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Dreimal Liebe Elisabeth von Thüringen
Mode oder Klatsch und Tratsch, fragt mein Friseur mich immer, wenns ums Warten geht. Und manchmal entscheide ich mich tatsächlich für die Gala oder
eins der anderen bunten Blätter. Da lese ich dann von den Liebesgeschichten der Stars und über die Ehen in Fürstenhäusern. Von Charles, Diana und Camilla, von Haakon und Mette-Marit, von Caroline und Ernst August, Stephanie und ihren Liebhabern. Mein Name ist Cornelia Coenen-Marx und ich beschäftige mich bei der Evangelischen Kirche in Deutschland mit sozialen Fragen.
Die Konventionen und Erwartungen, an denen Menschen ersticken können- nicht nur in Fürstenhäusern-, die verzweifelten Befreiungsversuche von Diana oder Stephanie, die Sehnsucht nach der großen Liebe, für die Menschen alles geben, auch die Krone - das alles kann einen schon beschäftigen. Die Geschichte, von der ich heute morgen erzählen will, beginnt auch an einem Hof, mit einer Fürstenehe, diesmal mit einer glücklichen. Ich will von Ludwig und Elisabeth erzählen, von zwei Menschen, die einander bestimmt waren, einander innig begehrten und sich in ihren Eigenheiten respektierten. Ein Paar auf Augenhöhe, und das vor 800 Jahren. Eine ungewöhnliche Geschichte also. Ihre Beziehung gab Stoff für Gerüchte - Dienstboten und Angehörige des Adels klatschten und tratschten über die beiden, Schriftsteller und Geistliche notierten, was vorfiel. Denn die junge Fürstin war eine ungewöhnliche Frau, eigenwillig in ihrem sozialen Engagement und in ihrer Frömmigkeit. Und der Landgrafenhof in Thüringen stand ohnehin im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die bekanntesten Minnesänger des 12. Jahrhunderts sollen auf der Wartburg eine Bühne gefunden haben und manchmal wohl auch ihr Auskommen. Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen schrieben damals populäre Lieder über heimliche Liebesbeziehungen zwischen fahrenden Rittern, Dichtern und adligen Damen. Die Ehen waren weniger spannend sie waren meist arrangiert und dienten dem Machterhalt und der Erbfolge. Auch die Heirat des jungen Landgrafen Ludwig mit der 14-jährigen Königstochter aus Ungarn war von den Eltern arrangiert. Schon als Vierjährige war das zierliche, brünette Mädchen auf die Wartburg gebracht worden. Aber als sie älter wurde, hätte mancher am Hof sie lieber zurückgeschickt. Denn Elisabeth war wenig anpassungsbereit, kritisch und allzu freigebig gegenüber den Armen. Aber Ludwig verliebte sich in sie und wollte sie um nichts in der Welt hergeben nicht für alles Gold und Gut, nicht einmal um den Preis der Krone. So gab es eine prunkvolle Hochzeit, und fortan wich Elisabeth nicht mehr von der Seite ihres Mannes saß neben ihm bei Tisch und begleitete ihn auf Reisen.
War er nun ihr Geliebter oder ihr Ehemann ? fragt der Dichter Hartmann von Aue in einer Geschichte aus dieser Zeit und er antwortet sich selbst: Beides , Herr .Diese Liebe also war ein großes Glück so ein Glück, für das man alles hergeben möchte sein Leben opfern auf dem Altar der Liebe. So muss es Elisabeth gegangen sein . Alle Gedanken drehten sich um Ludwig - selbst während des Gottesdienstes. Manchmal konnte sie sich nicht einmal auf den Augenblick der Wandlung am Altar konzentrieren vor lauter Sehnsucht nach dem Geliebten.
Dabei hatte sie schon als Kind gern in der Kirche gesessen, wenn ihr die Spiele am Hof zu laut und zu oberflächlich wurden. Sie liebte es, das Altarbild anzuschauen, sie konnte im Gebet versinken. Jetzt aber war Ludwig ihr ein und alles .Ihm gehörte ihr ganzes Herz war da überhaupt noch Platz für Gott? Elisabeth erlebt eine Zerreißprobe der Liebe- sie fühlt sich hin- und hergerissen und - sie fühlt sich schuldig. Nur gut, dass Ludwig seine Geliebte tröstet, als sie sich ihm anvertraut. Denn für ihn strömt die Liebe allemal aus der gleichen Quelle: Gottesliebe und Menschenliebe, Nächstenliebe und die Liebe zwischen Partnern gehören zusammen. Da ist er großzügig, und da kann sie ihm einiges zumuten. Eines Tages legt Elisabeth sogar einen Aussätzigen ins Ehebett, um ihn gesund zu pflegen für die meisten Leute am Hof ein Skandal. Nicht aber für Ludwig. Er sieht mit den Augen der Liebe, was Elisabeth tut. Als er die Decke zurückschlägt, erkennt er in der Gestalt dieses Kranken den verwundeten Christus. Das ist die Wandlung, die Elisabeth entspricht. Sie geschieht nicht auf dem Altar, sondern mitten im Alltag. So weitet die Liebe den Blick auf die Welt, bis kein Opfer mehr schmerzt.
Musik
Es gibt keinen größeren Schmerz als den Tod des Geliebten schlimmer noch: den sinnlosen Tod des Geliebten. Elisabeth ist noch keine zwanzig und mit dem dritten Kind schwanger, als Ludwig bei einem Kreuzzug am Fieber stirbt . Da endet ihr Leben am Fürstenhof, obwohl man auch sagen könnte: da fängt ihr Leben erst richtig an. Zunächst aber ist sie verzweifelt und wie von Sinnen. Sie schlägt mit dem Kopf gegen die Mauern und schreit : Er ist tot ! Dann ist mir die Welt tot und alles, was an ihr teuer und süß ist. Sie will nicht mehr weiterleben, jedenfalls nicht so weiterleben. Sie hasst den Jahrmarkt der Eitelkeiten, der die Mächtigen den lieben langen Tag beschäftigt. Die himmelweite Kluft zwischen dem Reichtum am Hof und der Armut am Fuße der Burg. Das war schon immer so manchmal hatte sie einen ihrer Pelze an einen Frierenden verschenkt. Manchmal hatte sie sich geweigert, erpresstes Gut zu essen, während die Armen hungerten. Einmal, als der Sommer fast keine Ernte brachte, hatte sie sogar die Scheunen öffnen lassen, um die Hungrigen zu speisen. Jetzt aber geht sie noch weiter will die Mauern sprengen, die oben und unten trennen. Ja, sie will mit dem Kopf durch die Wand. Verzweifelt, leidenschaftlich, auf der Suche nach einer anderem Leben.
Niemand hält sie zurück, als sie sich vom Fürstenhof verabschiedet. Als sie alle Sicherheiten hinter sich lässt, alles, woran ihr Herz hängt, ihr altes Leben auch ihre Kinder. Wieder so eine Zerreißprobe: sie verlässt ihre Lieben um der Liebe willen. Bis heute würden die meisten den Kopf darüber schütteln eine Rabenmutter? In Marburg erfüllt sie sich einen Lebenstraum ganz anderer Art. Von ihrem Witwengut lässt sie ein Hospital bauen. Wie eine einfache Schwester lebt sie in Armut und pflegt die Kranken und Sterbenden. Eine Mutter Theresa ihrer Zeit, die Fürstin im wollenen Gewand. Die Tochter aus dem Königshaus auf den Spuren des Franz von Assisi. Sie hat alles gegeben, zuletzt sich selbst. Ihren Besitz, ihre Familie, ihre Liebe, ihre Energie ohne jede Berührungsangst. Sie wollte auf Augenhöhe mit den Leidenden sein. Sie wollte den Weg Jesu gehen. Mit Respekt , mit Leidenschaft , wenn es sein musste, auch in Einsamkeit. Als Elisabeth 24 war, steckte sie sich im Hospital an Typhus an und starb nach wenigen Tagen im Fieber. Die Energie war verbraucht aber was hatte sie bewegt! So viele Konventionen gesprengt, so viel Schmerz und Zerreißproben ertragen, so viel Liebe gelebt leidenschaftlich, brennend vor Hingabe. Wer ihr begegnet ist, hat davon erzählt, dass Menschen und Dinge sich in ihrer Nähe wandelten: Blinde lernten zu sehen, Eltern, die ihre Kinder verstoßen hatten, nahmen sie an, aus dem Brot, das sie unter dem Mantel zu den Armen schmuggelte, sollen Rosen geworden sein, als jemand ihr misstrauisch den Mantel von den Schultern nahm. Es ging wohl ein Leuchten von ihr aus, manche sagten später sogar, ein besonderer Duft. Obwohl sie in die finstersten Winkel ging, obwohl sie mit Menschen pflegte, die sicher nicht dufteten. Aber genau dort muss sie Gott begegnet sein trotz Schmerzen und Demütigungen.
Denn die Menschen, die sie früher beschenkt hatte, waren keinesfalls dankbar. Bewunderung braucht sich schnell auf. Eine Bettlerin, der sie als Fürstin geholfen hatte, soll Elisabeth später in den Dreck gestoßen haben. Aber die verstand den Hass auf die verlorene Wohltäterin, stand auf ,wusch ihr Kleid im Fluss und ging ihren Weg zu Ende. Bis zum Schluss blieb sie bei den Menschen auf der Schattenseite. An ihrem Sterbebett soll ein Junge mit Krätze gesessen haben, den sie selbst gepflegt hatte.
Musik
Hätte man Elisabeth nach der Quelle ihrer Lebensenergie gefragt dann hätte sie nach Worten für ihre Gottesbegegnungen gesucht . Für das fließende Licht, das sie auch durchs Dunkel trug, für den Gesang, der sie unglaubliche Sprünge wagen ließ. Sie hätte vielleicht auch von den Schmerzen gesprochen, die zur Liebe dazu gehören. Manchmal fügte sie sogar selbst Schmerzen zu vielleicht, um noch mehr zu spüren, was sie trug, um dem leidenden Gott noch näher zu sein. In den Aufzeichnungen über Elisabeth liest man nicht nur von Fasten und Schlafverzicht, sondern auch von Schlägen und Geißelungen. Manche meinen, ihr Beichtvater und Seelenführer Konrad von Marburg habe sie zu solchen Exzessen getrieben. Diesen unseligen Inquisitor der Kreuzzugszeit müsste man wohl heute als Fundamentalisten bezeichnen. Es wäre ihm lieber, soll er gesagt haben, dass 99 Unschuldige starben, als das ein Schuldiger nicht gefasst wurde.
Wer so denkt, findet überall Schuld , wo die Liebe in Zerreißproben gerät. Zuviel Lust, zuviel Hingabe, zuviel Großzügigkeit - Elisabeths Leidenschaft musste in Bußübungen erstickt werden. Das ist für uns schwer verständlich obwohl sich auch heute junge Frauen Schnitte zufügen oder hungern. Man muss nur Dianas Biografie lesen, um etwas zu ahnen von Welt- und Liebesschmerz. Vielleicht war es auch bei Elisabeth so, dass Konrad, ihr Berater und Coach ihr helfen sollte, auf dem eigenen Weg voranzukommen: sich ganz zu erden, Demut zu lernen.
Konnte die große Liebende sich selbst nicht lieben? Blieb sie, wie die Psychoanalytikerin Elisabeth Busse-Wilson meint, eine Verwundete und Verletzte? Ein Kind, das früh von seinen Eltern getrennt wurde, ein junge Frau, die ihren Geliebten verlor, eine Erwachsene, die sich leicht von allem trennte weil sie spürte, dass nur die Gott ihre Schmerzen heilen konnte? Eine verwundete Heilerin. Vielleicht steckt Todessehnsucht in der grenzenlosen Hingabe vielleicht ein anderer Umgang mit der Vergänglichkeit .
Wer weiß das schon - das alles ist 800 Jahre her, eine lange Zeit. Vieles hat sich seitdem bei uns verändert auch die Lebenserwartung und die Vorstellungen von Tod und Ewigkeit. Heute muss man in den Sudan oder nach Uganda gehen, um eine Ahnung zu bekommen, was Krankheit, Hunger und Armut aus einem Menschenleben machen können. Und wie es ist, wenn eine Frau mit 24 ihr Lebenswerk vollendet von zu Hause fortgeschickt, verliebt und verheiratet, eine Mutter, eine Witwe, eine Frau, die viel gegeben hat. Der Dichter Hening Mankell hat dort in Uganda aidskranke Mütter gefragt, was sie ihren Kindern mit auf den Weg geben sollen. Und eine von ihnen Aguga Christine, schreibt ihrer kleinen Tochter die Essens ihres Lebens: Ich glaube an die Freigebigkeit. Je mehr du gibst, desto mehr wirst Du von Gott gesegnet.
Das hätte Elisabeth sicher auch sagen können obwohl sie am Ende ziemlich einsam starb, mit dem krätzekranken Jungen an ihrer Seite. Aber trotz aller Schmerzen, Einsamkeit und Zerreißproben Liebe bleibt die treibende Kraft in Elisabeths Leben und macht sie schließlich zur Königin der Herzen. Kaiser Friedrich II. soll ihr am Ende sogar die Krone aufgesetzt haben posthum bei ihrer Heiligsprechung. Es wird erzählt, er hätte sie eigentlich gern zu seiner Kaiserin gemacht. So aber hat sie unendlich viel mehr bewegt- und ihre Wirkung reicht bis heute. Bis zu Dianas Kampf gegen Handgranaten oder Bill Clintons globalem Fond für Gerechtigkeit. Es sind eben nicht nur die Liebesgeschichten der Mächtigen die wirklich interessant sind und zählen. Das wirkliche Leben beginnt, wo ein Mensch sich aufrichtet und nach Gerechtigkeit fragt, wo er die Liebe lebt. Dazu wünsche ich Ihnen heute morgen viel Energie und Gottes Nähe. Einen Sonntag, der Kraft dazu gibt, wünscht Cornelia Coenen Marx aus Hannover.
(Die Marburger CD heißt " Helles Licht in dunkler Zeit" - Kantorei der Elisabethkirche Marburg unter Leitung von Jochen Kaiser. Aufnahmen aus der Elisabethkirche im Jahr 2000)
Dreimal Liebe Elisabeth von Thüringen
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