Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.07, Pfarrer Erhard Ufermann

Man sieht nur die im Licht

Die Gegend hieß Galiläa. Eine armselige, eine dunkle Gegend am Rande der Welt – kurz vor dem Bretterzaun.

Hier hatten immer wieder Kriminelle und Terroristen untertauchen können. Die Provinz war bekannt dafür, dass dort Menschen lebten, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen. So wie es in jeder Stadt Straßenzüge und Stadtteile gibt, in denen man besser nicht wohnt, wenn man Arbeit sucht. Jeder kennt sie, und manche sagen „Ghetto“ dazu.

Heute wie damals machen die Leute Witze über so eine Gegend. Witze können helfen, sich zu distanzieren: „Was kann aus Galiläa – Was kann aus Köln-Chorweiler, was kann aus Duisburg-Marxloh schon Gutes kommen?!“

Galiläa – eine gottverlassene Gegend! Als eines Tages Johannes, ein Freund Jesu, von der Polizei verhaftet wird, flüchtet Jesus in diese Gegend, um unterzutauchen. Von hier aus forderte er die Menschen zum ersten Mal öffentlich auf, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Warum ausgerechnet Galiläa? Warum fing Jesus nicht in der Hauptstadt an, seine Visionen zu entwickeln? Im Zentrum der Politik? Oder im Tempel? Warum ausgerechnet Galiläa, was ihn damals wie heute immer wieder als Terrorist bzw. Revolutionär verdächtig erscheinen lässt?

Weil Gott dort Licht ins Dunkel bringt, wo die politisch und wirtschaftlich Mächtigen nichts Gutes erwarten. An Orten und zu Zeiten, die der Gottlosigkeit verdächtigt werden. Dort taucht Gott unter. „Euch, die Ihr am Ort und im Schatten des Todes sitzt, Euch ist ein Licht aufgegangen!“ so schrieb schon 800 Jahre zuvor Jesaja, ein Mann, der laut – unbequem laut – seine Visionen von Zukunft träumte.

Am Rande der Welt geht das Licht Gottes auf. Unsere üblichen Maßstäbe von hell und dunkel, von oben und unten geraten durcheinander. Die Letzten sind plötzlich die Ersten. Menschen, vor denen uns gestern noch unsere Eltern gewarnt haben, sind heute plötzlich wichtig. Nicht als Objekte sozialpolitischer oder kirchlicher Mildtätigkeit, sondern um unseretwillen – für unsere Orientierung. Um Gottes willen. Weil Gott sich mit ihnen identifiziert.

Als Gefängnispfarrer saß ich mal mit einem gläubigen Moslem aus Palästina vor seiner Abschiebung auf seiner Zelle. Er lud mich zum Tee ein. „Ich möchte den Menschen hier in Deutschland, die gut zu mir waren, ein Geschenk machen“, sagte er. „Ich besitze zur Zeit nichts. Aber ich habe mir überlegt, ob ich als Gefangener nicht mein Blut spenden kann. Für andere Menschen in Not wird es Leben bedeuten.“

Ich musste erheblich schlucken. Mir ging durch den Kopf, dass Jesus aus Palästina kam und vielleicht genauso schwarz war wie mein Gegenüber. Und dass Jesus für seine Menschenliebe und seine Visionen bluten musste. Dann sagte ich, dass ich mich erkundigen würde, ob Gefangene Blut spenden dürften.

Man sieht nur die im Licht, die im Dunkel sieht man nicht. Die gottverlassene Gegend Galiläa entpuppt sich als Hochburg Gottes. Der Mittelpunkt christlichen Glaubens findet sich am Rand. Unerwartet geht das Licht Gottes auf bei denen, die auf der Schattenseite des Lebens leben. Von dort nähert sich Himmelreich: verwechselbar, manchmal aggressiv oder subversiv, manchmal entwaffnend klar und zärtlich. Daß auch sie eine unerwartet zärtliche Begegnung haben, möglicherweise an einem für Sie unerwarteten Ort, das wünsche ich ihnen.

Audiobeitrag Man sieht nur die im Licht


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