Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.09.07, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

"Der Weinbergbesitzer"

Liebe Hörerin, lieber Hörer. Gottes Herz ist für uns offen, er steht uns allen gleich nahe, aber er zwingt niemanden, sondern wirbt für die freie Atmosphäre,

die sich ausbreitet, wo sein Geist wirkt. Wie schwer es uns fällt, sich von der Angst um die eigene Existenz zu lösen, ja wie ganz und gar unmöglich das ist, spürt man sehr deutlich bei einer Geschichte, mit der Jesus vermutlich auch schon seine Hörer provoziert oder geärgert hat:

Da hatte einer einen großen Weinberg und es war Erntezeit. Also holte er sich Erntehelfer. Die ersten gleich am Morgen, alle, die er auf dem Sammelplatz bei der Arbeitsvermittlung finden konnte,  – und er  vereinbarte mit Ihnen als Lohn einen Tagessatz, also einen Betrag, der nach aller Erfahrung zum Lebensunterhalt für einen Tag reichte. Aber der Weinberg war groß, die Weinstöcke hatten gut getragen und der Winzer merkte bald, dass er noch mehr Erntehelfer brauchen könnte. Also ging er noch einmal zur Arbeitsvermittlung und fragte nach weiteren einsatzfähigen Kräften. Und es zeigte sich, dass sich weitere Arbeiter eingefunden hatten, die zur Mitarbeit in der Ernte bereit waren. So ging es noch ein paar Mal an diesem Tag, der Besitzer des Weinbergs ging immer wieder mal zur Vermittlungsstelle – und bis spät in den Nachmittag hinein traf er immer noch weitere Hilfskräfte und schickte sie auch zur Erntearbeit. Mit denen traf er dann nur noch eine ganz allgemeine Lohnvereinbarung: Ich gebe euch, was recht ist.

Bei der Lohnauszahlung am Abend aber gab es einen Tumult, der diese Geschichte ganz unvergesslich gemacht hat: Es bekamen alle gleich viel, die von morgens an gearbeitet hatten und die, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, alle bekamen den einen Tagessatz, also genau so viel, wie jeder für seinen Lebensunterhalt brauchte.

Da beklagten sich die, die den ganzen Tag lang geschuftet und sich auch in der Mittagshitze nur kurz ausgeruht hatten, und machten dem Besitzer des Weinbergs bittere Vorwürfe. Der aber setzte sich über die Klagen der Arbeiter, die von früh an dabei gewesen waren, mit einer leichten Zurechtweisung hinweg: Warum seid ihr neidisch, wenn ich gütig bin? Ich kann doch mit meinem Geld machen, was ich will.

Diese Geschichte darf man in einer auf Leistung gründenden Wirtschaftsgesellschaft fast nicht erzählen; sie muß Widerspruch, ja Ablehnung hervorrufen. Aber sie will keine goldene Regel für Tarifvereinbarungen  sein, sie illustriert die Güte Gottes. Vor Gott sind alle Menschen gleich lebens-würdig, gleichgültig was sie und wie lange sie arbeiten können. Die Menschen sind nicht alle gleich, ganz und gar nicht, schon gar nicht gleich freundlich oder gleich ansehnlich oder gleich leistungsfähig, aber für Gott sind alle Menschen gleich lebens- und deshalb auch gleich liebenswürdig.

Was müsste das für eine Atmosphäre sein, wenn sich alle Menschen gegenseitig so ansehen könnten, wie Gott sie ansieht; wenn sie sich einfach das Leben gönnen könnten, das sich nun mal kein Mensch selbst gegeben hat. Gäbe das wirklich ein heilloses Durcheinander? Nein! Wir würden alle aufatmen in einer solch klaren Luft neidloser Anerkennung!

Audiobeitrag "Der Weinbergbesitzer"


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen