Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.09.07, Pfarrerin Sabine Haupt-Scherer

Die Hexe von En-Dor und der König Saul

Er war ein König, der zeit seines Lebens mit Depressionen zu tun hatte. Mit hohen Idealen und einem unglücklichen Leben - pflichtbewusst bis zum Fanatischen:

Saul - der erste König Israels. Er wollte nicht reich und mächtig sein wie David nach ihm. Er wollte einfach nur ein guter Mensch sein. Er wollte alles richtig machen und hat sich gerade darum verstrickt.

Sie war – man weiß es nicht so genau – eine Geister- oder Totenbeschwörerin, vielleicht eine spirituelle Heilerin, eine professionelle Beraterin oder einfach eine weise Frau. Eine zu der man ging, wenn man Hilfe brauchte. Manchen schien sie gefährlich. Ihr Name ist nicht überliefert. Später nannte man sie die Hexe von En-Dor. Beide begegnen sich - mitten in der Nacht. Beide ängstigt diese Begegnung zutiefst, aber sie schafft Klarheit.

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer, mein Name ist Sabine Haupt-Scherer. Ich bin Pfarrerin auf dem Jugendhof Vlotho, dem Bildungszentrum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Als Saul nach En-Dor kommt, hat er den Höhepunkt seiner Macht längst überschritten. Vorbei sind die Zeiten, in denen er selbstbewusst herrschte - im Einklang mit sich und seinen Idealen. In denen er Wahrsager und Totenbeschwörerinnen aus dem Land vertrieben hatte. Vorbei die Zeiten, in denen der zu wissen glaubte, was Gott von ihm wollte. In denen er Gottes Stimme zu hören glaubte.

Vorbei die Zeiten des militärischen Erfolgs: Zu übermächtig ist das Heer der Philister. David, mit dem Saul in einer eigentümlichen Hassliebe verbunden war, hat sich auf die Seite der Feinde geschlagen. Sauls politisches Schicksal ist besiegelt. So ist Saul nach En-Dor gekommen, weil er sich einem großen Kampf gegenübersieht und der scheint aussichtslos.

Und da ist noch etwas, das Saul schwer im Magen liegt: Der Priester Samuel ist gestorben, der ihn zum König gemacht hat. Zwar war Sauls Verhältnis zu ihm immer schwierig gewesen. Denn Samuel hatte gar keinen König in Israel gewollt. Gott sollte alleine Herrscher sein. Aber das Volk hatte einen König gewollt und Samuel hatte schließlich nachgegeben. Recht war es ihm nie gewesen. Und der fromme König Saul hat zeitlebens darunter gelitten, dass er den Priester Samuel gegen sich hatte. Trotzdem ist Samuels Tod keine Entlastung für Saul. Denn Samuel war für ihn immer noch einer, der wusste, wo`s lang geht. Jetzt ist niemand mehr da, der ihm raten könnte. Niemand mehr, durch den Gott zu ihm spricht. Saul ist verzweifelt. Er fühlt sich alleingelassen. Von Gott verstoßen. Es ist letztlich dies Schweigen Gottes, an dem Saul zerbricht.

In seiner Verzweiflung ist er bereit, seine Prinzipien zu verraten. Jetzt ist ihm alles recht! Wenn nur die Unsicherheit und das Schweigen ein Ende hat. Saul lässt nach einer Totenbeschwörerin forschen. Unerkannt und verkleidet will er dort Rat suchen. Jetzt werden sich ihre Wege kreuzen: die des tragischen Königs und der Frau von En-Dor.

Musikeinspielung

Was sie für ihn tun kann, ist begrenzt. Als sie den verkleideten König erkennt, weiß die Frau von En-Dor: sie schwebt in großer Gefahr. Denn sie steht dem Mann gegenüber, der sie bei Androhung des Todes vertrieben hat. Aber sie sieht auch die Verzweiflung des Königs. Und sie lässt sich anrühren. So begleitet sie Saul auf seinem Weg in die Vergangenheit.

Der will nur eins: Endlich die Stimme Gottes wieder hören. Endlich wieder in Beziehung sein. Und dazu ist ihm inzwischen jedes Mittel recht. Und weil sich Saul Gottes Stimme nur durch Orakel, Träume, Priester oder Propheten vorstellen kann, bittet er die Frau von En-Dor, den toten Samuel aufsteigen zu lassen. Und der erscheint auch. So erzählt es die Bibel.

Da ich nicht an Magie glaube, kann ich mir das nicht anders vorstellen, als dass die Frau in der Lage war, mit Saul so zu sprechen, dass all seine Ängste und die Schatten seiner Vergangenheit in diesem Gespräch auftauchten und Platz fanden und besprechbar wurden.

In seiner Phantasie kann Saul Samuel die Frage stellen, die er ihm in der Realität nicht stellen kann: „Was soll ich tun?“ Und Saul hört Samuel aus dem Reich der Schatten bestätigen, was er in seinem Innern schon weiß: „Schon morgen wirst du mit deinen Söhnen gestorben und dein Heer besiegt sein.“ Man muss kein Prophet sein, um das vorauszusagen, so verfahren ist die Lage.

„Warum nur?“Wie viele vor ihm und nach ihm sucht Saul verzweifelt nach einer Erklärung. Was hat er nur falsch gemacht? Sollte das die Strafe sein, dass er im Heiligen Krieg nicht alle Gefangenen hatte töten lassen, wie es der Priester befohlen hatte. Sollte das die Strafe für Mitleid und Menschenfreundlichkeit sein? Saul klammert sich an diesen Gedanken, weil er unbedingt verstehen will. Weil er einen Grund braucht, um es ertragen zu können.

Was folgt, ist erschütternd: Der König sinkt in den Staub, am Boden zerstört. Im Gespräch wird ihm klar, wie maßlos enttäuscht er darüber ist, dass er Samuel nie für sich gewinnen konnte. Und wie bedrohend der Gedanke für ihn ist, auch Gott habe ihn abgelehnt. Panik steigt in Saul auf. Sein Körper versagt ihm den Gehorsam. Saul erstarrt, um endlich nichts mehr fühlen zu müssen, endlich nicht mehr im Kontakt sein zu müssen mit der Gegenwart und der Umwelt, die für ihn zur Hölle geworden ist.

Ihm das ausreden, hieße, ihm den letzten Halt nehmen. Ihn zu retten ist unmöglich. Was bleibt, ist ihn zu stärken für seinen letzten Weg. Was bleibt, ist: in Verbundenheit und Fürsorge an seiner Seite zu bleiben. Das Leben zu teilen bis zum letzten Atemzug. So kocht und backt die Frau von En-Dor für den König und überredet ihn zum Essen.

Mitten im Horror des Krieges, der Verachtung und der Verzweiflung: ein kleiner, fast zärtlicher Augenblick. Ein Moment, in dem das Leben, die Gastfreundschaft und die Nächstenliebe geachtet werden, in dem die Frau alles für ihn auftischt, was sie hat. Ein Moment, in dem der König nichts tun muss, um sich die Achtung zu verdienen, in dem er, als ein Mensch behandelt wird, der es wert ist, geschätzt zu werden. Ein winziger Moment, in dem zwei Menschen, die sich fremder nicht sein könnten, sich stärken, achten, stehen lassen und wieder loslassen können unter Todesgefahr.

Und der König geht fort in der Nacht. Das Unabwendbare geschieht. Das Zittern ist der Klarheit gewichen. Saul fügt sich ins Unabänderliche mit Würde. Als kein Ausweg mehr bleibt und die Feinde übermächtig sind, stürzt er sich in sein eigenes Schwert. So geht ein menschenfreundlicher und idealistischer König in den Tod, der die Menschen über die Gebote seiner Zeit gestellt hat. Der stets das Gute gewollt hat und doch gescheitert ist. Eine tragische Figur. Er macht Platz für den Pragmatiker, für den raffinierten David.

Musikeinspielung

Saul ist eingegangen in die Geschichte als der erste und der tragische König Israels, der schließlich im Glanz seines Nachfolgers David verblasst. Von der Frau aus En-Dor, als Hexe diffamiert wie viele Frauen nach ihr, bleibt nur ein Hauch, eine kleine Geschichte in der Bibel.

Geblieben sind auch die Fragen, die beide in dieser Begegnung umtreiben: Wie ist das, wenn es gefährlich wird, wenn mein Leben ernsthaft bedroht ist? Wo suche ich, wo finde ich Sicherheit? Wie gehe ich mit einem Schicksal um, dass mir nicht freundlich entgegenkommt und das doch unabänderlich ist? Was tun, wenn ich gerade dann die Stimme Gottes nicht hören kann – wenn mir jede Gewissheit verloren geht und sich das Schweigen Gottes über alles legt?

Die Geschichte von der Begegnung des verzweifelten Königs mit der Frau von En-Dor zeigt: Gott lässt sich nicht zwingen. Auch wenn Saul sich an diese letzte Hoffnung geklammert hat: Gott lässt sich nicht finden bei den Toten oder durch Riten der Beschwörung. Manchmal ist nur eins möglich: das Schicksal anzunehmen, die Bedrohung, die unheilbare Krankheit, die Einsamkeit, vielleicht sogar den Tod.

Und dann ist es gut, einen Menschen zu haben - jemanden, der da ist und begleitet, der einen in der Mitte der Nacht nicht allein lässt, der das Leben teilt bis zum letzten Atemzug. An dessen Hand man dem Schicksal ins Auge sehen und das Schweigen Gottes ertragen kann.
Dann ist es gut, wenn das, was geschehen ist, noch einmal Raum finden kann. Wenn die eigene Vergangenheit besprochen werden kann, wenn jemand die Erinnerungen teilt, die Wut, die Not und die Angst vor der Zukunft. Wenn Leben und Sterben begleitet wird.

Stabilisierung im Alltag ist dann notwendig, Versorgung unspektakulär aus dem Hintergrund. Dem Leben in der Gegenwart und dem Gefühl wieder Raum geben. Seelsorge leisten, die mitleidet. Die den Augenblick achtet gegen die Übermacht von Vergangenheit und Zukunft, die sich von Vergeblichkeit nicht schrecken lässt. Gut, wenn jemand da ist, der das leisten kann. Oft sind das Menschen, von denen man das gar nicht vermutet: Menschen etwa, die man von sich gewiesen oder zum Feind erklärt hat. Solche Begegnungen können trösten selbst dort, wo das Schweigen Gottes bleibt. Wo es vielleicht nur noch darum geht, dies gemeinsam auszuhalten. So wächst eine Beziehung zwischen Menschen in aller Not, die sie verbindet und doch Abstand zwischen ihnen hält, die Raum gibt für die Heilung der verletzten Seelen. In solchen Begegnungen könnte Gottes Nähe spürbar werden.

Ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, und wünsche ihnen noch einen schönen Sonntag mit hilfreichen Begegnungen. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich bin Pfarrerin der Evangelischen Kirche und wohne in Bielefeld.

Musikeinspielung

Audiobeitrag Die Hexe von En-Dor und der König Saul


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