Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.10.07, Dr. Sven Keppler

Die Macht der Zunge

Edward und Florence kämpfen das letzte Gefecht ihrer Hochzeitsnacht. Ein Duell mit Worten. Florence war aus dem Hotelzimmer an den Strand geflohen.

Hatte Abstand gesucht von ihrem Mann. Und von dem Ort, wo ihre erste körperliche Annäherung gescheitert war. Aber Edward war hinter ihr her geeilt. Er hatte die Distanz nicht ausgehalten.

Sprecher (gereizt): „Da bist du also. Musstest du denn wirklich so weit laufen?“

Autor: Sie fühlt sich in die Enge getrieben. Und dann auch noch sein gereizter Ton. Von der Härte ihrer Antwort ist sie selbst überrascht:

Sprecherin: „Mir egal, wie weit es ist. Ich musste an die frische Luft.“

Autor: Er findet unfair, dass sie einfach weggelaufen ist. Verdammt unangenehm. Doch sie kann sich nicht mehr bremsen. Sie erlebt, was im biblischen Jakobusbrief steht: „Die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes.“ Sie zielt mitten auf sein Missgeschick, seinen verfrühten Höhepunkt, und platzt heraus:

Sprecherin: „Ach ja? Was du getan hast, war auch verdammt unangenehm.“

Autor: Damit ist eine Grenze überschritten. Hätte es jetzt eine kleine Pause gegeben, dann hätte sich vielleicht ihr Gewissen geregt und sie hätte ihre Worte zurückgenommen. Doch nun brechen die Vorwürfe aus ihm heraus:

Sprecher: „Du hast nicht die leiseste Ahnung davon, was es heißt, mit einem Mann zusammenzusein. Sonst wäre das nie passiert. Du hast mich auch nie an dich rangelassen.“

Autor:
Verletzt wirft sie ihm vor, dass er sie immer bedrängt habe. Dass er nur das Geld ihrer Familie gewollt habe. Sie beschimpfen sich. Dann kommen sie sich noch einmal kurz näher. Sprechen von Liebe. Suchen einen Ausweg. Und verlieren sich am Ende doch.

Der englische Schriftsteller Ian McEwan betrachtet Menschen und ihre Gefühle wie unter einem Mikroskop. „Am Strand“ ist sein neuester Roman. Er handelt von einer Hochzeitsnacht im Jahr 1962. Vom Scheitern einer Ehe schon nach wenigen Stunden. Edward und Florence werden ihre Ehe annullieren lassen und getrennt durchs Leben gehen, mehr oder minder unglücklich.

McEwan bietet eine Reihe von Gründen an, warum die Beziehung scheiterte. Beide kamen aus völlig unterschiedlichen Familien. Florence war in einem wohlhabenden und gebildeten Haus in Oxford groß geworden, Edward in beengten Verhältnissen auf dem Land. Beide waren sich in ihren Leidenschaften fremd geblieben: Sie liebte Musik, er die Natur. Florence war vermutlich von ihrem Vater missbraucht worden. Aber in den befangenen frühen 60er Jahren fehlten den beiden Liebenden die Worte, um über ihre sexuellen Wünsche und Ängste zu sprechen. All diese Spannungen und Gegensätze entluden sich in dem Wortgefecht am Strand. Die Unruhe und das Gift der Zunge wirkten mit einer Macht, die keiner bezähmen konnte. So wie es im Jakobusbrief beschrieben ist. Aber dort steht auch die Aufforderung, die eigene Zunge im Zaum zu halten.

Hätten die beiden vielleicht doch eine Chance gehabt? Sie sind nicht am Sex oder an ihren Klassengegensätzen gescheitert. Sondern an ihrer Unfähigkeit, besonnen miteinander zu reden. Mehrmals deutet McEwan diesen Ausweg an. Sie hätten mehr Zeit gebraucht. Vor ihrem Gespräch hätten sich ihre Gefühle beruhigen und ihre Gedanken ordnen sollen. Einmal durchatmen. Innehalten. Manchmal kann das die zerstörerische Macht der Zunge brechen.

Audiobeitrag Die Macht der Zunge


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