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Gott sieht dich
Anna ist morgens immer die erste im Kindergarten. Zusammen mit Kevin. Obwohl es noch früh ist, übernimmt sie gerne das Kommando.
An Selbstbewußtsein scheint es ihr nicht zu mangeln. Die wird bestimmt mal Managerin bei Siemens, erzählt die Erzieherin gerne hinter vorgehaltener Hand. Komm, wir spielen Vater, Mutter Kind, sagt Anna. Ich bin die Mutter, du bist das Schulkind und der Papa ist tot. Das ist bei Anna immer so. Ihr Vater ist immer tot, obwohl er das gar nicht ist. Aber Annas Vater ist viel auf reisen. Anna war noch nie bei Kevin zu Hause, dabei ist er ihr bester Freund. Aber Mama sagt, das passt nicht.
Außerdem hat Anna nachmittags nie Zeit. Am Montag hat sie immer Englisch. Das lernt sie schon, seit sie drei ist. Da sprach sie zwar noch kein Deutsch, aber das sei egal, hatte die Englischlehrerin gesagt. Schließlich gehe es um die Synapsen. Die sollen sich im Gehirn verknüpfen. Und das gehe am besten, mit der power point Präsentation.
In sekundenschnelle fliegen Vögel über die Leinwand: Pelikane, Sperlinge, Kraniche und Adler. Dazu ertönen die englischen Vokabeln. Manchmal wird Anna ganz schwindlig von den vielen Bildern und den komischen Wörtern. Aber sie sagt nichts, immerhin ist sie ja schon vier. Dienstags ist sie dann in der Musikschule und lernt Klavier. Die weißen und schwarzen Tasten zu treffen ist ganz schön schwierig, ihre Hände sind ja noch viel zu klein. Aber die Lehrerin kommt aus Rußland und da ist das auch so. Da spielen vierjährige auch Klavier und werden später berühmt. Und so geht das dann die ganze Woche: Mittwochs geht sie zur Ballettschule, donnerstags zum Malen und freitags zum Yoga, weil sie immer so hibbelig ist. Da gibt es eine Übung, die macht ihr richtig Spaß. Ihr seid jetzt alle Kinder, sagt dann die Lehrerin. Und dann legen sich alle auf den Bauch, ziehen ihre Beine an, und legen die Arme neben sich, die Stirn auf den Boden. So war das bestimmt bei Mama im Bauch, denkt Anna dann und schließt die Augen.
Nach dem Yoga muss sie jetzt immer zu Frau Meier. Die macht alle möglichen Übungen/Tests mit ihr, denn Anna soll mit fünf in die Schule. Was sie nicht versteht, ist die Sache mit Kevin. Der muss nicht zu Frau Meier und darf trotzdem mit fünf in die Schule. Obwohl er kein Englisch und kein Ballett macht. Das findet Anna ungerecht.
Am Sonntag geht sie in den Kindergottesdienst. Beim letzten Mal haben sie gespielt, daß sie in einem Land sind, das Paradies heißt und da durften sie selbst bestimmen, was sie machen wollten. Anna hatte ganz viele Ideen. Sie wollte am Montag zum Kevin, am Dienstag auf den Spielplatz und am Mittwoch zum Schwimmen. Und dann wollte sie den Rest der Woche einfach zu Hause bleiben und Vater, Mutter, Kind spielen - mit Mama und Papa.
Die anderen Kinder hatten auch ganz viele Ideen. Nichts Verbotenes oder so. Und dann hat Pfarrerin gesagt: Gott hat euch eben zugehört, jedem einzelnen von euch. Ganz genau. Er hat nämlich immer ein offenes Ohr für das, was ihr wirklich wollt. Denn er ist ein Gott, der euch hört und sieht. Ob Gott einen denn auch lieb habe, wenn man kein Englisch könne, wollte Anna wissen. Frau Müller hat genickt. Zu Hause hat Anna dann Mama und Papa vom Paradies erzählt. Daß Gott einen immer hört und sieht und einen lieb hat einfach so. Da haben Mama und Papa gelächelt und dann haben sie den ganzen Tag Vater, Mutter, Kind gespielt.
Gott sieht dich
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