Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.10.07, Pfarrer Ulrich Haag

Entscheidende Nachricht

Samstag Morgen. Ich merke es daran, dass die Zeitung, die ich aus dem Briefkasten fische, besonders dick ist. Zu den tagesaktuellen Meldungen kommen der Anzeigenteil,

das ausführliche Fernsehprogramm, die farbig gedruckte Wochenendbeilage. Macht nichts, heute ist Zeit dafür. Ich rühre Milch in den Tee, bedächtiger als sonst, bestreiche ein duftendes Brötchen mit Honig, lehne mich zurück und überfliege die Überschriften. Welche von den vielen Nachrichten soll ich zuerst lesen? Tarifverhandlungen und Staatsbesuche, Auslandseinsätze und Sportereignisse, Benefizläufe und Vereinsfahrten, Parkplatzsorgen, Selbsthilfetreffs, Sonderangebote. Nachrichten über Nachrichten. Hinter welcher Überschrift verbergen sich die Informationen, die für mich wirklich wichtig sind? Was muss ich gelesen haben, um auf er Höhe zu sein? Sind es die großen politischen Entscheidungen, die globalen Ereignisse, auf die es ankommt? Klimakatastrophe, Irak Krieg, russisches Öl und Gas – all das hat Einfluss auf meine Zukunft.

Oder sind es nicht eher die kleinen Geschehnisse vor Ort, auf die es ankommt? Die Erhöhung der Müllgebühren, die Verbreiterung der Umgehungsstraße, der Bau der neuen Gesamtschule: Das betrifft mein unmittelbares Umfeld. Doch berührt es mich?

Gut für meine Seele ist die Sportseite, sind die Nachrichten über Sieg und Niederlage, über Einsatz und Erfolg. Auch die Berichte über menschliche Tragödien oder menschliches Glück gehen mir nah. Liebe, Beziehungskrach, Krankheit und Tod der Reichen und Schönen – so spielt das Leben und mein Leben auch. Bloß: Muss ich das wirklich lesen?

Wo ist die Nachricht, die wirklich wichtig ist? Die Information, nach der ich mein Leben ausrichten muss? Die auf mich zielt, weil sie mich über Geschehenes oder Bevorstehendes in Kenntnis setzt, über Dinge auf die ich mich einstellen muss?

Manchmal, in der letzten Zeit öfter – steigt mir die Flut der Informationen über den Kopf, fühle ich mich schon mit dem Auswählen überfordert. An solchen Tagen nehme ich statt der Zeitung die Bibel zur Hand. Schlage sie in der Mitte auf, dort, wo die Psalmen zu finden sind, und lese einfach irgendeinen Abschnitt. Lese ihn wie eine Nachricht, eine Botschaft, die genau an mich gerichtet ist. „Wer unter dem Schirm des höchsten sitzt, und unter dem Schatten des allmächtigen bleibt, der sagt zu ihm: Du bist meine Zuversicht und meine Burg, auf dich hoffe ich...“, steht zum Beispiel heute in Psalm 91.

Solch ein Satz macht mich ruhig. Obwohl ich inhaltlich manches an den Psalmen merkwürdig finde,  habe ich trotzdem das Gefühl, durch diese Worte angesprochen zu werden. Oft ist es nur ein unscheinbarer, einfacher Gedanke, den ich beim Lesen dieser uralten Verse zu fassen bekomme. Aber es ist der Gedanke, von dem ich sicher bin, dass er an diesem Morgen für mich bestimmt ist. Er kommt von woanders her, von einem anderen, dem, der hinter allen Meldungen, Informationen und Nachrichten steht. Der die Geschicke lenkt, die großen der Menschheit und meine kleinen vor Ort.

Mir gibt das Halt. Und Ruhe. Ich erinnere mich daran: Die wirklich wichtigen Nachrichten, die, die für mein Leben entscheidend sind, stehen nicht in der Zeitung. Sondern in dem dicken Buch mit schwarzem Einband und dünnen Seiten, das ich an manchen Samstagmorgenden zur Hand nehme.

Audiobeitrag Entscheidende Nachricht


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