Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.10.07, Pfarrer Ulrich Haag (Choralandacht)

Der Mond ist aufgegangen (eg 482)

Choral: (Track 1: Satz: Max Reger; Chor: Essener Bachchor) Der Mond ist aufgegangen/Die gold'nen Sternlein prangen/Am Himmel hell und klar/Der Wald steht schwarz und

und schweiget/ Und aus den Wiesen steiget/ Der weiße Nebel wunderbar

Autor: Sie haben richtig gehört liebe Hörerinnen und Hörer. Das war „Der Mond ist aufgegangen“. Sie haben auch die richtige Uhrzeit. Es ist kurz vor acht, für einen Samstag also relativ früh am morgen. Ein Abendlied? Passt nicht dazu! Schon gar nicht dieses. Es lässt mit wenigen Sätzen eine vollendete abendliche Idylle vor unseren Augen entstehen: Der Mond bleich vor einem dunklen Himmel, die Sterne, die gezackte Linie der Baumwipfel, der Nebel in den Wiesen. Und alles ist beseelt, lebendig, wie verzaubert. Der Wald ist nicht nur da, sondern er steht, schwarz, würdevoll. Er schweigt. Es kommt mir vor, als stünde ich unter seinem Schutz. Der Mond geht auf, die Sterne prangen, und selbst der Nebel geht seiner Verrichtung nach: Er steigt aus den Niederungen, bedächtig, unaufhaltsam, still.

Still. Zum frühen Morgen passt das nicht, morgens um 8 bin ich auf Unternehmung gestimmt, auf Begegnungen gespannt, will etwas anfangen mit dem Tag und mich nicht gleich wieder zu Ruhe begeben.

Andererseits: Wann passt es? Es verhält sich beinahe zwangsläufig so, dass in der Sendereihe „Morgenandacht“ die Sparte „Abendlieder“ eher stiefmütterlich behandelt wird. Was schade ist. Die Abendlieder zählen zu den feinsinnigen und nachdenklichen in unserem Gesangbuch. Sie haben es – wenn man so will – verdient, an dieser Stelle gewürdigt zu werden.

Daher heute Morgen ein Abendlied, das Abendlied, wie ich finde, weithin bekannt, vielfach auswendig gelernt, gesummt, gesungen.

Choral: (Track 1 - 040-219: Satz: Max Reger; Chor: Essener Bachchor)
2. Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmerung Hülle
So traulich und so hold
Gleich einer stillen Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt

Autor: Gedichtet hat dieses Lied Matthias Claudius im Jahre 1779. Doch sind es nicht nur seine wunderbar leicht gefügten Worte, es ist auch die einfache, meditative Melodie, die zur Verbreitung des Liedes beigetragen hat. Sie entstand fast zeitgleich mit dem Text und stammt von Johann Abraham Peter Schulz, einem in Lüneburg aufgewachsenen Kapellmeister. Der bekannte deutsche Komponist Max Reger schließlich hat das vorgefundene Lied rund ein Jahrhundert später in Choralnoten gesetzt. Eine wahrhaft ökumenische Zusammenarbeit, denn Reger war Katholik. Auch die Fassung, in der das Lied im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist, stammt von ihm.

Musik: Der Mond ist aufgegangen instrumental
(Track 6: Bearbeitung W.Hilgers, Orchester: Staatl.Philharmonie Kosice)

Autor: Matthias Claudius war ein Meister des hintergründigen Humors, und er wäre nicht er selbst, hätte er in dieses Lied nicht eine Pointe eingebaut, die alle, die sich gerade zur Nachtruhe begeben wollen, noch einmal wachrüttelt.

Sprecherin: 3. Seht ihr den Mond dort stehen
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön
So sind wohl manche Sachen
Die wir getrost verlachen
Weil unsere Augen sie nicht seh'n.

4. Wir stolzen Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Autor: Unsere Augen bleiben am äußeren Schein hängen. Über den wahren Charakter dessen, was uns umgibt, wissen wir so gut wie nichts. Wir verstehen nicht von Ferne, worauf es in unserem Leben ankommt. Auch wenn der Mensch sich noch so anstrengt, Erkenntnisse sammelt, Wissen anhäuft, Fertigkeiten erwirbt Künste spinnt: Aus eigener Eingebung, nur der eigenen Vernunft folgend schauen seine Augen am Eigentlichen vorbei.

Sprecherin: 5. Gott. lass dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
lass uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Autor: Einfältig, fromm, fröhlich ... Ob Matthias Claudius mit den Gedanken des Philosophen Immanuel Kant vertraut war? Der nämlich sollte in einem Aufsatz in der Berlinischen Monatszeitschrift nur fünf Jahre später zusammenfassen, was Denker, Poeten, Studenten und Freigeister der damaligen Zeit umtrieb: Die Aufklärung. Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, die Befreiung aus der Unfähigkeit, sich des eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen.

Lass uns einfältig werden, wie Kinder ... Vielleicht hat Matthias Claudius schon im Keim gespürt, was wir, Kinder der Postmoderne, täglich am eigenen Leib erfahren. Wir haben die Aufklärung hinter uns. Wir haben das Atom gespalten, sind zum Mond geflogen und haben das Gen entschlüsselt. Die seelische Befindlichkeit des Menschen ist noch immer die gleiche geblieben. Sein Glück, seine Grausamkeit, seine Lust, seine Hoffnungen, seine Kriege – es ist alles beim Alten, es sind stets die gleichen Zweifel, die den Menschen plagen, die gleichen Fragen, es ist und bleibt die Angst vor seinesgleichen, dem Leiden, dem Tod, die ihn umtreibt. Und es ist immer noch die Sehnsucht nach einem unversehrten, erfüllten Leben, nach Heil die er in sich trägt.

Choral: (gesungen Tr.3 135ff oder
Posaunen Tr.6 000-042 - darüber gesprochen Text)
5. Gott. lass dein Heil uns schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
lass uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Gott, lass dein Heil uns schauen – unmerklich hat uns Matthias Claudius in die Zwiesprache mit Gott hineingeführt, in ein Gebet. Wir, die wir es hören, mitsprechen, mitsingen, erinnern uns daran und vergewissern uns: Was immer geschieht, wozu immer die Menschheit noch in der Lage sein wird, welche Katastrophen über sie auch hereinbrechen mögen – es sind die schon immer gültigen Sätze, die und zu fröhlichen Menschen machen können: Wir kommen von Gott. Wir gehen auf Gott zu. Wir sind Kinder Gottes und in ihm geborgen. Daran glaube ich. Darauf vertraue ich und das gibt mir Ruhe, die Augen zu schließen, wenn es Abend wird. Gibt uns allen die heitere Gelassenheit, die Augen aufzumachen, morgens um acht, wenn der Tag vor uns liegt. Ist noch Zeit genug?

Ja, die Zeit reicht, um die letzte Strophe noch ganz zu hören. Vielleicht können sie einstimmen in das Gebet, das sie vor Gott bringt. Vielleicht geht etwas von der Ruhe, die die Strophe atmet, auf sie über. Und danach: Einen guten Morgen und Gottes Segen für den Tag.

Choral: (Tr.1 220 bis Schluss 315)
7. So legt euch denn ihr Brüder
In Gottes Namen nieder
Kalt ist der Abendhauch
Verschon uns, Gott, die Strafen
Und lass uns ruhig schlafen,
Und unser'n kranken Nachbar auch

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Ulrich Haag aus Aachen über den Choral “Der Mond ist aufgegangen“, nach einem Text von Matthais Claudius. Es sangen die Stuttgarter Hymnus Chorknaben.

Audiobeitrag Der Mond ist aufgegangen (eg 482)


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen