Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.07, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

"Michael - Wer ist wie Gott?"

Liebe Hörerin, lieber Hörer! „Wer ist wie Gott?“ Im Hauptgebäude der Bonner Universität steht eine eindrucksvolle Figur.

Wenn man im Südflügel, auf der Hofgartenseite die geschwungene Treppe in den ersten Stock hochsteigt und dann einige Schritte nach Westen geht, trifft man auf eine riesige Skulptur, in Goldbronze glänzend, größer als ein Mensch; ein Ritter mit Engelsflügeln, mit Speer und Schild bewaffnet – auf dem Schild stehen die lateinischen Worte: „Quis ut Deus?“ auf Deutsch: „Wer ist wie Gott?“ – In hebräischer Sprache heißt diese Frage: „Mi-cha-el?“  Die Figur stellt den Erzengel Michael dar.

„Wer ist wie Gott?“ Man kann sich wundern über diese Engelsfigur und ihre Frage auf den Gängen einer Universität. Was hat diese Frage mit modernen Wissenschaften zu tun? Und wie kann man sich hier im Zentrum der Forschung mit altertümlichen Abbildern der Gottheit umgeben? Beleidigt diese Figur mit ihrer Frage nicht die moderne Vernunft?

Keineswegs, vielmehr erinnert der alte Paradieswächter Michael die Forscher und Lehrer, Männer und Frauen der Bildung, an die Grenzen menschlicher Erkenntnis – „wer ist wie Gott?“ Niemand! Die ganze Wahrheit gehört Gott allein. Die Frage „Wer ist wie Gott?“ weist auf die Grenzen der Menschen und ihres Verstandes hin.

Aber die Figur? Sagt sie nicht doch etwas ganz anderes? Der gute ritterliche Mensch, der gegen den Drachen kämpft, der das Chaos bezwingt, der die Welt zu ordnen hilft, dieser Held steht eben doch neben Gott als dessen Ebenbild. So stellen wir uns Gott gerne vor, als einen übermächtig guten Menschen, als einen Übermenschen; ob Herkules oder Michael, ob Siegfried oder David. „Wer ist wie Gott?“ Solche Helden, solche Übermenschen faszinieren uns  – und an die Spitze dieser Reihe wird dann von vielen Christen Christus geschoben, der den Tod besiegt hat, wie Michael den Drachen. Und so singt die Christenheit in ökumenischer Eintracht: „Jesus ist kommen, der starke Erlöser“ –  und erfreut sich an einem Bild von Gott als mächtigem Helfer, ein Bild, das wir uns nach unseren eigenen Vorstellungen von Allmacht gezeichnet und gebildet haben.

Christus aber gibt uns ein ganz anderes Vorbild. Als er verhaftet wurde, hatte er zu Petrus gesagt: Stecke Dein Schwert in die Scheide! Und hinzugesetzt: Meinst Du, mein Vater könnte mir nicht 12 Legionen Engel zu Hilfe schicken, um mich zu retten, wenn ich ihn bitten würde? Aber Gott ist kein weltlicher Machthaber, kein Held und kein Superstar. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, dort gehorcht man dem Gesetz der Stärke nicht.

„Wer ist wie Gott?“ Niemand! Das zeigt sich gerade an diesem machtvollen Michael: Die Starken in dieser Welt sind nicht wie Gott, auch der Erzengel ist als gerüsteter Ritter nur nach Menschenart geformt; auch die Forscher sind es nicht, und wenn sie alle Rätsel entschlüsseln würden, wie Leben entsteht und vergeht. Was unser Leben wert ist, erfahren wir allein aus der Liebe, die uns ins Leben gerufen hat und uns von Tag zu Tag mit den Strahlen der Sonne ernährt und erhält. Für diese überwältigende, aber eben nicht gewalttätige Liebe ist uns Jesus Christus zum Zeugen geworden.

Audiobeitrag "Michael - Wer ist wie Gott?"


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