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Vom müssen und dürfen ...der Gottesdienstbesuch
Erst stand auf diesen Besuch die Todesstrafe. Dann musste auf einmal jeder hin, ob er nun wollte oder nicht. Und schließlich wollten es die meisten nicht mehr.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Christiane Nolting und ich bin Pfarrerin und Superintendentin in Bad Salzuflen-Lockhausen. 'Müssen wir jetzt immer in den Gottesdienst?' fragen mich die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie fürchten, dass ihnen in den kommenden zwei Jahren Konfirmandenunterricht alle Sonntage mit dem Gottesdienstbesuch verdorben werden. Ich beruhige sie, denn es sind ja nur zwei Sonntage im Monat und die Eltern pflichten mir bei und sagen: 'Das mussten wir früher auch...'
Es hat sich also nichts geändert, in der Kirche nicht und bei den Kindern nicht. Da müssen die Jugendlichen eben durch. Später kann jede und jeder entscheiden, ob der Gottesdienst ihnen etwas bedeutet. Meistens bringen eben diese Eltern ihre Kinder am Sonntagmorgen zur Kirche, setzen sie ab und fahren wieder nach Hause, um sie nach einer Stunde wieder abzuholen. Nur bei besonderen Gelegenheiten, Special Events, kommen sie vielleicht mit, wenn die Kinder etwas vorbereitet haben - und an Weihnachten. Und ich frage mich: Was ist schief gelaufen bei mir, bei uns, in der Kirche? Sind wir wirklich so hoffnungslos unmodern? Reden wir an allen Bedürfnissen und an allen Fragen der Menschen vorbei? Wo ist die Sehnsucht geblieben, die sich nach den Vorhöfen Gottes sehnt, wie der Psalmbeter es noch beschreibt? Gibt es noch so etwas wie eine Sehnsucht nach dem Gottesdienst, dem Dienst Gottes an uns Menschen? Und wie lässt sie sich beschreiben, und wo lässt sie sich finden?
Musik
Der Anfang des 4.Jahrhunderts brachte die Wende. Vorher trafen sich die ersten Christengenerationen heimlich, teilweise unter Einsatz ihres Lebens. Noch um das Jahr 303 wurde unter dem römischen Kaiser Diocletian ein Presbyter Namens Saturnius zusammen mit seinen Gefährten verhaftet. Sie lebten in Nordafrika. Aus den Prozessakten ist uns folgender Dialog vom Verhör überliefert: Als nämlich der Prokonsul sagte
Sprecher 1: Du hast gegen die Verordnung der kaiserlichen Gebieter gehandelt, um alle diese Leute zu versammeln,
Autorin: da antwortete der Presbyter Saturnius
Sprecher 2:....: Wir haben unbekümmert das Herrenmahl gefeiert.
Autorin: Der Prokonsul fragte
Sprecher 1: Warum?
Autorin: Er antwortete
Sprecher 2: ...weil wir ohne das Herrenmahl nicht sein können.
Autorin: Das war sein Todesurteil. Das alles änderte sich unter dem römischen Kaiser Konstantin um das Jahr 312. Kaiser Konstantin erlaubte den Christen, ihre Religion öffentlich auszuüben. Und mehr noch, er hat das Christentum durch große repräsentative Kirchenbauten gefördert und später zur Staatsreligion erhoben ohne allerdings die bisherigen Religionen und Kulte zu verbieten. Erst später wurde aus Verfolgten Verfolger aber das ist eine andere Geschichte. Ab nun konnten Christen ungehindert zum Gottesdienst gehen. Der Sonntag als 1.Tag der Woche wurde zum allgemeinen Feiertag. Übrigens nicht unbedingt zum arbeitsfreien Tag. Die Gottesdienste wurden geschützt, niemand durfte gehindert werden, am Gottesdienst teilzunehmen, aber für viele war der Sonntag ansonsten ein Arbeitstag. Feiertag war nicht gleich Ruhetag wie der Sabbat der Juden. Die Christen feierten den Sonntag als den Auferstehungstag ihres Herrn, das war ihr Feiertag. Noch Martin Luther warnte vor dem Müßiggang am Sonntag und empfahl den Mägden und Knechten, bevor sie auf dumme Gedanken kämen, nach dem Gottesdienstbesuch lieber wieder an die Arbeit zu gehen. Erst 1895 ist in Deutschland der arbeitsfreie Sonntag eingeführt worden allerdings gab es für bestimmte Berufsgruppe wie die Landwirte immer Ausnahmen. In der Verordnung zum Arbeitszeitgesetz vom 31.10.2006 heißt es noch § 9
Sprecher: Arbeitnehmer dürfen an Sonn- und gesetzlichen Feiertagen von 0 bis 24 Uhr nicht beschäftigt werden.
Autorin: Und § 10
Sprecher: Sofern die Arbeiten nicht an Werktagen vorgenommen werden können, dürfen Arbeitnehmer an Sonn- und Feiertagen abweichend von § 9 beschäftigt werden. Mindestens 15 Sonntage im Jahr müssen beschäftigungsfrei bleiben.
Doch das Privileg, zum Gottesdienst gehen zu dürfen, verkam zum moralischen Zwang, zum Gottesdienst gehen zu müssen. Dem allerdings längst nicht immer alle nachkamen. Schon Martin Luther beklagte die leeren Kirchen seiner Zeit. Und die treuen Besucher setzten sich bei ihrem sprichwörtlichen Sonntagsgang auch schon mal dem Spott der Daheimgebliebenen aus. Franz Joseph Degenhardt besingt das treffend in seinem Lied 'Deutscher Sonntag':
O-Ton: 2. Strophe: Da treten sie zum Kirchgang an, Familienleittiere voran, Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend, die sie heimlich vorwärts schieben, weil die gern zu Hause blieben. Und dann kommen sie zurück mit dem gleichen bösen Blick, Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend, die sie heimlich heimwärts ziehn, daß sie nicht in Kneipen fliehn.
Es ist gut, dass es diesen Zwang so nicht mehr gibt, dass 'man' nicht mehr muss, wenn man nicht will. Aber ich frage mich auch manchmal, ob nicht durch diesen nötigen Bruch mit der Tradition, nicht auch noch etwas anderes gleich mit verloren gegangen ist: Das verlorene Wissen um einen Ort, der mich schützt und birgt.
Musik
Wo wird meine Sehnsucht gestillt? Die Sehnsucht nach dem, was anders ist als alles, was mich die ganze Woche umgibt! Die Sehnsucht nach der 'heilen Welt'! Nicht nach der Rama-Familie im Fernsehen oder dem naiv-fröhlichen Weltfrieden. Nicht die heile Welt, die alles ausblendet, sondern meine Ängste, meine unerfüllten Wünsche, meinen Unfrieden mit mir selbst mit einschließt. Ich suche einfach nur Ruhe, Entspannung, und eine Stunde, in der mal niemand etwas von mir will. An diesem Ort möchte ich keine Unterhaltung und keine Werbung, im Gegenteil, das alles will ich hier gerade nicht. Ich will nicht unterhalten, sondern getröstet werden. Ich will keine Events und auch kein Konzert mit meiner Lieblingsmusik, die erwarte ich nicht in einem Gottesdienst.
Andere gehen auf der Suche nach der 'heilen Welt' auf Reisen: Kreuzfahrten sind sehr beliebt, aber auch Reisen nach Indien oder Tibet, Afrika oder Japan, dorthin, wo Menschen noch Antworten auf das 'Eigentliche' zu finden meinen. Und ich bin mir sicher, dass es dort etwas zu finden gibt aber nicht nur dort. Ich muss gar nicht so weit fahren. Ich gehe sonntags auf meine Reise - in den Gottesdienst. Der ganz normale Sonntagsgottesdienst ist eine Reise zu mir selbst, heraus aus dem Alltag.
Oton
Glocken
Eine Reise, auf der Gottesbegegnung durchaus möglich ist, aber nicht garantiert. Die Reise mache ich nicht allein, ich habe Gleichgesinnte, bzw. Gleiches-Suchende neben mir. Wenn ich will, kann ich mit ihnen reden und mich austauschen. Muss aber nicht sein. Diese Reise kennt verschiedene Wegstationen. Am Anfang versichern wir Reisende uns, dass wir hier richtig sind, und dass der Gottesdienst nicht eine Privatveranstaltung des Pfarrers, der Pfarrerin ist.
O-Ton: Im Namen des Vater, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Ich bin auf eigenen Wunsch da, aber eingeladen haben mich die Glocken, eingeladen bin ich von dem Herrn der Kirche: Christus. Ich muss mich an diesem Morgen nicht besonders bedürftig fühlen, aber neugierig darf ich sein, gespannt und ich darf auch etwas erwarten. Die Lieder sie sind mir nicht immer vertraut, bleiben mir manchmal fremd, macht nichts - sie vergewissern uns der Gegenwart Gottes. Dann im Eingangsteil des Gottesdienstes kann ich mein Gepäck los werden, alles, was mich bewegt, warum ich gekommen bin, meinen Dank, meine Wut und Angst, alles hat hier seinen Platz.
O-Ton: Psalmbeginn
Ich muss das gar nicht selbst formulieren, Psalmen und Gebete helfen mir dabei. Und ich kann mich genauso gut abgrenzen. Nicht alles passt, passt auf mich und meine Situation. Dann manche ich mir meine eigenen Gedanken, meine eigenen Gebete vielleicht.
O-Ton: Schriftlesung
Bei den Worten der Bibel in der Schriftlesung treffe ich vielleicht auf einen neuen Aspekt, der mich zum Nachdenken anregt. Oder verstehe ich das alles nicht? Wie ist das gemeint? Ich packe es gedanklich erstmal in die Reisetasche.
O-Ton: Glaubensbekenntnis
Im Glaubensbekenntnis spreche ich die Worte, mit denen Generationen vor mir ihren Glauben ausgedrückt haben. Mich berührt das: was sich 2000 Jahre bewährt hat, kann nicht ganz falsch sein, es hat viele Menschen getröstet und getragen. Vielleicht ja auch mich.
Ach ja, die Predigt. Meine Konfirmanden sagen mir: nur eine kurze Predigt ist eine gute Predigt. Nun, das kann, das muss aber nicht so sein. Manchmal möchte ich einen Gedanken noch länger verfolgen, aber zugegeben, manchmal bin ich froh, wenn die Predigt vorbei ist. Gotteswort in menschlichem Gewand, manchmal ist es allzu menschlich. Aber es gibt keine Predigt, die mich nicht herausfordert, manchmal auch zum Widerspruch. Und das darf ich dann auch sagen nachher beim Kirchkaffee oder an der Tür.
O-Ton: Fürbitten
Später beim Fürbittgebet kann ich mir wieder die fremde Sprache ausleihen oder eigene Worte finden, aber hier ist endlich ein Ort, wo ich meine ganze Hilflosigkeit, meine Wut, mein Nichtverstehen und meine Angst ausdrücken kann. Warum Gott, lässt du das alles zu? Und wenn es passiert, dann sei doch bei denen, die so geschunden und ohnmächtig sind.
O-Ton: Aaronitischer Segen 018
Ich werde gesegnet, ich bin glücklich, ich darf wieder zurück an den Ort, wo ich mein Leben lebe mit allem, was daran schön und weniger schön ist. Aber ich gehe mit dem Versprechen Gottes, das er mit mir geht. Sein Segen begleitet mich in den Alltag. Ich trete wieder hinaus. Sonne empfängt mich oder Regen. Aber ich komme ganz sicher nicht so wieder heraus wie ich vorhin hinein gegangen bin. Ich grüße, rede drei Worte hier und dort. Manchen Menschen begegne ich nur hier am Sonntag, mit anderen teile ich die Woche, eine Woche, die am Sonntagmorgen beginnt, mit dem Gottesdienst, - und den gönn' ich mir.
Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag aus der Evangelischen Kirche im Lipperland und: Gute Reise...Ihre Christiane Nolting
Musik
Vom müssen und dürfen ...der Gottesdienstbesuch
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