Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.07, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

"Er lässt es regnene über Böse und Gute"

Liebe Hörerin, lieber Hörer, Der kommende Sonnabend, der 29. September, steht als Festtag des Erzengels Michael im Kalender der christlichen Kirchen.

Der Name Michael heißt auf Deutsch: „Wer ist wie Gott?“ Die Antwort liegt nahe: Niemand ist wie Gott! Nur, damit ist die Frage ja nicht erledigt; wir fragen weiter: „Wie ist denn Gott, wenn niemand ist wie er, wenn er unvergleichlich ist?“

Jesus von Nazareth hat von Gott so gesprochen, dass man spüren kann, wie unvergleichlich Gott ist. Er hat ihn als gütigen Vater, nicht als mächtigen Herrscher geschildert, hat ihn nicht als streitbaren oder rachsüchtigen Übermenschen beschrieben wie Homer die Götter Griechenlands: Gott ist nicht der Tyrann, den sich jeder Mensch in seiner Angst vorstellen kann, sondern: Gottes Herz ist für alle Menschen offen, und dafür gibt es klare äußere Zeichen: Er lässt die Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte, er lässt es regnen über Gute und Böse. So steht es im Matthäus-Evangelium, in der Bergpredigt. Gott braucht die Unterscheidungen nicht, die für uns unverzichtbar sind. Gott steht über den Unterscheidungen, die unser Leben bestimmen, wie die Sonne über der Erde steht.

Für uns lässt sich unser Zusammenleben ohne die Feststellung von Unterschieden nicht ordnen; gut und böse, gerecht und ungerecht, schwarz und weiß, klug und dumm, alt und jung, jeder verlässt sich ganz selbstverständlich auf das Netz solcher Unterscheidungen, keine Gemeinschaft kann darauf verzichten und ohne solche Ordnung entfaltet sich keine Kultur, Willkür und Chaos wären unvermeidlich.

Im Grunde aber sehnen wir uns nach einem Paradies, in dem diese Unterscheidungen überflüssig sind, in dem alle mit ihren verschiedenen Begabungen und Wesensmerkmalen als gleich gelten, die Schwächeren sich den Stärkeren nicht unterwerfen müssen, die Starken sich nicht vor den noch Stärkeren fürchten müssen.

Am Anfang und am Ende der Bibel stehen Geschichten von der Vereinigung aller Unterschiede: Das Paradies am Anfang und das himmlische Jerusalem am Ende aller Zeiten. Es sind Bilder des Friedens und der Harmonie und sie sprechen von der menschlichen Sehnsucht nach einem Leben, in dem alle Unterschiede – nicht beseitigt, sondern geachtet sind, zur Geltung kommen dürfen, ein Leben, in dem kein Mensch vor einem anderen Angst haben muß, alle leben dürfen, gleichgültig, was sie leisten oder wer sie sind, eine Welt, in der ein unerschöpfliches Vertrauensklima alle Menschen in ihren besten Möglichkeiten aufblühen lässt. Aber diese Bilder schildern Anfang und Ende der Welt, dabei lässt es Gott doch schon heute über Böse und Gute regnen.

Stellen Sie sich vor, wie Eltern ihre Kinder oder gute Lehrer ihre Schüler gleich zu behandeln versuchen und deshalb gerade die Unterschiede besonders ernst nehmen, dann ahnen Sie die Unvergleichlichkeit Gottes. Er behandelt alle Menschen in ihren Unterschieden gleich, er schenkt allen das Leben und sein Vertrauen. So etwas kann aber nur jemand, der ein ganz weites und ganz starkes Herz hat. Deshalb stimmen viele dem Evangelisten Johannes zu, der sagte, dass Gott die Liebe ist.

Audiobeitrag "Er lässt es regnene über Böse und Gute"


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