Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.09.07, Antje Borchers

Ich wollte gar nicht

Das jüngste »Heidelberger Konfliktbarometer« stellt fest: Die gewalttätigen Konflikte haben im vergangenen Jahr weltweit zugenommen.

Oh, oh! Werden die Konflikte in Zukunft noch mehr werden? Heute Nachmittag sendet 3sat eine Diskussion genau zu diesem Thema: Zukunft ohne Gewalt. Die These: Frieden kann man lernen. Bei uns in Deutschland werden die politischen Konflikte meistens nicht mit Gewalt ausgetragen. Viele persönliche leider doch. Auch wenn Sie und ich auf die großen Konflikte keinen Einfluss haben, so bin ich doch überzeugt: Krieg hat mit uns zu tun. Aber auch: Frieden hat mit uns zu tun.

Sind Sie persönlich gerade im Streit mit jemand? Mit dem Nachbarn? Mit einer Arbeitskollegin? Oder mit einem Ausländer in ihrem Viertel? Das sind hoffentlich alles nur »kleine« Konflikte, aber genau da fängt die Friedensschule an. Wie ich über andere rede, ob ich die Atmosphäre vergifte, ob ich auf meinem Standpunkt beharre, das entscheidet, ob es »Krieg« in der Straße oder auf der Arbeit gibt. – Ich habe mal an einem Friedenstraining teilgenommen. Da sollten wir bei einer Übung versuchen, unser Gegenüber an die Wand zu drücken. Und zwar Unterarm gegen Unterarm. Den Gegner konnte man überraschend in Schach halten, indem man einfach einen Schritt auf ihn zuging, sich dann auf dem rechten Bein um die eigene Achse drehte und, schwupp, schaute man in die gleiche Richtung. Die Unterarme nach wie vor gegeneinander gedrückt. Allerdings: Ich habe die Übung nicht hingekriegt. Nicht, weil ich die Technik nicht beherrschte. Sondern ich merkte: Ich wollte meinen Standpunkt gar nicht verlassen. Ich wollte die andere an die Wand drücken. Ich hatte Angst zu verlieren. Aber gerade in der Phase eines Konfliktes, in der die Kräfte aufeinander prallen und Gewalt droht, kann Beidrehen erst einmal helfen.

Als dann auch ich die Übung hinbekam, zeigte sich: An die Wand Drücken ist hirnlos. Stattdessen die andere Sicht wahrzunehmen, gemeinsam nach vorne zu gucken und sich miteinander zu verständigen, was man jetzt macht – das hat Sinn, denn dann können beide Seiten gewinnen. Wir mussten uns neue Techniken überlegen, was wir mit unseren Unterarmen machen. Getreu dem alten biblischen Motto: »Schwerter zu Pflugscharen umschmieden«! Wir beschlossen, nicht mehr zu drücken, reichten uns die Hand und tranken lieber einen Kaffee.

Vielleicht wenden Sie ein. »Das ist doch alles Pillepalle angesichts der Gewalt in der Welt«. Aber ich finde noch folgendes Ergebnis der Konfliktforschung interessant: Die Art der politischen Kriege hat sich in den letzten Jahren verändert. Zwischenstaatliche Auseinandersetzungen wie zuletzt der Irakkrieg bilden heute die Ausnahme. Die meisten der Konflikte mit hoher Gewaltanwendung werden innerhalb eines Staates ausgetragen. Also zwischen Bürgern ähnlich wie Sie und ich. Es geht dabei um Macht und An-die-Wand-Drücken. Also: Frieden hat mit Ihnen und mir zu tun. Nächste Woche Freitag ist übrigens der internationale Friedenstag. Ein guter Anlass, neue Techniken auszuprobieren für Frieden Zuhause und weltweit.

Audiobeitrag Ich wollte gar nicht


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