Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.09.07, Silke John

Mit Behinderung leben

Marie hat braune, sportlich-kurzgeschnittene Haare, braune Augen; sie ist schlank, mittelgroß; sie geht gerne aus und sie liebt in-die-Ferien-fahren über alles.

Sie wohnt in der Fondation John Bost, einer Einrichtung für körperlich-behinderte Menschen in Frankreich, in der Nähe von Bordeaux. Marie kann nicht gehen, sich nicht alleine waschen, nicht ohne Hilfe essen.

Marie kann auch nicht sprechen, aber sie kann sich sehr wohl verständigen: Mit dem Kopf nicken, den Kopf schütteln, fragend, ärgerlich oder amüsiert gucken, lachen und weinen.

Wir gehen zusammen in ein Café. Ich schütte den Kaffee in ihre Schnabeltasse. Betretenes Schweigen der anderen Cafébesucher. Versteckte Blicke in unsere Richtung. Neugier. Ein kleines Kind läuft los: „Mama, guck mal, die trinkt auch aus einer Schnabeltasse, wie ich!“ Marie lacht. Offene, freundliche Neugier ist allemal besser als dieses versteckte, beschämte Gucken.

Ich erzähle ihr, dass ich aus Deutschland komme, um die Fondation besser kennen zu lernen; ich erzähle ihr, dass mir das Französische sehr schwer fällt. Marie nickt. Sie versteht sehr wohl, was Fremdsein heißt, was es heißt, wenn man die Sprache nicht gut verstehen und sprechen kann. Marie weiß und versteht mehr, als die Welt ihr zutraut. Sie kann vielleicht nicht lesen und schreiben, kennt nicht viele Fakten, aber dafür versteht sie oftmals mehr vom Leben als mancher „normale“ Mensch.

Sprecher: Michael Birgden

Audiobeitrag Mit Behinderung leben


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