| |
Pilgern auf Französisch
Es gibt viele Gründe nach Santiago de Compostela zu pilgern, auf dem uralten Pilgerweg der Christen, dem Jakobsweg. Manche tun das sogar, obwohl sie gar nicht religiös sind.
So wie Pierre. Seine Geschichte wird in dem gerade angelaufenen Kinofilm »St. Jacques Pilgern auf französisch« erzählt. Pierre, der Manager, muss die 2000 km gehen, wenn er Millionen erben will. So hat es seine Mutter in ihrem Testament verfügt. Pierre ereifert sich gegenüber dem Notar:
Film-O-Ton: Pierre: Zuerst einmal bin ich doch gar kein Christ. Und Pilgerreisen gehen mir am Arsch vorbei, verstehen wir uns!? Dass meine senile Mutter nicht kapieren wollte, dass das Mittelalter vorbei ist, ist, verdammt noch mal, nicht mein Problem.
Autorin: Pierre geht trotzdem mit. Zusammen mit seinem Bruder, einem Alkoholiker, und mit seiner Schwester Clara, einer Lehrerin, die jeglichen »Kirchenscheiß« wie sie sagt verlogen findet. Die drei Geschwister sind seit Jahren zerstritten. Ihre erzwungene gemeinsame Reise ist entsprechend mit kleinen Prügeleien und deftigen Sticheleien garniert. Manager Pierre und Lehrerin Clara kabbeln sich, während der Reiseleiter versucht, ihnen die Wanderregeln zu erklären:
Film-O-Ton: Clara: Beleidige mich und ich hau dir eine rein. Reiseleiter: Ich hab hier das Mittagessen für uns alle: Reis, Thunfisch und Tomatensalat
Pierre: Provozier mich nicht. Reiseleiter:
Käse, Oliven und Kuchen zum Nachtisch. Clara: Ich zerfetz dir den Schädel und stopf dich in den Mülleimer. Reiseleiter: Sie kennen ja die Wanderregeln: Jeder trägt
Clara: Seinen Scheiß. Reiseleiter:
nicht mehr, als er unbedingt braucht. Clara: Sag ich doch.
Autorin: Gepäck das ist das Thema der Pilgerreise. Alle haben natürlich viel zu viel eingepackt. Denn: Was ist das, was man unbedingt braucht? Pierre jedenfalls lässt an einer abgelegenen Stelle sein halbes Gepäck zurück. Materielles ist nicht das, was er braucht. So eine Pilgerreise ist ein fabelhaftes Bild für die Lebensreise. Was ist im Leben das, was man unbedingt braucht? Was schleppen Sie so mit sich rum? Einiges davon könnten Sie bestimmt zurücklassen. Tja, aber manches muss man tragen. So wie Pierre: Dieser so erfolgreiche Manager hat nämlich keine Freunde, nur eine Frau, an der er sehr hängt, die aber trinkt.
Im Laufe der Pilgerreise erlebt Pierre das, was er wirklich braucht: Solidarität. Es geht sich leichter, wenn man miteinander teilt: das Essen und das Lebensleid. Zwar wird Pierre nicht religiös, aber er lernt den Sinn einer biblischen Lebensregel kennen. Sie lautet: »Kümmert euch um die Schwierigkeiten und Probleme des anderen, und tragt die Last gemeinsam. Auf diese Weise verwirklicht ihr, was Christus von euch erwartet. Wer sich einbildet, besser zu sein als die anderen, der betrügt sich selbst«. Pierre will darum den Weg bis zum Ende nach Santiago gehen, obwohl das Erbe schon vorher erwandert ist. Seine Schwester Clara fasst es nicht:
Film-O-Ton: Clara: Wozu denn das? Da steht doch nur ne Kathedrale, und diese Dinger stehen auch in Frankreich. Pierre: Ich habe nie was Gutes getan. Mein Leben ist eine Katastrophe, mich liebt doch niemand, nur so ne Trinkerin, die versucht, sich tot zu saufen. Darf ich nicht auch mal leben, wie ich will? Und jetzt kommt ihr und geht mir auf den Keks, wo ich zum ersten Mal etwas tue, wo ich nichts beweisen muss. Ich will nur mal unter Leuten sein.
Pierre geht tatsächlich weiter. Zu schön sein Glück, in seinem Leben einmal aufzuräumen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: Gelegenheit, um Ordnung zu machen, und: solidarische Menschen auf Ihrem Weg!
Pilgern auf Französisch
|