hause geschickt, zu niemandem über das Erlebte zu reden. Das Verbot des Glaubensbekenntnisses per T-Shirt unter Verweis auf die religiösen Gefühle Andersdenkender ist deshalb alarmierend, weil es einen erschreckenden Mangel an Verständnis dafür offenbart, nach welchen Regeln Menschen in einer Demokratie zusammenleben. Die freie Meinungsäußerung, der wohlverstandene Widerstreit der Interessen, Überzeugungen und religiösen Auffassungen sind das, was eine Demokratie am Leben erhält. Dort, wo offen geredet und engagiert diskutiert wird, stellen sich als Ergebnis gewöhnlich die besten Ideen und praktikabelsten Lösungen ein. Der Meinungsaustausch erfordert allerdings ein gewisses Maß an Toleranz, der Fähigkeit, andere anzuhören, ohne sich persönlich angegriffen zu fühlen.

Wo Menschen sich es sich dagegen angewöhnen, zu schweigen, weil man die Gefühle anderer verletzen könnte, sammelt sich auf die Dauer Unmut an, wuchern Unterstellungen und Gerüchte, gedeiht der Hass. Nicht selten fliegen nach einiger Zeit die ersten Steine.

Wenn ich mein Gegenüber unter Verweis auf meine verletzten religiösen Gefühle zum Verstummen bringe, ist das dem friedlichen Zusammenleben nicht zuträglich. Es ist auch nicht Sache der Kirche. Die erkennt ihre Aufgabe darin, die Gesprächskultur in unserer Gesellschaft zu fördern. In zahllosen Gemeindeveranstaltungen wird eingeübt und praktiziert, worauf es ankommt: Auf das Zuhören. Das Nachfragen. Das aufrichtige Reden zur rechten Zeit. Das Bekennen. Und darauf, am Ende gemeinsam das als richtig Erkannte zu tun.

 

Audiobeitrag Werbung für Jesus


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