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Rituale gegen das Vergessen
Liebe Hörerinnen und Hörer, Ich hasse Rituale sagt ein strammer Mitsechziger. Hinter ihm an der Wirtshauswand ein ausgestopfter Hirschkopf und ein Gemälde
mit einem Alpensee im Abendrot. Er im Kreise seiner Wirtshausbrüder, jeder mit einem Bierkrug vor sich und in der Mitte auf dem ovalen Holztisch, neben dem Salz- und Pfefferstreuer mit Maggi und Zahnstochern ein Stammtischschild. Witzig diese Karikatur, finde ich. Sie geht mir auch nicht mehr aus dem Kopf. Denn mir geht es ähnlich wie dem, der da Rituale verteufelt und doch mit seinem urigen Stammtisch, wahrscheinlich schon seit Jahren, Woche für Woche ein Ritual vollzieht. Mit manchen Ritualen kann ich nichts anfangen. Sie kommen mir überholt vor oder sinnentleert. Und doch merke ich, feste Gewohnheiten haben durchaus ihren Sinn. Und zwar oft einen, der hinter dem verborgen ist, was man eigentlich tut. Gäbe es sie nicht, würde manches in Vergessenheit geraten.Wer weiß wie oft manch einer da abends noch mal vor die Tür käme, wenn er nicht seinen Stammtisch hätte.
Mir fällt das Händeschütteln ein als ein weiteres Beispiel. Wenn ich ein-, zwei Leute begrüße, gebe ich ihnen gerne die Hand. Oder wenn Menschen nacheinander eintreffen. Wenn ich aber in einen Kreis komme, wo schon viele zusammensitzen, dann wird das eine längere Aktion. Und ich bin geneigt, einfach ein Hallo und Guten Tag für alle in den Raum zu rufen. Aber da sagt mir neulich jemand: Sie übersehen mich in letzter Zeit immer. Sie haben mir jetzt schon zweimal nicht die Hand gegeben. Klar, wenn ich jemanden per Handschlag begrüße, zeige ich damit: Ich nehme Sie wahr, gehe persönlich auf Sie ein. Jeder fühlt sich dann wertgeschätzt. Und ich weiß dann auch wirklich, wer da war. Also mache ich es doch meistens. Ich rede auch meistens mit Leuten am Sonntagmorgen, hinten in der Kirche, vorm Gottesdienst und tausche mich über das Neueste aus. Wenn ich das mal nicht tue, dann fehlt mir diese Anwärmphase, diese Begegnung. Ein anderes Ritual ist das Gute Nacht Sagen und Beten mit den Kindern am Abend oder auch das Beten vor dem Essen. Auch das ist wichtig, selbst wenn die Kinder das Gebet manchmal runterleiern und ich mich frage, ob sie mit dem Herzen wirklich dabei sind. Egal wie bewusst oder unbewusst sie da mitmachen: für einen kurzen Moment hat man sich noch mal an Gott erinnert, und daran, dass er bei uns ist und dass unser Essen und alles, was wir haben, von ihm kommt. Deswegen machen wir das bei uns zuhause, auch wenn manchmal die Stimmung gar nicht danach ist. Rituale sind also ein gutes Mittel gegen das Vergessen. Sie sorgen dafür, dass etwas bleibt, unabhängig davon, wie ich mich gerade fühle, wie ich gerade zu ihnen stehe und ob ich gerade daran denke.
Sie erinnern uns an manches, was sonst im alltäglichen Geschäft unterginge. Und eben auch an Gott. Ein ganz wichtiges Ritual haben wir als Christen, nämlich unseren Gottesdienst. Die Sonntagsglocken, die ihn ankündigen, gehören zum Sonntagmorgen dazu. Und wenn sie aus irgendeinem Grund einmal nicht läuten, dann fällt das vielen Leuten auf. Sie wundern sich und fordern das auch wieder ein. Denn auch, wenn viele den Gottesdienst nicht mehr besuchen: Es ist beruhigend für sie, zu wissen, dass da andere stellvertretend an Gott denken. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war mir Gott eher ferne. Da hat mir das Mitbeten der Psalmen im Gottesdienst jeden Sonntagmorgen geholfen, meinen Glauben nicht zu vergessen. Seither schätze ich Rituale.
Rituale gegen das Vergessen
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