| |
Tenniseltern
Los Bianca, kämpf noch mal ruft die Mutter. Bianca wischt sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn, zieht ihren Pferdeschwanz straff
greift nach dem Schläger und klatscht sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Komm jetzt!, feuert sie sich mit routinierter Entschlossenheit an, während sie gleichzeitig ihren Oberkörper nach Vorne beugt, um in gebückter Lauerstellung an der Grundlinie den Aufschlag ihrer Gegnerin zu erwarten. Bianca ist 12. Und eine von vielen Hundert Nachwuchshoffnungen im Deutschen Tennis. Und Biancas Mutter ist eine von vielen Hundert Tenniseltern, die mit ihren Kindern Wochenende für Wochenende quer durch Deutschland von Turnier zu Turnier reisen. In den Ferien sowieso.
Bianca lebt für ihren Sport, sagt ihre Mutter. Und dass sie ihre Tochter eher bremsen muss. Natürlich fiebert man als Mutter schon mit. Aber wenn Bianca verliert, ist das auch nicht tragisch, sie soll ja schließlich kein Profi werden, fügt sie lachend hinzu. Und wer die kleine agile Frau mit den lebenslustigen Augen sieht, glaubt ihr das auf's Wort.
Sport fördert die Konzentration, stärkt Willen und Einsatzfreude, und dient nicht zuletzt der Gesundheit. Und kann - wie Biancas Mutter betont - Jugendliche in einem gewissen Alter davon abhalten, dass sie auf dumme Gedanken kommen. Doch nicht alle Tenniseltern sind wie Biancas Mutter. Gut vier Jahre ist es jetzt her, dass ein französischer Tennisvater die Gegner seines Sohns betäubte. Mit Anti-Stress Tabletten, die er vor dem Match in die Wasserflasche der Kontrahenten schüttete, sicherte er seinem eher durchschnittlich begabten Filius die Erfolge, die er sich als Vater so sehr wünschte. Ein Extrembeispiel, sicher. Dieser Vater war wirklich verrückt. Aber wer die Szene kennt, weiß, wie viele überehrgeizige Eltern es gibt, die ihren Kindern die Hölle heiß machen, bis so mancher kleine Nachwuchs-Boris eines Tages unter dem Erwartungsdruck zusammenbricht.
Jennifer Capriati startete 1990 mit 13 Jahren und 11 Monaten mit einer Ausnahmegenehmigung ihre Profi-Karriere. Als 16jährige holte sie gegen Steffi Graf den Olympiatitel. Doch der Dream Teen, wie sie die Medien bezeichneten, hob ab: Diebstahl, Sex und Drogenaffären. Vorläufiges Ende der Tenniskarriere.
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele - vielleicht sollte man dieses Bibelwort allen Tenniseltern, ja überhaupt allen Eltern, deren Kinder Leistungssport betreiben ins Stammbuch schreiben. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.
Schön, wenn Eltern ihre Kinder fördern. Noch schöner, wenn Eltern bereit sind, etwas zu investieren - vor allem ihre Zeit -, damit sich ein besonderes Talent weiter entwickeln kann. Erfolg, ja aber nicht um jeden Preis. Die Seele des Kindes ist zu kostbar. Bianca hat ihr Match verloren und hockt, den Kopf ins Handtuch vergraben, auf der Bank.
Komm, sagt Biancas Mutter und streicht ihr über die Schulter - sei nicht traurig. Du hast gut gespielt. Und alles gegeben. Einer kann nur gewinnen. Bianca frustet noch ein bisschen vor sich hin ein paar Minuten später sieht man sie aber schon wieder lachend mit ihrer Mutter Eis essen.
Tenniseltern
|