Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.09.07, Mark Pollmeier

Schuld und Sühne

Vor zwei Wochen hatte meine Oma Geburtstag. Nachmittags bin ich hingefahren, um zu gratulieren. Als ich bei ihr ins Wohnzimmer kam, waren dort alle wild am Diskutieren.

Thema: der Kannibale von Wien. Ein 19-jähriger soll dort einen Obdachlosen erschlagen und dann verspeist haben.

Das allgemeine Entsetzen und Sich-ekeln hatte die Runde wohl schon hinter sich. Jetzt wurde bei einem Stückchen Kuchen darüber geredet, was man mit so einem wohl am besten machen sollte. Und da gingen die Meinungen ziemlich auseinander.

Für die einen kam nur Wegsperren in Frage, „am besten für immer.“ „Aber keinen warmen Therapieplatz!“, meinte ein anderer, „der soll schön in den Knast gehen“. „Wenn er doch aber nicht ganz richtig ist im Kopf?“, fragte meine Oma. „Er hat den anderen aufgegessen, der muss doch krank sein!“ „Ja, willste ihn deshalb laufen lassen?“, rief eine aus der Wegsperren-Fraktion. „Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?“

Irgendwann hatten alle ihren Senf dazu gegeben, und es entstand eine kleine Pause. Und in diese Stille hinein sagte eine der alten Damen: „Na ja, irgendwann wird er ja vor seinem Herrgott stehen.“ Allgemeines Kopfnicken, und damit war das Thema dann auch durch. Denn eins schien allen klar zu sein: Eine echte, umfassende Gerechtigkeit, die gibt es nur bei Gott.

Sprecherin: Christiane Birgden

 

Audiobeitrag Schuld und Sühne


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