Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.09.07, Pastor Christoph Neumann (Choralandacht)

Sonne der Gerechtigkeit (EG 262/263)

Es gibt Ungerechtigkeiten, die schreien zum Himmel. Da gibt es Menschen, die alles haben. Andere haben nichts. Da gibt es die Mächtigen und die,

die sich nicht wehren können. Unrecht und Ungerechtigkeiten kümmern sich nicht um Grenzen. Weder um soziale, noch um nationale Grenzen. Es gibt sie fast überall und zu allen Zeiten. Wer solche Ungerechtigkeiten  erlebt, kann ein Lied davon singen.

Musik

Sprecherin: der reich man war geritten auß
es kam ein betler für sein hauß.
er bat die frawen vmb ein gab
das sie jm geb von jhrer hab.
das heyaho!

Autor: Böhmen im fünfzehnten Jahrhundert. Ein armer Lautenspieler  musiziert vor dem Haus eines  reichen Mannes. Die Gattin des Mannes, der ausgeritten ist, öffnet die Tür. Die Frau lebt wie ein Vogel im goldenen Käfig. Der reiche Gemahl hat Brot und Wein vor ihr weggeschlossen. Sie lässt den Bettler ins Haus. Der öffnet seinen Bettelsack und gibt ihr Käse und Brot. Und als Gegenleistung gibt sie dem Bettler ihren schönen Leib, bis am Morgen die Sonne aufgeht.

Einige Jahre später finden wir die Melodie dieses Liedes wieder. Im Gesangbuch der böhmischen Brüder. Diese Landsleute des Bettlers waren Christen, die auch unter Ungerechtigkeiten litten. Wegen unterschiedlicher Lehrfragen verfolgt und vertrieben, versuchten sie ein Leben im Geist Jesu Christi zu führen. Verzicht auf Gewalt und jegliche Form des Krieges, und ein Leben in freiwilliger Solidarität mit den Armen prägte die Gemeinschaft. Indem diese frommen Leute die Melodie des Bettlers sangen, erklärten sie sich solidarisch mit dem armen Mann und der armen Frau vom reichen Mann. So entsteht ein neues Lied. Ein Lied über die Gerechtigkeit

Choral: „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich Herr.“

Autor: Die böhmischen Christen machten aus dem Unrecht, das zum Himmel schhreit, ein Gebet. Einen Ruf zum Himmel. Dem Himmel, von  dem ein besonderes Licht leuchtet. Die Sonne, die nicht nach Grenzen fragt und zu allen Zeiten scheint. Die Sonne der Gerechtigkeit. Dieses Bild stammt aus einem Text der Bibel.  Ein Prophet hat den Auftrag von Gott, Unrecht und Ungerechtigkeiten anzuprangern. Gott, - so seine Botschaft,  wird die Menschen, die Unrecht tun, nicht ungestraft lassen. Denen aber, die Gott vertrauen, sagt er zu:

Sprecherin: „ Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln“

Autor: Die christlichen Kirchen haben dieses Bild auf Christus übertragen. Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Da, wo Christus erscheint, breitet sich Gerechtigkeit aus.  Für die Christen in Böhmen war klar: Wir können Unrecht nicht einfach zulassen. Es gilt aufzuwachen. Und auf die Stimme Christi zu hören, der sein Reich der Gerechtigkeit aufbauen will.

Choral: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, mache deinen Ruhm bekannt, überall im ganzen Land, erbarm dich Herr“        

Autor: Deutschland 1932. Am Horizont des politischen Himmels brauen sich schwarze Wolken zusammen: Sechs Millionen arbeitslose Menschen wissen nicht, wie sie Tag für Tag über die Runden kommen sollen. Die Nationalsozialisten werden stärkste politische Kraft im Land. Auf den Straßen Deutschlands liefern sich Schlägertrupps von rechts und links blutige Kämpfe. Begleitet von martialischen Schlachtliedern. Bei einem dieser Kämpfe sterben 18 Menschen. Dieser Sonntag im Juli wird als „ Blutsonntag“ in die Geschichte eingehen. Wie können Christen diesen schrecklichen Ereignissen und dem drohenden Unheil begegnen? Otto Riethmüller,  Jugendpfarrer und Vorsitzender der evangelischen Jugendkammer, gehörte zu den Menschen, die sich darüber Gedanken machten. Er gehört der Bekennenden Kirche an, einer Art Widerstandsbewegung im Raum der evangelischen Kirche. Ihm ist klar: Christus, die Sonne der Gerechtigkeit ist das eine Wort, das wir zu hören haben und das Licht in unsere Zeit bringen kann. Wir brauchen auch die Glaubenserfahrungen der verschiedenen Generationen und die Kräfte von alt und jung, um den unheilvollen Mächten, die sich in Deutschland breit machen, zu widerstehen.

Was das Land braucht, sind Lieder die verbinden, die Glauben, Hoffnung und Liebe wecken, die Licht in diese dunkle Zeit bringen. Lieder, die Mut machen. Sich trotz Schmerzen und Leid nicht hindern zu lassen, auch unbequeme und gefährliche Wahrheiten ans Licht zu bringen.

1932 erschien unter seiner Federführung das Jugendgesangbuch mit dem Titel „ Ein neues Lied“. Eines dieser neuen Lieder hat eine alte Melodie. Die Weise des alten böhmischen Lautenspielers. Mittlerweile gibt es ein halbes Dutzend Strophen zu dieser Melodie von ganz unter¬schiedlichen Liederdichtern aus verschiedenen Ländern und  Gegenden: Tschechien, der Schweiz, Halle und Würtemberg. Riethmüller setzt diese unterschiedlichen Strophen zusammen zu einem neuen Mutmachlied.

Choral: „Gib den Boten Kraft und Mut, Glaubenshoffnung, Liebesglut lass viel Früchte deiner Gnad, folgen ihrer Tränensaat, Erbarm dich Herr“

Autor: Das Unrecht und die Ungerechtigkeit zu bekämpfen, das ist eine schwere Aufgabe. Dazu ist es nötig, mit einer Stimme zu sprechen. Einheit ist wichtig. Nicht nur in stürmischen und unruhigen Zeiten. Uneinigkeit macht immer schwach. Da ist es hoffnungsvoll und erfreulich, dass dieses Lied zu einem ökumenischen Hoffnungszeichen wird. Für das katholische Liederbuch wurde 1973 eine ökumenische Fassung erarbeitet, diese wurde auch in das evangelische Gesangbuch übernommen, so dass wir dort jetzt zwei Versionen finden. Das ist Grund genug zu staunen und Gott zu loben: Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, schert sich nicht um Grenzen. Weder um nationale Grenzen, noch um zeitliche oder konfessionelle Grenzen. Dass diese Grenzen verschwinden, oder zumindest durchlässiger werden, dazu hat die Geschichte dieses Liedes einen wundervollen Beitrag geleistet.

Sprecherin: „ Lass uns eins sein, Jesu Christ, wie du mit dem Vater bist, in dir bleiben allezeit. Heute wie in Ewigkeit. Erbarm dich Herr.“

Choral: „Kraft, Lob, Ehr und Herrlichkeit, sei dem Höchsten allezeit, der, wie er ist drei in ein, uns in ihm läßt eines sein, Erbarm dich, Herr."

Autor: Es gibt noch genug zu tun. Das himmelschreiende Unrecht auch unserer Zeit zu einem Gebet zu machen. Zu beten und zu handeln. Auch in unserer Zeit fehlt es an vielen Orten am Frieden und an Gerechtigkeit. Nicht nur weit weg von uns in Afghanistan,  im Irak oder im Nahen Osten. Die Schere zwischen arm und reich geht auch in unserem Land immer weiter auseinander. Trotz der zurzeit guten wirtschaftlichen Entwicklung, gibt es immer noch viel zu viel Menschen, die keine Arbeit haben. Der soziale Friede ist eine ständige Aufgabe.

Angesichts der großen Herausforderungen könnten wir da schnell den Mut verlieren. Was können wir mit unserer kleinen Kraft schon bewirken? Da ist es wichtig, kleine Zeichen zu setzen. In ein paar Wochen feiern wir  in unserem Stadtteil wieder am Buß und Bettag einen ökumenischen Gottesdienst. In diesem Gottesdienst kommen immer auch Menschen zu Wort, die sich für andere einsetzen. Oft sind es kleine und unscheinbare Aufgaben, die für andere getan werden: In der Nachbarschaftshilfe. In einem Besuchsdienst. Oder im Nachhilfeunterricht für ausländische Kinder. Wir bitten Gott für ein gutes Klima. Nicht nur den mit Wolken, Luft und Wind. Sondern auch für ein gutes Klima unter uns Menschen. Ein Klima, in dem  Frieden herrscht und es schön unter uns wird. Da macht es Mut, zu sehen: Wir können etwas bewirken. Und wenn es nur ein kleine Licht ist, das da leuchtet. Zu diesem Gottesdienst gehört auch das Lied von der Sonne der Gerechtigkeit.

Choral: "Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, daß die Welt es sehen kann, Erbarm dich, Herr."

Musik:
1) Text: Strophe 1 und 6: Christian David (1691 – 1751) Strophe 2, 4 und 5: Christian Gottlob Barth (1799 – 1862) Strophe 3 und 7: Johann Christian Nehring (1671 – 1736)
Melodie: 15. Jahrhundert / geistlich Böhmische Brüder 1566 LC 00895
Bearbeitung: Jochen Rieger / Schulte und Gerth Studiochor Leitung: Jochen Rieger

2) Du meine Seele singe, Choräle auf sechs Saiten, Reinhard Börner (Gitarrenbearbeitung)
Track 8 LC 06860



Audiobeitrag Sonne der Gerechtigkeit (EG 262/263)


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