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Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit (eg 502)
Choral: (2.Satz): 1. Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! Lob ihn mit Schalle, werteste Christenheit!
Er lässt dich freundlich zu sich laden; freue dich, Israel, seiner Gnaden, freue dich, Israel, seiner Gnaden!
Autor: Morgen ist Erntedankfest. Spätestens heute werden in den Kirchen die Altäre mit den Erntegaben geschmückt. In allen Farben des Spektrums leuchten Früchte und Blumen um die Wette. Als ob noch einmal der Sommer und der Herbst gemeinsam eingefangen werden sollen. In vielen Kirchen bietet sich dann ein Bild verschwenderischer Fülle. Spätestens wenn wir dann im Gottesdienst Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit singen, kommen mir immer wieder Bilder von Vincent van Gogh in den Sinn. Unter einer wärmenden Sonne breiten sich wogende Kornfelder aus. Auf manchen ist der Weizen schon geschnitten und die Garben zu großen Kornrittern zusammengestellt; alte knorrige Olivenbäume ragen in das Bild, ganz hinten verlieren sich im gleißenden Sonnenlicht gepflegte Weinberge, Manchmal sieht man die Bauern bei der Ernte und manchmal auch, wenn sie ruhen und sogar schlafen.
Mich nehmen diese Bilder immer von neuem ein. Sie sind für mich Illustrationen dieses Liedes über die Barmherzigkeit Gottes, so verschwenderisch glühend wie die Bilder van Goghs aus der Provence muss sie sein. Ich kann mich nicht satt sehen an diesen Landschaften. Wie herrlich ist die Barmherzigkeit Gottes in seiner Schöpfung zu erkennen.
Choral: (2.Satz): 1.Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! Lob ihn !
Autor: Ja, so kann einem das Lob abgewürgt werden, wenn man sich vorstellt das dieselben wundervollen Landschaften auch einmal ganz anders aussehen können? Keine Felder über denen nach der Ernte im Herbst Kinder ihre Drachen steigen lassen können, Nein, da reiht sich Bombentrichter an Bombentrichter. Reste von Stacheldrahtverhauen. Die Häuser zerschossen, die Scheunen zerstört. Die Erde schwarz verbrannt, die uralten Ölbäume gefällt und die Weinberge im Hintergrund durchpflügt von Panzerketten. Brandgeruch liegt über allem. Schwer vorstellbar, aber tausendfach hat es das gegeben und gibt es das bis heute. Als der Dichter und Komponist Matthäus Apelles von Löwenstern im Jahr 1644 eine Sammlung seiner Lieder und Melodien herausgab, da hatte er auch zerstörte Landschaften vor Augen und dazu den beißenden Geruch von verbrannten Städten und Dörfern in der Nase. Er sehnte sich, wie so viele seiner Zeitgenossen nach über einem viertel Jahrhundert Krieg in Mitteleuropa verständlicherweise nach dem Frieden. Er kannte die Klagen: Mein Gott, wie lange noch? Kümmert es dich denn nicht, wie es uns geht? Siehst du nicht unsere Verzweiflung, unser Elend? Gib endlich Frieden.
Neben dieser Klage steht aber in seiner Sammlung auch der Ruf, in den Lobpreis von Gottes Barmherzigkeit einzustimmen. Was wir darin finden ist erstaunlich. Angesichts der brachliegenden Felder und Wiesen, denen die Menschen fehlen, die sie bestellen könnten, angesichts der leeren Ställe und verwilderten Weiden, auf denen keine Kühe mehr grasen, die Milch geben könnten lässt der Dichter sich zu solchen Worten hinreißen:
Sprecherin: Er gibet Speise reichlich und überall, nach Vaters Weise sättigt er allzumal; er schaffet frühn und späten Regen; füllet uns alle mit seinem Segen, füllet uns alle mit seinem Segen.
Autor: Wie kann dieser Mann ein solches Lied anstimmen? Spricht nicht die ganze Situation seiner Zeit eine andere Sprache? Muss das seinen Zeitgenossen nicht wie ein Hohn vorkommen, gewissermaßen ein Schlag ins Gesicht sein? In einem Buch der Bibel heißt es:
Sprecherin: Wer kann den Höchsten loben bei den Toten? Denn allein die Lebendigen können loben; die Toten, die kein Leben haben, können nicht mehr loben. Darum: wer lebt und gesund ist, der lobe den Herrn! (Jesus Sirach 17,25-27)
Autor: Wer lebt und gesund ist
Kein Wunder, dass es dem Chor derer, die Gottes Barmherzigkeit preisen sollen, dann wohl häufig an Stimmen und an Wohlklang mangeln muss. So oft klingt es ganz anders auf der Erde. Als besonders eindringlich und aufwühlend kommen mir die Worte des Kriegsheimkehrers Beckmann aus Wolfgang Borcherts Drama Draußen vor der Tür in den Sinn:
Sprecher: Und da kommt auch ein alter Mann, der sieht aus wie der liebe Gott. Ja, beinahe wie der liebe Gott. Wer hat ihn eigentlich so genannt: "lieber Gott"? Die Menschen? Ja? Seltsam, ja, das müssen ganz seltsame Menschen sein, die ihn so nennen. Das sind wohl die Zufriedenen, die Satten, die Glücklichen und die, die Angst vor ihm haben. Die im Sonnenschein gehen, verliebt oder satt oder zufrieden -- oder die es nachts mit der Angst kriegen, die sagen: Lieber Gott! Lieber Gott! Aber ich sage nicht Lieber Gott, ich kenne keinen, der ein lieber Gott ist!
Autor: Kann man einfach zur Tagesordnung übergehen und Loblieder auf Gott singen, wenn das Leid maßlos wird, wenn die Schlagzeilen von Hunger, Krieg, Terror, Umwelt- und Klimakatastrophen beherrscht werden? Wo warst du da lieb, lieber Gott? fragt Beckmann und zählt seine schlimmen Bilder auf. Weiß denn keiner eine Antwort? Das alte Lied von Löwenstern kann diese Fragen auch nicht beantworten, aber es rührt an ein Geheimnis, das es neu zu entdecken gilt. Choral: (Satz 1): 2. Der Herr regieret über die ganze Welt; was sich nur rühret, alles zu Fuß ihm fällt;viel tausend Engel um ihn schweben, I: Psalter und Harfe ihm Ehre geben.
Autor: Der Liederdichter sieht eine andere Wirklichkeit. Er schaut in Gottes Welt, in der ihm die Mächte, die ihn umgeben, unaufhörlich die Ehre geben, während auf der irdischen Welt, tagtäglich Gottes Ehre geleugnet und mit Füßen getreten wird. Er macht die Erfahrung, dass dann, wenn aufgehört wird, Gott die Ehre zu geben, über kurz oder lang die Ehre des Menschen auch nichts mehr gilt Der Philosoph Karl Jaspers hat schon zwischen den beiden Weltkriegen hellsichtig gesagt:
Sprecher: "Es gibt keinen Gott, ist der anschwellende Ruf der Massen; damit wird auch der Mensch wertlos, in beliebiger Zahl hingemordet, weil er nichts ist.
Autor: Und auch das lehrt uns die Erfahrung: Wenn die Menschen nicht mehr von der Barmherzigkeit Gottes überzeugt sind, dann wird bald das Zusammenleben miteinander unbarmherzig sein. Dann braucht es keinen Krieg und auch keine große Klimakatastrophe um die wunderbare Schöpfung Gottes zu zerstören, dazu reichen schon die tagtäglichen Rücksichtslosigkeiten und Selbstherrlichkeiten aus. Aber umgekehrt, wenn Gott gelobt wird, wenn er als der barmherzige Herr über die ganze Welt gepriesen wird, dann verändert sich unser Blick in die Welt und auf die Menschen. Ja, schließlich verändert sich auch der Blick auf uns selbst.
Darin liegt die Chance des neuen Anfangs, das macht Lebenskorrekturen möglich. Neu anfangen wer hat davon nicht immer schon geträumt? Und das ganze Geheimnis liegt darin: Gott loben, ihn preisen und ehren, damit die ganze Schöpfung ein Abbild der wunderbaren Barmherzigkeit ihres Schöpfers ist. Gott will uns dabei entgegenkommen. In der Bibel lese ich:
Sprecherin :Gott hat Geduld mit den Menschen und schüttet seine Barmherzigkeit über sie aus. Er sieht und weiß, wie bitter ihr Ende ist; darum erbarmt er sich umso herzlicher über sie. Die Barmherzigkeit eines Menschen gilt allein seinem Nächsten; aber Gottes Barmherzigkeit gilt der ganzen Welt. Er weist zurecht, erzieht und belehrt und führt zurück wie ein Hirt seine Herde. (Jesus Sirach 18,11-13)
Choral (Satz 1) Drum preis und ehre seine Barmherzigkeit; sein Lob vermehre, werteste Christenheit! Uns soll hinfort kein Unfall schaden; freue dich, Israel, seiner Gnaden, freue dich, Israel, seiner Gnaden!
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach über den Choral Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit. Es sangen der Kammerchor des Aachener Bachvereins unter der Leitung von Wolfgang Karius und die Gächinger Kantorei unter der Leitung von Helmuth Rilling.
Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit (eg 502)
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