| |
Großer Gott, steh uns bei
Großer Gott, steh uns bei! Unvergessen die Schlagzeile der Bild-Zeitung am Tag nach den Terroranschlägen von New York und Washington.
Ein Stoßgebet zu Gott als Schlagzeile, wie sie eindrücklicher nicht sein konnte. Wann hat es das sonst gegeben - ein Gebet auf der Titelseite? Selten. Aber wenn, dann so, dass es keiner vergisst, wie bei dem Zugunglück von Eschede, als ein ICE entgleiste und 100 Menschen in den Tod riss, oder der Flutkatastrophe in Südostasien, bei der über zweihunderttausend Menschen ums Leben kamen. Da lauteten die Schlagzeilen: Wo warst du, lieber Gott? und Mein Gott, warum?
Solche Stoßgebete kommen einem nicht jeden Tag in den Sinn. Erst recht nicht einem Zeitungsmacher. Glücklicherweise nicht. Aber in der Not, wenn es uns die Sprache verschlägt, wenn eine ganze Nation angesichts solcher Katastrophen in lähmender Fassungslosigkeit erstarrt, dann ist es uns aus dem Herzen gesprochen, wenn die Zeitungen ihre Überschriften in Gebete kleiden.
Irgendwo müssen wir hin mit unseren Gedanken, unseren Fragen, unseren Gefühlen von Entsetzen, Trauer, Wut, Mitleid mit den Opfern. Kein Wunder, dass viele dann an Gott denken. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, kommt die Frage nach Gott, nach einem höheren Wesen ins Spiel: Mein Gott, warum? Wo warst Du, Gott? Wer so fragt und betet, zeigt damit: Irgendwie bin ich noch dran an ihm, ich weiß nicht, ob er existiert, aber, wenn es ihn gibt: Wie kann er so etwas zulassen? Wo war er? Warum hat ers nicht verhindert? Diese Frage unterstellt, er müsste es können, wenn er denn allmächtig ist. Ist Gott allmächtig? Kann er alles so von oben dirigieren, veranlassen oder verhindern? Wenn ja, wie macht er das? Wie kann Gott einen Tsunami verhindern? Und wenn er ihn nicht verhindert, hat er ihn dann gewollt? Zweihunderttausend Tote von Gott gewollt? Ich verstehe sie gut, die klagenden Gebete mein Gott, warum?, wo warst du Gott? Aber sie führen uns nicht weiter. Großer Gott, steh uns bei! Das klingt anders. Das signalisiert: Gott, wir stehen fassungslos da, aber wir hoffen, wir vertrauen darauf, dass du uns zur Seite stehst.
Warum und Wo warst du, Gott?" auf der einen Seite - Gott, steh uns bei!" auf der anderen Seite: Zwei unterschiedliche Weisen, mit einer Katastrophe umzugehen: Hier die quälende Frage nach der Allmacht Gottes, warum lässt er das zu? - dort die vertrauensvolle Bitte: Steh uns bei!
Steh vor allem den Angehörigen der Opfer bei. Wenn es dich gibt, Gott, dann brauchen vor allem sie dich: die Freunde und Angehörigen aller Opfer von Krieg, Krankheit und Katastrophen.
Nach dem Inferno von New York, den Bildern von herabstürzenden Menschen aus den Hochhäusern, war das die Gebetshaltung von vielen. Nicht die rückwärtsgewandte Frage warum und wo warst du, Gott, sondern die nach vorne gerichtete Bitte: Gott, steh uns bei, hilf uns heraus aus der Sprachlosigkeit: Hilf uns glauben, dass kein Mensch tiefer fallen kann als in deine Hand.
Steh uns bei, heißt dann auch: Hilf uns heraus aus dem Gefühl der Ohnmacht, steh uns bei in unserem Bemühen, unserem Kampf gegen den Krieg, gegen den Terror, gegen Krankheiten oder die Ursachen von Katastrophen.
Das ist stark, ganz stark, wenn ich Gott an der Seite der Opfer wissen kann und an der Seite der Kämpfer für das Leben. Deswegen: Großer Gott, steh uns bei! Ein Gebet nicht nur für Katastrophen-Zeiten.
Großer Gott, steh uns bei
|