Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.10.07, Silke Janssen

Das Paradies auf Erden?

Vor kurzem haben wir uns im Freundeskreis die Frage gestellt, wovor wir am meisten Angst haben. Klar, jeder gab seine ganz persönliche Antwort. Einige sagten: vor dem Tod.

Andere nannten das Sterben, Krankheit, einen Unfall oder wenn den Kindern etwas passiert. Natürlich haben wir in unserer Runde die Antworten gegeben, die alle Menschen auf die Frage nach der Angst geben. Und wir waren uns auch einig, dass diese Dinge, diese Gefahren, zum Leben dazu gehören. Es ist wenig wahrscheinlich, dass wir nicht krank werden. Und wir können auch unsere Kinder nicht vor Unheil bewahren. 

In diesem Zusammenhang sind wir auch auf den Zeitgeist zu sprechen gekommen: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Paradies auf Erden haben möchte. Alte wollen immer jung und gesund sein, Frauen immer schlank, Männer immer muskulös, Kinder sollen perfekt: wohlerzogen und gut in der Schule sein. Was für eine Vorstellung vom Leben! Ohne Störungen, ohne Hindernisse, wie in einem Selbstbedienungsladen. Immer nur das Gute.

In der Bibel steht davon nichts. Gott, der Schöpfer des Lebens, hat den Menschen mit keiner Silbe versprochen, dass alles reibungslos läuft. Die Bibel ist voller Geschichten von Höhen und Tiefen. Menschen erleiden Unrecht, Schmerzen, Krankheit, sie sterben. Das heißt, auch die negative Seite gehört zum Leben dazu. Es ist manchmal wie ein Abenteuer, in dem auch etwas schief geht. Da rutscht man aus und fällt hin, manchmal hat man den falschen Weg eingeschlagen oder muss den mühsam erkämpften Weg wieder zurückgehen oder verlassen.

Ein gutes Beispiel dafür ist in der Bibel ein Sohn, der sich von seinem Vater das Erbe auszahlen läßt und seinen eigenen Weg geht. Offensichtlich kann er schlecht mit Geld umgehen. Denn schon bald ist er am Ende und muss einen schlecht bezahlten Job annehmen. Das Leben hatte er sich anders gedacht. Große Autos, teure Frauen, tolle Reisen. Und nun, wo er am Nullpunkt angelangt ist, denkt er über die Zukunft nach und ändert sein Leben. Er geht zurück zu seinen Wurzeln und fängt quasi noch einmal von vorne an.

Wie dieser junge Mann in der Bibel möchten auch heute viele ein sorgenfreies und tolles Leben haben. Natürlich möchte man sich und seine Kinder vor Unglück bewahren. Aber ein Therapeut sagte mir einmal: Jeder Mensch hat ein Recht auf schlechte Erfahrungen.
Ein steiler Satz, an dem aber etwas dran sein könnte. Denn es sind ja nicht nur die guten Erfahrungen im Leben, die den Charakter prägen, sondern in erster Linie die schlechten. Ein Mensch lernt, dass ihn ein Missgeschick nicht gleich aus der Bahn wirft. Natürlich gibt es Dinge und Erfahrungen, die man nicht gemacht haben möchte und die man auch nicht haben muss. Aber - sie gehören dazu; das Leben ist nicht steril.

Vielleicht hilft diese Sicht, entspannter mit dem Leben umzugehen. Vielleicht nimmt sie den Druck, alles perfekt machen zu müssen und zu wollen. Kinder dürfen schlechte Noten nach Hause bringen. Männer und Frauen dürfen älter werden, das Leben muss nicht durchgestylt sein. Auf Erden das Paradies haben zu wollen, geht nicht. Was aber geht, ist, gelassener mit den Schattenseiten des Lebens umzugehen.

Audiobeitrag Das Paradies auf Erden?


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