Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.09.07, Pfarrer Jens Burgschweiger

Kinderzeichnung

Was wird uns alles eingeredet, was wir nötig hätten. Jede Menge Anschaffungen und Ertüchtigungen und Reisen und Spaß bis die Schwarte kracht.

Sprecher: „Du hattest ein viereck gemalt, darüber ein dreieck, darauf (an der Seite) zwei Striche mit rauch - fertig war DAS HAUS. Man glaubt gar nicht, was man alles nicht braucht.“

Autor: „Kinderzeichnung“ hat Reiner Kunze sein kleines Gedicht überschrieben. Da hat ein Kind ein Haus gemalt - „Das Haus“ des Lebens. Ein Viereck, ein Dreieck und Schornsteinrauch. Das Viereck – die offene Tür, Wände der Verläßlichkeit, die alles tragen. Zugang zu Räumen, wo ich willkommen bin. Denn wer Offenheit erlebt, kann sich selber öffnen. Auch anderen gegenüber in einer Welt, wo alle immer mehr zusammenrücken. Das Dreieck – ein bergendes Dach über dem Kopf, das mich beschützt, auch meine Sehnsucht nach Ruhe und Alleinsein, nach Schlaf und Traum, nach Liebe und Ausgelassensein.

Wer sich geborgen weiß, kann selber die Arme ausbreiten. Unter dem Dach des Friedens, unter dem Platz ist für sehr unterschiedliche Bewohner. Der Rauch – Zeichen, dass geheizt und gekocht wird. Der Hunger muss gestillt werden – und auch der Kopf soll ruhig rauchen, bis gute Gedanken aufsteigen. Viel brauche ich nicht, sagt die Kinderfantasie. Vielleicht noch einen Hasen zum Anschmiegen, einen Baum zum Klettern, einen Freund zum Spielen, ein Bilderbuch zum Blättern. Und eine Hand. Zum Anfassen. Für die Angst.

Doch dann flutet die Werbung heran. Dann warten die Kaufhäuser. Dann kommen die Einflüsterungen der anderen: Das brauchst du noch, und jenes und dieses unbedingt. Und das Kind glaubt es und wir glauben es. Bis wir durch eine Kinderzeichnung vielleicht wieder neu nachdenken über die Frage, was wir für das Haus unseres Lebens und  zum Glücklichsein wirklich brauchen. Das heißt natürlich, dass ich angeschlossen bin an meine eigenen Wünsche. Was macht mir Freude? Wonach sehne ich mich wirklich? Hilfreich ist weniger Zerstreuung und mehr Hinfühlen, mehr merken, was mir gut tut. Bei allen Lockrufen einen Augenblick lang einzuhalten: „Moment mal! Was dir da angeboten und eingeschmeichelt wird, willst du das denn?“

Das ist jetzt gar nicht mal nur in materieller Hinsicht gemeint. Die Frage ist ja auch: Brauche ich meine Feindbilder, meine Ideologien, meine Vorurteile? Brauche ich wirklich die Klischees, die Schwarz-Weiß-Malereien, das Geheule mit den Wölfen? Und brauche ich mein Besserwissen? Meine Empfindlichkeiten? „Du hattest ein viereck gemalt, darüber ein dreieck“ - eine Tür des Vertrauens, ein Dach der Aufmerksamkeit, ein Feuer der Freundschaft – viel mehr braucht man kaum. Denn: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“

Audiobeitrag Kinderzeichnung


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