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Multikulti
Liebe Hörerinnen und Hörer, für uns hier in Deutschland ist heute ein ganz normaler Donnerstag. Aber für einen Teil unserer Mitbürger, für manchen Nachbarn,
manchen Kollegen, für viele Kinder und Familien in den Schulen und Kindergärten, ist heute schon ein besonderer Tag. Für gläubige Muslime nämlich. Für die beginnt heute die Fastenzeit, der Fastenmonat Ramadan. Einen Monat lang fasten jetzt alle gesunde erwachsene Muslime von der Morgendämmerung bis zum Untergang der Sonne. Am Abend sitzt man dann im Kreis der Verwandten, Nachbarn und Freunde zusammen zum Fastenbrechen. Wie bei unseren christlichen Fastenzeiten vor Ostern und im Advent auch, ist dieser Monat eine Zeit der Umkehr und der Versöhnung. Die Abendstunden soll man nutzen, um wieder Frieden zu stiften.
Und nach dem jüdischen Kalender fängt heute das neue Jahr an. Als Jude feiert man Rosch Haschana. In den Wochen vorher, also noch im zu Ende gehenden Jahr nach jüdischer Zählung, schickt man sich Grußkarten mit guten Wünschen für das kommende Jahr. Diese Wünsche werden auch im Gottesdienst in der Synagoge gewechselt, bevor man zur Familienfeier nach Hause geht. Die folgenden neun Tage dienen der Besinnung und Einkehr. Wie wir das im christlichen Jahreslauf in der Zeit zwischen den Jahren auch tun, denkt man über das vergangene und das beginnende Jahr nach. Und am zehnten Tag wird dann das höchste jüdische Fest gefeiert: Jom Kippur, der große Versöhnungstag.
Spannend, nicht, wie sich manche unserer Feste und Zeiten im Jahreslauf ähneln. Das zeigt die Verwandtschaft zwischen den drei Religionen. Es ist außerdem gut, über die Feste der andersgläubigen Mitbürger bei uns Bescheid zu wissen. Man versteht einfach manches besser. Zum Beispiel wundert man sich nicht mehr, wenn momentan zum Kindergarten- oder Schulfest kaum muslimische Eltern kommen. Und einige ihren Beitrag für´s Büffet zwar vorbeibringen alle Achtung- aber dann wieder gehen. Wer fastet, der wird sich nicht einen ganzen Nachmittag lang dem Duft von Würstchen und Waffeln aussetzen. Am Besten wäre natürlich, wir würden irgendwann in der muslimischen Fastenzeit gar nicht mehr solch ein Fest planen. Zumindest wenn wir möchten, dass alle miteinander feiern. Die jüdische Kultur ist uns, glaube ich, noch weniger vertraut. Weil wir einfach nicht mehr mit so vielen jüdischen Mitbürgern in Kontakt kommen. Zu wünschen wäre es, auch sie bewusster wahrzunehmen. Als ich vor vielen Jahren öfter ´mal in Paris war, hat mich am meisten an dieser Stadt beeindruckt, dass jede der drei Religionen da ihren Platz hat. Im jüdischen Viertel gab es Falafel und andere koschere, also nach jüdischen Speisevorschriften zubereitete, Gerichte. Und natürlich waren samstags, also am Sabbat, die Geschäfte geschlossen. Um die Moschee herum war das muslimische Viertel, wo man auf einen Pfefferminztee gern gesehener Gast war. Da war am Freitagabend alles zu. Und das mitten in dem christlichen Umfeld, in dem damals zumindest noch der Sonntag ganz klar der freie Tag in der Woche war.
Mag sein, dass das heutzutage auch nicht mehr so spannungsfrei und reibungslos funktioniert. Ich empfinde es als Bereicherung, wenn jede Religion in Reinkultur vertreten ist. Wenn Integration nicht heißt, alle müssen sich ausschließlich nach der in unserem Falle christlichen- Mehrheit richten. Und ich sehe darin einen Ansporn, auch unseren christlichen Sonntag, unsere Feiertagen und Festen wieder mehr Geltung zu verschaffen und ihre religiöse Bedeutung wieder mehr zu betonen.
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